An der Universität bedeutet Theologie ein Ensemble altehrwürdiger Wissenschaften wie der Dogmatik, der Bibelwissenschaft oder des Kirchenrechts. Man möchte sich das als Hort der Sicherheit vorstellen in einer sich rasant verändernden Zeit. Stattdessen sehe ich, wenn sich das Denken an völlig neuen Fragen entzündet, die Theologie erst richtig anfangen. So begegnen uns Fragen nach der Einheit der Kirche und ihrem Selbstverständnis, sobald der christliche Glaube in ganz neuen Kulturen und Denkweisen ankommt, wie in Afrika oder in China, erst recht aber bei seiner Übersetzung in den Kontext der westlichen Konsumgesellschaft. Ich möchte einige Beispiele für solche Übersetzungen präsentieren, die sehr Wesentliches leisten zur Neubuchstabierung unseres Glaubens in veränderten Zusammenhängen.
Giorgio Agamben untersucht in HERRSCHAFT UND HERRLICHKEIT den Ökonomiebegriff, der ein Hauptwort unserer heutigen Gesellschaft ist – sowie auch ein Schlüsselbegriff der frühchristlichen Rede über den dreifaltigen Gott. In seiner philosophischen Untersuchung fällt einiges Licht auf die Kindheit und Jugend des christlichen Abendlandes, in dem sich Gesellschaft und Religion stets miteinander entwickeln. (Dringend zu empfehlen ist auch sein kluger Kommentar zum Römerbrief: DIE ZEIT, DIE BLEIBT) Nicht entgehen sollte uns die Prozesstheologie, von der Roland Faber Zeugnis gibt (GOTT ALS POET DER WELT) – obgleich es von Originaltexten noch keine deutschen Übersetzungen gibt. Sehr froh wäre ich, käme es zu einem gemeinsamen Lesen und Austauschen!
weichensteller - 19. Mär, 12:28
Die einzige wesentliche Wahl, die ein Christ hat, ist ein Leben mit Gott. Das ist keine Frage der Auswahl. Wir haben nur ein Leben, und wir glauben an nur einen Gott. Eine Mehrzahl an Göttern würde unsere Wahl nur schwächen – denn was könnten das für Götter sein anstelle des Einen? So heißt unsere Wahl: entschieden glauben.
Auch bei der Pfarrgemeinderatswahl wird die Qualität der Wahl nicht durch die Zahl der Kandidaten garantiert, sondern durch ihren Ernst und die Aufrichtigkeit ihres Dienstes. Ich würde Gläubige mit Gemeindebezug, die in ihren Glauben investieren wollen, bloßen Funktionären vorziehen, die als Macher oder Redner das Kirchenbild dominieren. Denn ich sehe eine zweite Wahl: Junge Menschen, Zugezogene und Fernstehende sehen ja jene Repräsentanten dann im Vordergrund stehen, und wählen mit ihnen zusammen schließlich die Kirche und den christlichen Glauben. Oder eben nicht. Denn das Gesicht der Kirche geben ihr die MitarbeiterInnen, mit ihren Umgangsformen und ihrer geistigen Beweglichkeit. Wieviel wird von Beobachtern geklagt über Scheinheiligkeit und Bigotterie, und beileibe nicht nur im Klerus. Das ist dann die heute vom Privatglauben säuberlich geschiedene Institution! Andererseits gibt es auch das Glaubenswachstum einer Gemeinde, das ich beobachte, nur dann, wenn Gläubige neu lernen und sich persönlich weiterentwickeln. Die Schönheit der Kirche, das sind Menschen, nicht Gebäude!
weichensteller - 12. Mär, 15:59
Wer hat gesagt, dass Theologie Reden von Gott sei? Viel eher fragen, suchen und forschen. Das ist nichts zum Nachlesen: Lesen ist gerade erst der Anfang vom Fragen. Ein Beispiel: Als 2009 vom Staatsfernsehen der zweihundertste Geburtstag Charles Darwins zelebriert wurde, fiel kein einziges Wort über Schöpfungstheologie. Warum? Weil wir keines haben. Niemand forscht über Zusammenhang und Unterschied zwischen Evolution und Schöpfung. Und hier begänne die Theologie:
Wir müssten zunächst einen theologischen Zeitbegriff erarbeiten, der über Augustinus und die Antike hinausgeht und mit der Quantenmechanik, der Allgemeinen und der Speziellen Relativitätstheorie auf Augenhöhe ist. Dann geht es darum, wie das von Gott gewollte Geschöpf ins Sein und in die Zeit eintritt und dabei seine Identität bewahren kann. Es ist dieselbe Frage wie die nach Tod und Auferstehung. Zweimal der Übergang. Solche Schöpfungstheologie wäre die Vorderseite der Auferstehungstheologie.
Ein anderes Beispiel: Seit Jahrzehnten reibt uns das sozialistisch geführte Staatsfernsehen bestellte Umfragen unter die Nase. Persönlichkeiten mit Sendungsbewusstsein und Karriereknick predigen über das Aufbegehren des Kirchenvolkes. Und wo bleibt die Pastoraltheologie? Wann endlich beginnt sie, die gesellschaftlichen Zerwürfnisse zwischen Liberalen und Konservativen im Revolutionsjahr 1848, im faschistischen Ständestaat und in der Nachkriegsordnung zu untersuchen auf ihre Auswirkungen auf den Katholizismus?
weichensteller - 7. Mär, 12:32
Das Authentische ist in der Glaubensverkündigung genauso deutlich zu spüren, wie beim Kochen ein Unterschied ist zwischen Frischgemachtem und Fertigkost.
Geh in eine Kirche und entdecke Plastikkerzen mit Elektroantrieb, Kunststoffblumen und Plastiktischtücher. Beobachte, wieviel Fadenscheiniges und Vorgespieltes im Verhalten der Gläubigen ist, und verstehe, dass sich Jugendliche weigern, das zu schlucken. Höre seit Jahrzehnten dieselben Lieder, ohne Texte und Stimmungen ernst nehmen zu dürfen, weil sie unpassend sind. Finde Menschen, die keine anderen Gründe haben, als dass es schon immer so war, und dass es dazugehört. Bete buchgewordene Fürbitten aus dem vorigen Jahrhundert und erwarte nicht, dass sie erhört werden. Wärme die gleiche schale Suppe auf und sag, wen das sättigen soll.
Oder beginne neu zu glauben.
Selbst zu glauben, anstatt hinterherzulaufen. Mit originalem Kerzenwachs und berührender Musik, nicht zugekauft, sondern selbst gespielt und gesungen. Mit echtem Gebet und eigenen Gedanken.
Suche die Hürden deines Gottesglaubens, anstatt sie weiterhin großräumig zu umgehen, und hol dir Hilfe, um sie zu überwinden.
Dann wird bald die Kirche zu duften beginnen und die Gemeinde jung und lebendig werden – falls ihr das riskieren wollt
weichensteller - 29. Feb, 11:57
Geschichtenerzähler kommen aus dem Orient – so wie unsere Religionsgründer. Für eine Geschichte braucht man einen Anfang. Es kann ruhig die gegenwärtige Situation sein. Wer aber anhebt, braucht eine Fortsetzung, und hier beginnt die Kunst. Viele machen aus der Gegenwart eine Untergangsgeschichte. Sie legen los bei der Finanzkrise, der Politik, den Sitten, dem Klima, der Schule oder der Kirche. Sie verraten beim Erzählen das Ende noch nicht – aber es wird als eine neue, nie dagewesene Not vorzustellen sein. Der große Vorteil der Untergangserzählungen ist, dass der kluge Erzähler eine Vorteilsklausel einbauen kann. Du kannst dem drohenden Untergang entgehen, wenn du das und das tust. So haben sie schnell die Hörer in der Hand.
Ich dagegen erzähle Aufbaugeschichten. Innovative Pastoral ist so eine Erzählung. Sie beginnt mit Schritten bei der Erfahrung. Dass wir Gott nicht sehen können, ist kein Rückschritt, sondern der Anfang der Überwindung eines falschen Gottesbildes. Dass Gott anders ist als Menschen, und dass er nicht in unsere Pläne passt, zeigen weitere Schritte. Dort, wo die Untergangserzähler am lautesten heulen, am Strand des Roten Meeres, wenn die Feinde heranrücken, da hat die Aufbaugeschichte den ersten Höhepunkt: Das Meer teilt sich. In meiner Gemeinde tauchen jetzt neue Mitarbeiter auf, neue Perspektiven in verfahrenen Situationen. In meiner Erzählung hat die Sonntagsliturgie großen Stellenwert (wie der Sabbat in der Mosesgeschichte), die Feier, in der sich die Gemeinde bildet und erneuert. Individualität und Zusammenhalt sind wichtig für die Erzählung, freies, kreatives Handeln der Protagonisten. Jetzt kommt die Geschichte in Fahrt...
weichensteller - 24. Feb, 07:58
Was während der Woche in der Gemeinde stattfindet, ist die Antwort und Verwirklichung dessen, was von Gott am Sonntag verstanden wurde. Dienst an den Alten und Kranken, Vorbereitung für die Sakramente, gemeinsames Glaubensleben. Die Brücke dazwischen ist das Pfarrcafe, regelmäßiger Treffpunkt, gemütlicher Ort für Austausch und Besprechungen. Zumal in einer Zeit zunehmender Migration, wo immer wieder Menschen zuziehen, soll darauf geachtet werden, auf Neue zuzugehen und Kontakt aufzunehmen.
Eine Schülerin sagte zu mir: Ja, jetzt gehe ich zur Sonntagsmesse, denn wegen der Firmung bin ich verpflichtet. Aber ich tue das nur vorläufig, wirkliche Glaubensentscheidungen werde ich erst als Erwachsene treffen. – Ich habe den Eindruck, dass diese Schülerin ihre Haltung der Vorläufigkeit in erwachsenen Gemeinden gelernt hat, und dass viele Erwachsene nicht mehr daraus herausfinden. Dagegen sollte die Gemeinde ein Ort sein, wo Eindeutigkeit erfahrbar ist.
In vielen Gemeinden gibt es einen Hang zum Habituellen: Ja, beim Pfarrfest packen wir mit an, oder bei der Kirchenreinigung. Oder beim Sommerlager für Kinder. Aber was ist dazwischen, während des Jahres? Andere Gemeinden stellen Service ins Zentrum: Caritas, Krankenbesuche, Taufen, Begräbnisse, Kirchenchor. Aber eigene Ideen? Impulse für Dorf und Stadt?
Erst eine Gemeinde in Balance gibt den Horizont, um den Himmel zu erfahren!
weichensteller - 11. Feb, 22:57
Unter einer Gemeinde verstehe ich die Menschen, die sich sonntags um den Altar versammeln. Das hat nichts mit Territorium zu tun, aber viel mit dem, was diese Menschen da suchen.
Natürlich steht die Eucharistiefeier im Zentrum, wo Jesus sagt: Nehmet und esset alle davon – und die Gemeinde, das sind die, die dem Ruf gefolgt sind. Aber für die Identität der Gemeinde ist auch entscheidend, was nun die Menschen wirklich stärkt. Sind es lebendige Feiern, in denen man prägende Erfahrungen machen kann mit Menschen und Gott? Eine Gemeinde ist gut beraten, die die besten Mitarbeiter und die meiste Energie in die Gottesdienste investiert. Eine Gruppe von gut ausgebildeten LektorInnen, die sich gewissenhaft und selbstbewusst auf die Sonntagslesungen vorbereiten. Kommunionsspenderinnen, die sich im Dienst Christi wissen. Ein Mesnerteam, das liturgische Geräte und den Kirchenraum pflegt und bereitmacht. Und bitte die Fürbitten: Wer hat behauptet, dass Gläubige nicht selber beten können? Wozu diese unsinnigen Bücher, aus denen immergleiche Fürbitten vorgetragen werden: haben wir etwa keine Gebetsanliegen? Und niemanden, der sie formulieren kann? Und ein Wort zum Gesang: Angeblich ist ja Kärnten das Land der Sänger und Chöre. Aber vielleicht auch das Land der Zuhörer, die das Singen lieber anderen überlassen. Aber dann begibt man sich einer Vitalität des Leibes, wenn man die eigene Stimme nicht gebraucht und verkümmern lässt, und verdreht das Gotteslob zu einer lästigen Pflichtübung. Der Gottesdienst ist Gesicht und Stimme der Gemeinde.
weichensteller - 7. Feb, 17:50
Jeder kennt die Reaktionen auf im trauten Kreis vorgetragene Erneuerungsvorschläge. Stirnrunzeln, Hinterfragung der Notwendigkeit und Behauptung ihrer Undurchführbarkeit. Die Einwände sind vorhersehbar, auch, wer sie einbringt. Ob im Familienkreis, im Pfarrgemeinderat, im Dekanat, im Priesterrat oder in der Bischofskonferenz, die Beharrungskräfte folgen überall den selben Ritualen. Schwerer durchschaubar als das sofortige Abblocken ist die vermeintliche Zustimmung, die dann aber viele Kompromisse fordert und schließlich die ganze Unternehmung auf andere Mühlen lenkt.
Als wir in Villach eine ökumenische Jugendbefragung machten, um Religiosität, Glauben und Kirchlichkeit unserer Firmkandidaten, Ministranten und Jugendlichen, sowie das Stimmungsbild in ihren Schulklassen zu erforschen, da stiegen schon während der Durchführung Partner stillschweigend aus, und die abschließende Präsentation sollte zu einem Jugendspektakel umfunktioniert werden, während eigentlich statistische Analysen vorzutragen und zu erklären waren. Folgerichtig kam es dann zur Diskussion der Ergebnisse nicht mehr, sondern man beschäftigte sich mit der Performance.
Eine zwischen Stadtpfarren konzertierte Stadtmission mit Medienbeteiligung konnte dann auch dazu umfunktioniert werden, das eigene, völlig unveränderte Martinsfest besser zu bewerben. Und die als Mission gemeinte Lange Nacht der Kirchen dient landläufig dazu, den eigenen Kirchenmusikern eine Auftrittsgelegenheit zu verschaffen – alles natürlich für denselben, altbewährten Kirchenkreis.
Eine Auswahl an Schutzphrasen von solchen, die sich von Erneuerungen verunsichert fühlen: Man soll doch die Kirche im Dorf lassen (als ein Vortrag von Medienvertretern als zu bieder kritisiert wurde beim Villacher Kritischen Oktober). Zunächst einmal vorhandene Ressourcen nützen (Stadtmission ohne Erweiterung der Methoden). Das haben wir schon alles probiert, das geht bei uns nicht. Da machen die Leute nicht mit. Dann dauert die Messe zu lange. Wir machen das ja ehrenamtlich.
Es ist leicht zu sehen, dass kirchliche Erneuerung langen Atem und dicke Haut braucht!
weichensteller - 28. Jan, 20:00