Fragen und Diskussion

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Weihnachtsbesinnung im Kirchenbetrieb

Ob in Zeiten der Missbrauchsskandale oder in den weniger aufgeregten der Pfarrerinitiative: Die Situation der Kirche in der Gesellschaft ist bestimmt als dramatisch zu betrachten. Schweres Fehlverhalten einiger hat uns alle an den Pranger gebracht. Zögerlicher Umgang mit Reformen ist Wasser auf die Mühlen von Besserwissern, die sich nun rechthaberisch inszenieren. Ich bin beileibe kein Anhänger der Pfarrerinitiative, und halte Schüller und seine Leute, die ich aus Wiener Tagen in Erinnerung habe, für pharisäisch und obendrein reaktionär, was ihr Kirchenbild betrifft. Den angeblich gesuchten Dialog verhindern sie gerade selbst, indem sie jegliche Auseinandersetzung auf die Ebene von Fordern – Erfüllen zwingen wollen. Ist das nicht ein pubertärer Diskurs, wie er in Familien mit Heranwachsenden stattfindet?

Umso mehr vermisse ich eine wirkliche öffentliche Entgegnung. In Kärnten gibt es sehr viel Sympathie für die Pfarrerinitiative, und vielfach wird das Schweigen der Kirchenleitung auch als geheime Zustimmung gewertet. Aber auch Ängste vor einer neuen Kirchenspaltung habe ich wahrgenommen. Wenn auch die meisten ihrer Anliegen schon vor Jahrzehnten vorgebracht wurden, und viele davon nur für sehr kleine Gruppen von Gläubigen relevant sind, so scheint es doch angebracht, etwas darauf zu erwidern, anstatt ihnen das Feld zu überlassen für populistische Agitationen. Wir haben doch einen großen Apparat der kirchlichen Meinungsbildung, haben Pastoralamt, Schulamt, Priesterrat, Diözesanrat und Dechantenkonferenz und unsere eigenen Medien. Und wir sollten genügend Erfahrung und Geschicklichkeit haben im Umgang mit divergierenden Ansichten, ohne einzelne vor den Kopf zu stoßen, zu verletzen oder zu isolieren. Andererseits soll Diversität aber keine Ausrede sein, auf klare Positionen und Auseinandersetzungen zu verzichten! – Als ich beim Kritischen Oktober dieses Thema aufgriff, war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt, und man hätte eine Stecknadel fallen gehört. Pfarrer Donko sprach für die Pfarrerinitiative, ich dagegen. Die Diskussion danach zeigte, dass nicht so sehr Partei ergriffen, sondern die Auseinandersetzung selbst gesucht und gelobt wurde. Aber wo ist nun die öffentliche und hochkarätige Diskussionsreihe, die eine öffentliche Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe ermöglicht?

Meine pastoralen Erfahrungen und theologischen Studien lassen mich jene kirchlichen Wutbürger mit der seligen Volkskirche in einem Licht sehen. Aus den ehemals von Pfarrherrn und Sakramenten wohlversorgten Scharen von Gläubigen, die sich bereitwillig in Strukturen fügten und daraus Identität und Sicherheit bezogen, wird nun eine Gruppe selbstbewusster Individuen, die sich nicht mit den angebotenen Gnadengaben begnügt, sondern zu fordern beginnt und Ansprüche stellt. An beidem stört mich das Konsumieren, das eine ins Bürgerliche abgleitende Kirchenauffassung hervorgebracht hat, während doch das Konzil den Gläubigen als Subjekt des Glaubens und der Gemeinde gesehen hat – und nicht als Konsument.

Meinen eigenen Auftrag sehe ich darin, an der Messianischen Kirche mitzubauen. Ich meine, deren Konturen in der heutigen Zeit dort zu sehen, wo Bekenntnis und Glaubenseinsatz gewagt und riskiert werden – etwa, wenn Jugendliche oder moderne Menschen im Gottesdienst öffentlich auftreten und Stellung nehmen zu Zumutungen des Evangeliums. Das Suchen und Fördern von Charismen der Gläubigen müsste ein Standard werden, der für Liturgie und Gemeindeleben selbstverständlich ist. Da ist mit Unruhe und Bewegung zu rechnen, mit persönlicher Entwicklung einzelner sowie der ganzen Gemeinde. Herausforderung und Weckruf überwiegen allmählich die bloße Befriedigung von Servicebedürfnissen. Glaubensentwicklung braucht mehr Experiment als Ritual, mehr Aufbruch als Wiederholung. – Solche Standards sind im Klerus natürlich keineswegs verankert. Nicht einmal innerhalb des Klerus gibt es eine Begegnung auf Augenhöhe, wenn im Dekanat Klagenfurt die Hälfte nicht einmal zu den Kleruskonferenzen kommt, sondern sich auf die eigene Pfarre stützt wie auf einen Privatbesitz. Ich habe nie verstanden, auch in Wien nicht, wie aufstrebende Wohngebiete in besten Lagen in der Hand älterer wohlverdienter Pfarrer sein können, die dort ihre Pensionierung erwarten, während junge dynamische Leute in Feistritz/Drau, Radenthein, Maria Pulst, Maria Rain, Arnoldstein oder Friesach ihre besten Jahre verbringen und anschließend die Provinz gänzlich verlassen oder gar die Branche wechseln. Es könnte auch sein, dass sie immer dörflich geblieben sind und nie auf eine urbane Pastoral vorbereitet wurden. Mein Freund und Mitbruder R. ist zum Beispiel, behütet von einer sogenannten Bewegung und polnischen Freunden, in einem urbanpastoralen Hotspot ersten Ranges gelandet, in St. Ruprecht. Völlig unvorbereitet und bar jedes migrantenpastoralen Konzepts, ist er dort den alternden VertreterInnen eines veralterten Gemeindekonzepts ausgeliefert und scheitert an ihnen wie auch an der Pfarrbevölkerung. Wir reden oft darüber – aber modernes, städtisches Leben und Denken sind ihm ganz fremd. – Übrigens hat Pfarrer Donko als Hauptgrund für seine Mitgliedschaft bei der Pfarrerinitiative das Machtgehabe im Klerus genannt, namentlich die Vorgänge bei den Postenbesetzungen, die er aus der Nähe kennt.

Den fehlenden Priesternachwuchs führe ich auf fehlende pastorale Standards im Klerus und in den Gemeinden zurück. Die Diskussionen über die Zulassungskriterien sind dabei willkommene Ausreden für pastorale Versäumnisse. Wer sich bloß an den gegenwärtig das Gemeindeleben dominierenden Gruppen orientiert und ihre Wünsche befriedigen möchte, braucht sich nicht zu wundern, wenn Jugendliche und junge Mitarbeiter fehlen. Priester, denen ihr eigenes Ansehen viel bedeutet, stützen sich gern auf andere Angesehene und bilden bürgerliche Gemeinden, die sich im Großen und Ganzen selbst genügen, und da oder dort zur Selbstrechtfertigung womöglich eine Spendenaktion veranstalten. Ich meine, dass ohne riskierte Neuansätze kein Wachstum möglich ist, weder für Individuen noch für Gemeinden. Andererseits habe ich bei pastoralen und liturgischen Experimenten immer neu aufflammendes Interesse beobachtet, besonders bei Jugendlichen und modernen Menschen. Ich kenne derzeit zwei junge Männer, die sich vorstellen können, Priester zu werden. Und ich kenne viele aufgeschlossene junge Menschen in meinen Schulklassen, die enttäuscht sind von langweiligen Gottesdiensten und nichtssagenden Predigten, die sie in ihren Gemeinden erleben. Schon vor Jahren habe ich darum gebeten, regelmäßige Jugendmessen für jedes Dekanat einzurichten, die vom Bischof oder vom Jugendseelsorger gehalten werden, in innovativer Form, mit größtmöglicher aktiver Beteiligung der Jugendlichen, mit ihnen gemäßer Musik und genügend Zeit und Raum für Austausch und Gespräch. Dabei wären Firmgruppen und Schulklassen einzubinden, und deshalb auch Gesprächsebenen aufzubauen mit FirmbegleiterInnen und LehrerInnen – was mich schon zum nächsten Anliegen führt.

Es ist mir seit vielen Jahren ganz und gar unbegreiflich, wie sich die Kärntner Kirche leisten kann, auf die Fähigkeiten und Charismen ihrer besten Theologen und Theologinnen zu verzichten, nämlich derer, die in die Schule gehen. Sie führen ein Dasein wie eine fünfte Kolonne, und fühlen sich auch so behandelt. Bei der Herbsttagung, inmitten von 80 oder 100 dieser großteils mit modernem Lebensweisen Vertrauter, die meist gut im Gespräch mit Jugendlichen sind, hatte ich wieder den Eindruck, sie würden gar nicht gebraucht in der Kirche. Wenn schon der Klerus so große Schwierigkeiten mit der Meinungsbildung und der Teilnahme an kirchlichen Entscheidungen hat (im Dekanat Klagenfurt wurde im letzten Jahr ausschließlich über diese Schwierigkeiten geklagt!), um wieviel größer sind die Schwierigkeiten, diese noch viel selbständiger und eigenständiger agierende Mitarbeiter in kirchliche Entscheidungen einzubinden! Aber darauf zu verzichten erscheint mir erst recht als schwerer und unverzeihlicher Fehler, schon gar, wo wir so häufig über die fehlende Jugend in der Kirche klagen. Wiederum komme ich zu dem Ergebnis, der versiegende Nachwuchs wäre eine natürliche Folge pastoraler und struktureller Versäumnisse. (Davon lenkt die Agitation der Pfarrerinitiative nur ab, und findet wohl gerade deshalb so viel Zustimmung besonders dort, wo die Versäumnisse am größten sind)

Hier ist der Ort, auf die Pfarrfirmung zu sprechen zu kommen. Häufig habe ich der Kirchenleitung bereits dieses Anliegen vorgebracht. Ich sehe die entwicklungspsychologischen Gründe, die für Jugendliche die Bedeutung der Gruppe der Gleichaltrigen, die gemeindepastoralen, die den Wert des gemeinsam vorbereiteten und gefeierten Sakraments in den Vordergrund stellen, sowie die gesamtkirchlichen Argumente, die den von außerhalb kommenden Firmspender als Repräsentant der Gesamtkirche sehen, als so schwerwiegend an, dass ich anderen kaum erklären kann, warum unser Bischof zögert, in Kärnten so wie im übrigen Österreich und Mitteleuropa die jährliche Pfarrfirmung zuzulassen. Davon unbeschadet können doch die Visitationen weiterhin im achtjährigen Intervall durchgeführt, sowie in allen Dekanaten oder großen Kirchen regelmäßige Messen mit Jugendlichen gefeiert werden. Das Festhalten an diesem ständischen Brauchtum stellt leider weiterhin die Kirche in das Licht des gnädigen Zuspiels der Mächtigen im dörflichen Kontext, was in der gesellschaftlichen Landschaft Kärntens zwar noch immer Rückhalt hat, aber doch nicht gerade ausgerechnet von der Kirche am Leben erhalten werden muss – schon gar bei der Initiation von Jugendlichen!

Wenn ich nun noch etwas über den Universitätsbetrieb und die gängige Auffassung theologischen Lehrens und Forschens sage, so scheint das von unseren Gemeinden und der kirchlichen Praxis weit weg zu sein. Universitäres Leben, das wir in Kärnten gar nicht haben, gebiert Jahr für Jahr Lieblingsthemen von Lehrenden und Studierenden, wie die tausendste Diplomarbeit zu Genderfragen oder singuläre Arbeiten zum mittelalterlichen Klosterbetrieb. Theologische Forschung und pastoraler Bedarf sind meist entkoppelt. Aber wenn selbst bei technischen Studien der Bedarf der Wirtschaft an das Studium rückgebunden wird, wieso können nicht von der pastoralen Praxis aus Fragen an die theologische Forschung gestellt werden? Warum z.B. gibt nicht die Bischofskonferenz einen dotierten Forschungsauftrag an die Kirchengeschichtsinstitute, um Gründe und Ursachen heutiger Kirchenfeindlichkeit zu erforschen, etwa in der 1848er Revolution oder im Ständestaat – um dann eine angemessene Strategie zu entwickeln ? Warum gibt es keine Anfrage nach einer theologischen Antwort auf die Evolutionstheorie? Warum keinen Auftrag, eine moderne Sakramententheologie zu entwickeln, die z.B. für das Ehesakrament realistische und zeitgemäße theologische und pastorale Zugänge freilegt? Ich halte die Fokussierung auf das Kirchenrecht, also auf die Frage, was erlaubt ist und was nicht, für eine unstatthafte Denkbremse, denn die Rechtsprechung muss doch dem als sinnvoll erkannten Tun folgen und nicht umgekehrt.
Mit dieser bereits bei anderen Gelegenheiten vorgetragenen Anregung ist selbstverständlich die Bereitschaft zu verbinden, dann den gelieferten Forschungsergebnissen Rechnung zu tragen und pastorale Entscheidungen und Schwerpunktsetzungen danach zu orientieren.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Entgegnung zur Pfarrerinitiative

Schon der Name.
Der Name ist verräterisch.
Pfarrerinitiative, nicht Priesterinitiative.

Die Proponenten verstehen sich nicht von der Priesterweihe her, wo sie ihrem Bischof Gehorsam versprochen haben, also von ihrem religiösen Amt her: Hiereus – sondern von der öffentlichen Position des Pfarrers aus, der wie ein pragmatisierter Beamter eine öffentliche Ordnungsfunktion beansprucht. Was sie fordern, fordern sie nicht fürs Heiligtum und den Dienst dort, sondern für ihre bürgerliche Position.
Zwar fordern sie etwas für die Priesterweihe – aber es ist ihnen nicht um die Heiligkeit der Priester zu tun, nicht um die Verbesserung ihres Dienstes am Heiligtum, nicht um die Heilung der Menschen, sondern um ihre Zahl. Es geht ihnen um die Quantität. Obwohl von der Eucharistie geredet wird, steht weder die Heiligung der Priester noch die Heiligung der Gemeinde im Fokus, sondern ihre Quantität und Verfügbarkeit.
Der erste Schritt der Analyse der Agitation der Pfarrerinitiative lenkt somit den Blick auf das Priesterbild. Er wird klar von seiner bürgerlichen Funktion her gesehen, nicht von der Inanspruchnahme vom Opfer Christi, das Hingabe bedeutet, Hingabe als Selbstüberantwortung an das nehmende und gebende Geschehen Gottes, als Sich-zur-Verfügung-Stellen an die den Tod ins Leben umwandelnde Kraft des eucharistischen Opfers Christi, für und mit der Gemeinde. Das von der Wurzel Hiereus erstehende Priesterbild betont das Unabsehbare des Wandlungsereignisses. Das vom Presbyter aufgebaute Priesterbild betont dagegen die öffentliche Position des Amtsdieners, sein Ansehen und seine Geltung, die administrativen Aufgaben des Pfarramts, die Sonntagspflicht wie die vorgesehene und korrekte Persolvierung der Sakramente.

Mein zweiter Einwand gegen die Agitation der Pfarrerinitiative bemängelt, dass sie ihre Forderungen an die Kirchenleitung richtet. Das Verständnis des Priesteramts soll von den Zulassungskriterien neu definiert werden. Die Unauflöslichkeit der Ehe sei umzuschreiben. Sakramentenlehre und Kirchenrecht sollen neu aufgesetzt werden. Papst und Bischöfe hätten sich ihren Forderungen zu fügen. Sie selbst aber, die Fordernden, blieben unverändert und würden ihr Ansehen und ihren Einfluss steigern.
Diese Agitation ist pharisäisch und selbstgerecht. Sie fordert von anderen, was sie selbst verweigert. Sie beschwört die Krise zum eigenen Vorteil. Jeder kirchliche Misserfolg, jeder Engpass, jede Sanierungsmaßnahme wird von ihnen genussvoll mit Hohn überschüttet. Sie suggerieren, mit ihren Forderungen an die Kirchenleitung eine Alternative zu haben. Auf diese Weise haben sie sich mit dem Scheitern verbündet.

Ich fordere hingegen von den Vertretern der Pfarrerinitiative, selbst durch seelsorgliche Maßnahmen für die Weckung von Priesterberufungen zu sorgen. Ich fordere von ihnen Begleitung von Ehepaaren und qualifizierten Beistand in Krisen, sowie die Schaffung von Betreuungseinrichtungen für Paare und Familien. Ich fordere von ihnen Gebetserziehung ihrer Gemeinden, auch wenn das auf Kosten ihres Macher-Images geht. Schließlich fordere ich von ihnen Gehorsam gegenüber Christus, der sich bis zum Kreuz liebevoll in den Dienst für Menschen und für Gott gestellt hat, anstatt Petitionen an den Hohen Rat in Jerusalem zu richten, und zugleich fordere ich ihre Absage an Eitelkeit und Geltungssucht. Wie sagte Mutter Teresa zu dem kritischen Journalisten, der sie fragte, was sich in der Kirche ändern solle? Sie und ich.

Mein dritter Einwand richtet sich gegen den Versuch, Verfügung über den Heiligen Geist zu erlangen. Die Vocatio ist ein intimes Ereignis zwischen dem Gerufenen und dem Rufer. Das vertrauensvolle Ertasten und Erschließen des von Gott gewirkten Lebenssinns braucht Geduld, Hingabe und Offenheit. Dafür zu sorgen wäre eine wichtige Aufgabe für die Gemeindeseelsorge, die mit Kindern und Jugendlichen, Männern und Frauen Charismen aufspürt und ihnen zur Entfaltung verhilft. Stattdessen läuft die Agitation der Pfarrerinitiative darauf hinaus, diese Aufgabe abzukürzen und durch die situationsangepasste eigenmächtige Umformulierung über die Berufungen Verfügung zu erlangen. So macht sie aus der Eucharistie einen Konsumartikel, auf den der Gläubige einen Anspruch geltend machen könnte. Einschränkungen dieses Anspruchs sollen beseitigt werden, sowohl auf Seiten des Konsumenten wie auch auf Seiten des Amtsträgers, der zum Produzenten oder Lieferanten wird, um die sakramentale Gegenwart des Herrn jederzeit und überall abholbar zu machen, unabhängig von Stand und Lebensform. Wenn bürgerliche Kreise Demokratisierung und Kommerzialisierung der Gegenwart Gottes auf diese Art vorantreiben, dann können sie auf Popularität rechnen, denn genau so funktioniert ja auch unsere industrielle Massengesellschaft.

Mir scheint aber, dass hier die Dimensionen verwechselt werden und eine geistige Unordnung vorliegt. Ich sehe das im Zusammenhang der geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas in der Neuzeit. Da hat das kirchliche Lehramt zwar besorgt die Veränderungen im Weltbild der Naturwissenschaften beobachtet, aber die Verbürgerlichung hat unter der Hand die Wesensvollzüge der Kirche verändert. Die bislang umfassendste Verwirklichung der Bürgerkirche war die sogenannte Volkskirche der Nachkriegszeit, wo beinahe die ganze Population durch Rituale in eine quasireligiöse Form gezwängt wurde. Diese verlorene bürgerliche Geschlossenheit möchte die Pfarrerinitiative nun mittels ihres Forderungskatalogs unter konsumistischen Vorzeichen wieder herstellen. Ich halte ihre Anliegen für reaktionär und rückwärtsgewandt und obendrein für bequem und theologisch einfältig. Vielleicht sind sie aber auch nur ein Rechtfertigungsversuch für pastorale Erfolglosigkeit oder ein Versuch zur Wiedererlangung von Macht und gesellschaftlicher Bedeutung ehemals bedeutender Amtsträger.
Anstatt ein leer und oberflächlich gewordenes Gemeindeleben durch solche Notmaßnahmen künstlich zu verlängern, investiere ich lieber Geist und Phantasie in die Verlebendigung des Glaubenslebens, und ich sehe dafür mehr als genug Möglichkeiten, gerade in unserer spannenden Zeit!

Dienstag, 11. Mai 2010

Zu einer Theorie der Fraglichkeit

Es sollen zwei Beispiele vorgestellt werden, die das Aufeinanderprallen des Gottesglaubens mit der modernen Welt wiedergeben, die als liberal und fortschrittlich empfunden wird. Es wird sich zeigen, inwieweit die noch ungeschriebene Theorie der Fraglichkeit dabei von Erkenntniswert ist, und auf welcher Seite sie auftaucht.


1. Dostojewski, Der Großinquisitor


Dimitri, der Soldat, Iwan, der Intellektuelle, und Alexej (Aljoscha), der Novize, der ins Kloster eintritt, sind die Brüder Karamasoff. Der Roman erzählt ihre dramatischen Lebensgeschichten, und v.a. das Aufeinandertreffen ihrer unterschiedlichen Lebenskonzepte. Der Soldat, der älteste von ihnen, im Konflikt mit dem Vater wegen einer Frau. Der zweite, der an der Universität studiert, ist der religiöse Zweifler, infiltriert mit dem westlichen Aufklärungsdenken, aber im inneren Konflikt mit dem Gefühlsüberschuss der russischen Religiosität und Menschlichkeit. Und Aljoscha, der Jüngste, hat seine Seele Gott verschrieben, und er möchte Frieden und Versöhnung stiften.

a.

Iwan erzählt Aljoscha die Geschichte vom Großinquisitor, die er sich ausgedacht, aber nie aufgeschrieben hat (wieder ein ungeschriebener Text!). Im Sevilla des 16. Jahrhunderts wütet die spanische Inquisition. Gerade am Tag nach der öffentlichen Hinrichtung von 100 Häretikern erscheint Christus persönlich in der Stadt – und wird augenblicklich von allen erkannt und verehrt. Er tut Wunder und erweckt ein totes Kind am Tor der Kathedrale. Da quert der greise Großinquisitor den Platz und lässt Jesus ergreifen und einkerkern. In der Nacht tritt er in dessen Zelle und stellt ihn zur Rede. Es ist ein Monolog, Jesus sagt kein Wort. Der Kardinal rechtfertigt sich, und nach und nach stellt sich sein Unglauben heraus. Er wirft Christus vor, die Menschen zu überfordern durch die Zumutung der Freiheit der Nachfolge, und stellt sein und der katholischen Kirche Gegenprogramm des Menschenglücks auf Kosten der Freiheit vor. Der Gegensatz kulminiert in der biblischen Erzählung der Versuchung Jesu in der Wüste. Der Kardinal wirft Jesus vor, falsch entschieden zu haben, und Brot, Wunder und Macht abgelehnt zu haben. Der Großinquisitor und das von ihm repräsentierte Denken geht hier andere Wege und korrigiert Jesu Entscheidungen - zum Wohl der Menschen, wie er beteuert.

b.

Die Selbstrechtfertigung des Großinquisitors ist stets mit der römisch-katholischen Kirche und ihrem Machtstreben in Zusammenhang gebracht worden. Aus der Sicht des Romans, seiner Figuren wie seines Autors, handelt es sich aber um ein europäisches, aufklärerisches Denken, im Gegensatz zum russischen großen Gefühl, und die Jesuiten geben weniger die Kirchenvertreter als die Aufklärer innerhalb der Kirche. Die römische Kirche ist dem Russen also zu aufgeklärt, zu skeptisch und rational. Ähnlich wie Bert Brecht fordert der Kardinal, zuerst die Menschen zu sättigen und dann erst von Freiheit zu reden. Indem er das satanische Angebot, aus Steinen Brot zu machen, annehmen würde, deklariert sich der Kardinal als in Sorge um die Menschen. Seine Position erscheint als die verantwortungsvolle, während die Position Jesu radikal, aber für einfache Leute nicht nachvollziehbar wäre.
Auch in der zweiten Versuchung habe Jesus abgehoben reagiert und das Wunder verworfen, während die Menschen doch der Wunder bedürfen und ihrer Verehrung in der Gemeinschaft der Gläubigen. Wieder steht der Kardinal auf der Seite der einfachen Menschen und des Volkes, und die Geschichte und Massenpsychologie gibt ihm Recht.
Auch als Jesus Macht und Herrschaft ablehnte, habe er nach Ansicht des Kardinals unklug und unbarmherzig gehandelt, denn die Menschen bedürften der Unterordnung; fehlten kirchliche Autoritäten, so suchten sie eben andere Abhängigkeiten, weltliche, politische oder kommerzielle.
Der Kardinal führt vor, wie und warum er und seine Institution Jesus korrigiert habe – während dieser schweigt.

c.

Der Großinquisitor erscheint als abgeklärter Asket, wissend und willensstark, verantwortungsbewusst und dem einfachen Menschen verpflichtet. Er hat sich darum aber von Jesus lossagen müssen, dessen Wahrheits- und Führungsanspruch er einschränkt. Der alte Mann hat die Argumente auf seiner Seite, ebenso die Erfolge und die Erfahrung, während Jesus daneben bloß ein stummer Einzelner ist, in Liebe, aber ahnungslos. Aber zweifellos weiß der Alte um das Prekäre seiner Position, sonst würde er den Heiland nicht einsperren und zu Wort kommen lassen. Immerhin wagt er die Konfrontation und glaubt, sich vernünftig rechtfertigen zu können – was ihn auch aus protestantisch-paulinischer Sicht ins Unrecht setzt. Seine Sorge um die Menschen entpuppt sich somit auf allen Fronten als selbstgerecht und im eigentlichen Sinn als ungläubig, und gerade das ist der Grund, warum er sie überhaupt vorzubringen wagt im Angesicht des Herrn, den er nicht anerkennt.

d.

Die von Großinquisitor vertretene Position soll als Prinzipialisierung bezeichnet werden. Da er auf die Rückführung seiner Motive auf Christus verzichtet, braucht er ein anderes Prinzip seines Handelns, und als solches fungiert die Sorge um die Menschen. Dieses Vernunftsprinzip erscheint zunächst dem bloß existenziellen, aber schwer nachvollziehbaren der Nachfolge Jesu doch klar überlegen zu sein. Jedenfalls repräsentiert es deutlich die tatsächliche Geschichte des Abendlandes und seiner Herrschaft von Vernunft und Effizienz. Der russische Vorbehalt erscheint dagegen eher rückständig.
Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, wie korrupt dieses System ist. Was der Großinquisitor als seine Erfolge ausgibt, lässt sich ganz und gar auch in der Sprache von Leid und Klage vernehmen, seien es die Hingerichteten oder die zwar gesättigten („glücklichen“), aber Machtlosen. Und in diesem Gegensatz zwischen Herrscher (in Sorge) und Beherrschtem (unfrei) tritt nunmehr die ganze Unerbittlichkeit dieser Position hervor, vollkommen verkörpert in der Gestalt dieses asketischen, verbitterten, illusionslosen Alten. Wenn Effizienz das Prinzip ist (Brot, Wunder, Autorität), dann wird unweigerlich bald über Leichen zu schreiten sein. Konzentrationslager und Gulags haben das unmissverständlich vorgeführt, für beide der hier verhandelten Mentalitäten, die westliche wie die östliche, und weltweit scheint keine Mentalität frei von dieser Versuchung.

e.

Gegen solches Handeln aus Prinzip, das zunächst von der größeren Sorge um die Menschen geleitet ist, alsbald sich aber gegen diese wendet, stellt die Geschichte vom Großinquisitor ein anderes Motiv. Das Auftreten Jesu erscheint völlig uneigennützig, planlos und spontan. Ohne didaktisches Prinzip schreitet er durch die Mengen, und wer und was ihm begegnet, wird gewandelt und geheilt. Etwas unbiblisch fällt auf, dass Jesus überall erkannt und anerkannt wird, und von lukanischen Polemiken und johannäischen Zurückweisungen ist keine Rede. Jesu Aura ist reflexionslos und unmittelbar, und deshalb den einfachen Menschen näher als dem gebildeten Kirchenführer.
Weiters fällt Jesu Sprachlosigkeit auf, die gewiss auch nicht biblisch ist. Aber indem der Herr ohne Erklärungen und Anweisungen den Menschen nahe kommt, erweist sich doch eine bestimmte Art von Präsenz, die keiner Erklärung bedarf, wo doch von ihm und über ihn, wie der Kardinal provokant bemerkt, schon alles gesagt ist. Seine Gegenwart wird beantwortet mit Wiedererkennen, und vom gläubigen Volk kommt Zustimmung – vom Kardinal aber, der sich seiner Präsenz ebenfalls nicht verschließen kann, Ablehnung.
Diese Situation einer Präsenz, die sich nicht aus irgendeinem Prinzip ableiten kann, sondern nur aus der Existenz, und die in der Folge auch hinterfragt und abgelehnt wird, soll nun Fraglichkeit heißen. Es wird in der Folge dieser Name in allen Richtungen ausgebreitet werden, und seine Bedeutung mag sich fast ins Gegenteil verkehren, aber dabei kann immer das hier dargestellte Gegenüber im Auge behalten werden, nämlich von derjenigen Präsenz, die in sich selbst unmittelbar ist, aber an Systemen und vernünftigen Beweggründen gemessen durchaus fraglich erscheint.


2. Lenaers, Der Traum des Königs Nepukadnezar


Auch mit großer Geste kommt Lenaers, als Bannerträger der zeitgemäßen Adaptierung des Christentums. Alles bisherige sei mittelalterlich, skandiert der Priester und Jesuit, es müsse alles in eine neue, zeitgemäße Sprache übersetzt werden. Wunderglaube, Marienfrömmigkeit und Papstverehrung seien Show, dogmatische Formulierungen unverständlich oder falsch, der hierarchische Kirchenapparat museal, die kirchliche Morallehre lachhaft und unbeachtet. Lenaers fegt alles vom Tisch, was unseren Glauben und unsere Kirche ausmacht, bestenfalls hegt er gewisse Sympathien für den Protestantismus. Was ist aber das Fundament dieser umfassenden Dekonstruktion? Ist hier ein Ungläubiger am Werk, oder ein Agnostiker, der alles offen lässt, nachdem er es entwertet hat? Oder ist es ein Gläubiger einer neuen Art zu glauben, einer neuen Religion, die sich auf den Trümmern der alten aufrichten will? – Nun, Lenaer ist Priester, noch immer.

f.

Zunächst zieht Lenaers gegen Heteronomie ins Feld. Eine Kirchenführung bevormunde das Kirchenvolk, das sich indessen längst seine eigene Meinung gebildet habe und sich um Anweisungen und Regeln nicht mehr kümmere. Basis der Heteronomie sei aber das Axiom der beiden Welten, sprich, neben der realen erfahrbaren Welt noch eine Oberwelt: die Welt Gottes, der Engel, der Wunder, und die Welt der Toten. Diese Oberwelt reguliert strafend und richtend das Geschick der Menschen, in der Gestalt des Gott-im-Himmel, soweit Lenaers mit bestimmt der Mehrheit der modernen Europäer, gläubig oder nicht.
Diesem mittelalterlichen Denken stellt er einen modernen, autonomen Glauben gegenüber. Und auf diesen darf nun der Leser gespannt sein. Denn nun wird, wie im Traum des babylonischen Königs, der alle Machenschaften seines Volkes zerbrechen sieht, die Trinitätslehre, die Christologie, die heilige Schrift, von der Glaubenstradition und dem Lieblingsfeind, die Marienverehrung mit den Begriffen der Jungfräulichkeit, der Gottesmutter, der Himmelfahrt und der unbefleckten Empfängnis gar nicht zu reden, aber auch die Kirche, die sieben Sakramente und das Leben nach dem Tod Schritt für Schritt zum Mythos erklärt. Und dennoch bleibt ein christlicher Gottesglauben zurück. Er stützt sich auf ein Kernereignis des neuen Testaments, die Botschaft Jesu, gereinigt von den späteren kirchlichen Zusätzen. Lenaers nennt den verkündigten Gott den Gott-in-der-Tiefe. Er sei in der Schöpfung selbst erfahrbar, und ein Gläubiger würde in Gemeinschaft mit ihm leben.

g.

Zentrum des christlichen Glaubens ist Jesus Christus. Sein Lebenszeugnis ist auch für Lenaers unbezweifelbar, beziehen sich doch seine Jünger auf ihn, sowie auch ganz andersgläubige Zeitgenossen. Seine Geburt in Betlehem jedoch sei literarische Fiktion, die der Anbindung an die alttestamentliche Messiaserwartung diene. Ebenso wäre das Bekenntnis seiner Auferstehung eine biblische Zurechtlegung. Lenaers anerkennt die Erfahrung der Jünger, er lebe! – aber er dekonstruiert die Rede von am dritten Tage auferstanden als biblische Metapher, die überdies durch keine alttestamentliche Prophezeiung vorbereitet sei, weder Tod des Messias, noch dessen Auferstehung, und auch nicht die Dreitagesfrist. Lenaers Argument ist die Heteronomie der biblischen Sprache. Die Auferstehung selbst sei gar nicht berichtet, die Erzählungen vom leeren Grab, vom Stein und von den Erscheinungen des Auferstandenen bloße Verbildlichung der tiefen Erfahrung der Seinen, er lebe, auch nach seinem Tode, und er lebe in ihnen fort, und in ihren Taten.
Das Bekenntnis der Gottheit Jesu würde ebenfalls nachträglich die große Wirkung dieses Menschen in bildliche Worte zu fassen versuchen, die aber anderen biblischen Christustiteln gleichzustellen wären.
Was bleibt? Jesus von Nazaret.

h.

Was Lenaers in seinem Buch durchdekliniert, ist die Fraglichkeit des Glaubens. Sie tritt zunächst dadurch in Erscheinung, indem jedes seiner Elemente hinterfragt werden kann. Das ist zwar keine Neuigkeit, und bereits in den biblischen Texten selbst angewendet, die sich ja gegenseitig interpretieren und umdeuten. Es handelt sich aber um eine besondere Fragegestalt, die erst in der heutigen Zeit möglich ist. Lenaers nennt es realistisches (= mythologiefreies) und theonomes (statt heteronomes) Denken. Die Befragung geht von bestimmten Prämissen heutigen Denkens aus und selektiert daraufhin die Glaubensinhalte. Dabei kommen die üblichen historischen Rekonstruktionsmethoden zur Anwendung, indem älteren Zeugen mehr vertraut wird als jüngeren, oder wenn bestimmte Interessen eines Autors berücksichtigt werden. All das ist ja in der Bibelexegese des 20. Jahrhunderts zur Selbstverständlichkeit geworden. Und man kann den Eindruck haben, hätte Lenaers erst in den achziger Jahren (oder später) Theologie studiert, so müsste er über Dogmenhermeneutik kein Buch mehr schreiben, denn jede Dogmatikeinführung handelt von der zeitbedingten Sprache der Glaubensformulierungen.
Aber Lenaers will nicht verständlich machen, was wir glauben, und an wen, sondern er will zeigen, dass der bisherige Glaube unmündig und unfrei macht. Er zeigt von Anfang an seine Karten, er spricht von Autonomie, Heteronomie und Theonomie, und er nennt die Rede vom Himmel eine Parallelwelt. Und so muss gesagt werden: Gewiss ist der Glaube selbst etwas Fragliches, ist er niemals völlig identisch mit seiner jeweiligen Gestalt. Gewiss ist der Ursprung seiner inneren Fraglichkeit in der Beziehung des Menschen zum geheimnisvollen Gott zu sehen, an der jede bestimmte Ausdrucksform sich zu bewähren hat – wie das übrigens ja auch von jeder rein menschlichen Beziehung zu sagen ist. Aber gerade diese innere Unwägbarkeit kommt bei Lenaers mitnichten zum Vorschein, sondern wird geradezu zugehämmert, indem er auf seinen eigenen Positionen beharrt.

i.

Lenaers würde im Sevilla des 16. Jahrhunderts vielleicht wenig Sympathien für den Machtmenschen haben, der Abweichler hinrichten lässt. Aber wenn er von seiner eigenen, unbehelligten Position aus Jesus und seine Zeugnisse hinterfragt, dann gebiert er sich wie der Inquisitor. Ohne von der inneren Bedeutungsgeschichte der Texte gerührt zu sein, vergibt er objektive Zensuren und übergibt dem Feuer, was seinem Urteil nicht standhält. Und wie jener spekuliert er auf Rückhalt in den Massen. Man möchte ihn sich wie Iwans Erzählung bei Jesus in der Zelle vorstellen und ihm andemonstrieren, dass er weder auferstanden noch Gottes Sohn sei, und es ist wie oben leicht einzusehen, dass der Befrager sich keine Pause und keine Gegenrede Jesu leisten kann. Eine solche wäre es nämlich, wenn die besprochenen Glaubenszeugnisse nach ihrem wirklich Gemeinten befragt worden wären, und nicht nur nach der heutigen Messlatte.
Also erweist sich Lenaers Position ebenfalls als Prinzipialisierung: Statt mit den Gläubigen ihre Erfahrungen in all ihren Sprachen durchzubuchstabieren und dabei das zu suchen, was sich darin anfanghaft ausdrückt, ohne schon ganz zur Erscheinung zu kommen (man möge sich die Fraglichkeit der Glaubensformen wie einen dreidimensional geöffneten Raum vorstellen, in dem das geschichtlich Werdende des Ausdrucks, das immer besser Verstandene und das sich niemals zur Gänze selbst Zeigende sich unaufhörlich neu ereignet), wendet er sich seinem Autonomieprinzip zu und verharrt dort.

j.

Was noch zu Lenaers zu sagen wäre: Zwar wehrt er sich gegen den Vorwurf des Pantheismus, den seine Rede von Gott-in-der Welt provoziert. Aber der Transzendenzbegriff, Hauptzeuge des christlich-jüdischen und islamischen monotheistischen Gottesbegriffs, ist nirgendwo gewahrt. Man kann schon verstehen, dass diesem modernen Glaubensverkünder mit seiner modernen Gemeinde die Vorstellung einer mit Engelklassen und Heiligenscharen bevölkerten und von der Gottesmutter dominierten Himmelswelt nicht behagt und er damit auch nicht argumentiert. Aber solche Bilder sind doch nicht identisch mit der Transzendenz, sondern bestenfalls ein Hinweis! DSC01615
Ein angemessenes Transzendenzverständnis aber hätte Lenaers zu mehr Freiheit gegenüber den Ausdrucksformen des Glaubens führen können, wie es etwa das zweite Laterankonzil gelehrt hat. Es hätte nämlich die Bedeutung der jeweiligen historischen Glaubensgestalt relativiert angesichts des sich offenbarenden Schöpfergottes. Auch die behauptete moderne. Auch die eigene Lenaers.

k.

Man könnte ihm noch ein aufs Juristische reduziertes Sakramentenverständnis vorwerfen, das er folgerichtig bekämpft, ohne die eigentlich personale Dimension in den Blick zu bekommen – Personalität hat er aus seiner Theologie genauso wie Transzendenz ja ausgeschlossen. Und die dritte fehlende theologische Dimension ist die ontologische, die zwar einen Gleichklang mit modernem Liberalismus erleichtert, aber allen besprochenen Phänomenen die sogenannte Tiefendimension beschneidet. So kommt Lenaers zu einem evolutionistischen, nicht aber zu einem theologischen Schöpfungsverständnis.
Dass er solcherart zerzaust wird, muss er sich wohl gefallen lassen, ist er doch selbst in seinen Methoden nicht zimperlich. Wer auf 150 Seiten die gesamte Theologie- und Kirchengeschichte abmontieren will, muss doch Gegenreden einstecken können. Lenaers tritt im Gewand des radikalen Erneuerers auf, der schon längst beargwöhnte Glaubensinhalte für nichtig erklärt, dem aber entgegenhält, dass dennoch eine Art von Glauben möglich sei. Als Retter geriert er sich, so wie der Großinquisitor.


3. Von Fraglichkeit und Prinzipialisierung


Dieses Begriffspaar fand bisher hermeneutische Anwendung. In der Textanalyse wurden damit Argumentationsmuster markiert, die dann zwischen den Texten vergleichbar wurden, sowie auch mit der Eigenart von den Glaubensformen, die von den Texten interpretiert wurden. Nun soll aber ihrer jeweiligen Eigenart nachgegangen werden.

l.


Der Begriff Fraglichkeit beschreibt die Erfahrung, dass eine Sache befragt werden kann, dass sie sogar in gewisser Weise diese Fragen hervorruft oder provoziert. Wenn z.B. ein Gesetzestext, von dem Eindeutigkeit erwartet wird, verschiedene Auslegungen und Anwendungen zulässt, dann gilt er als fraglich. In diesem Sinne kann die ganze Welt als fraglich dargestellt werden, denn sie lässt ja eine unendliche Zahl von Fragen zu. Besonders das Aufkommen der Naturwissenschaft hat dazu beigetragen, denn davor war manches durch apodiktische Aussagen verstellt. Die Erforschung der Naturphänomene hat einerseits die Erfahrung der Fraglichkeit gefördert. Als nicht mehr die Erde, sondern die Sonne im Zentrum der Welt zu stehen schien, konnte das Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen, denn sie konnten ihren leibhaften Erfahrungen nicht mehr vertrauen. Als auch die Sonne zu einem unbedeutenden Gestirn wurde, schien der Mensch ins Bodenlose zu stürzen. Das ist eine treffende Einführung in die Erfahrung der Fraglichkeit. Scheinbar feste Maßstäbe schwinden, der Boden wankt, den Menschen schwindelt.

m.

Dagegen weht sich eine Gegenbewegung. Heute spricht man vom Urknall und hat den Eindruck, damit etwas Endgültiges und Eindeutiges gesagt zu haben. Dabei steht der apodiktische Charakter der Aussage in keinem Verhältnis zu ihrer hypothetischen Konstruktion, und die anschauliche akustische Metapher suggeriert eine Sinnlichkeit, die tatsächlich auf keiner Stufe des Theoriegebäudes gegeben ist. Warum geben sich dennoch so viele gebildete und kritisch denkende Menschen mit dieser ans Mythologische reichenden Metapher zufrieden und reihen sie in ihre Dogmatik ein?
Weil die Fraglichkeit allein unerträglich ist. Der Mensch sucht Antworten. Und wenn das, was zur Frage steht, schon schwer zur Gänze erkannt werden kann, und erst recht kaum umfassend beantwortet, so neigt der Mensch dazu, Antwortmuster auszubilden, um die hereinbrechende Fraglichkeit der Phänomene abzudrängen. Es werden Antworten behauptet, ohne sie wirklich anzuwenden. Z.B. die Meinung, die moderne Naturwissenschaft hätte Antworten auf alle wichtigen Fragen – und wenn jetzt noch nicht, so würden sie doch gewiss in absehbarer Zeit gefunden. Dieser hypothetische Optimismus ist gewiss vergleichbar mit der unkritischen Autoritätsgläubigkeit, der Papst hätte auf alle Fragen die richtige Antwort, oder er würde sie bald finden. Gegenwärtig sind anscheinend die Massenmedien damit beschäftigt, ihre Autoritätsgläubigkeit zu falsifizieren, indem sie genau das den kritisierten Gläubigen andemonstrieren.
Diese behauptete Antwort wird hier Prinzipialisierung genannt. Um der Überprüfung ihrer Antworthaftigkeit zu entgehen, gibt sich diese (ungeprüfte) Antwort als Axiom, d.h. sie beruft sich auf unüberprüfbare Grundsätze. Lenaers spricht von Autonomie (Theonomie, womit eigentlich so etwas wie die islamische Scharia gemeint ist, oder die zehn Gebote), der Großinquisitor von seiner Sorge um das Glück der Menschen.

n.

Die Fraglichkeit ist gewiss nicht in erster Linie eine religiöse Erfahrung. Die Grundlagen des Lebens werden in jeder Notsituation fraglich. Fragen der Liebe, der Gerechtigkeit, der menschlichen Beziehungen, aber auch der Moral, oder naturwissenschaftliche Fragen nach Bestandteilen der Materie oder des menschlichen Erbgutes, offenbaren jeweils auf andere Weise, dass die Welt nicht aus bloßen Fakten und Tatsachen besteht, sondern in jeder Hinsicht überaus fraglich ist.
Genau das gilt auch für Glaubenswahrheiten. Ob Trinität oder Inkarnation auch als absolute Wahrheit dargestellt werden: Ihre Wahrheit liegt darin, was genau sie eigentlich beantworten. Die Präsenz des Schöpfers in der Schöpfung, des Christus in der Gemeinde, das sind Erfahrungen, die nicht unfraglich sind. Der einzelne Gläubige sucht nach Vergewisserung, die Gemeinschaft nach Erklärung und Ritual, mithin nach Antworten auf das, was in der erfahrenen Präsenz fraglich wird. Fraglichkeit und Antwort gehören zusammen und verstärken einander. Sie gehen Schritt für Schritt auf eine Radikalität zu und nähern sich so der Wahrheit. Ein Antwortversuch, der sich hingegen vor der Fraglichwerdung abschneidet, indem er an nicht zur Frage stehenden Grundsätzen anschließt, heißt Prinzipialisierung. Das ist an ideologischen Argumenten, an apodiktischen Aussagen, an Gefühlsdogmatismus und an vielen anderen Beispielen zu beobachten, wo man das Nachfragen aufgibt. Aber unschwer ist zu erkennen, dass Fragen das Ursprünglichere ist, nicht das abschneidende Antworten. Ist nicht ein Beten, das nach Gottes Willen fragt, das Höhere?

o.

Trotz allem ist es gut nachvollziehbar, wenn jemandem die erfolgten Darlegungen zu schnell gegangen sind. Denn eine wesentliche Sache fehlt noch in dieser Darstellung, und damit gerade die Mitte und der Ursprung beider, der Erfahrung der Fraglichkeit wie der menschlichen Aufbäumung in der Prinzipialisierung. Denn zuerst und grundlegend ist eine Präsenz. Der Gott, um dessen Verständnis und angemessene Darstellung gerungen wird, und sei es auch als Negation, hat sich allererst mitgeteilt und zu erkennen gegeben. Und auch die Phänomene der Welt geben sich kund, sodass der Mensch nach ihnen fragen und Weisen ihrer Erforschung ersinnen kann. Präsent ist, was sich zu erfahren gibt. Und die heute höchstentwickelte Weise, diese Erfahrung zu erschließen, ist die hermeneutische. Auch die theoretische Physik ist in diesem Sinne nichts anderes als Sprachwissenschaft: Ausreizen der Denkmöglichkeiten, um den Phänomenen gerecht zu werden. Auch im Ringen um den Willen Gottes, um die Bedeutsamkeit seiner Offenbarung und zugleich ihre Entzogenheit, sowie im Nachvollziehen aller unserer Antwortgestalten im Denken und Tun, geht es ja immer gerade um dieses eine, auch wenn es nicht und nicht genannt und angesprochen wird: nämlich um seine Präsenz, um seine Anwesenheit. Dies ist zuerst, und dies ist in der Erfahrung aufzusuchen. Dann erst stößt die Erfahrung auf das Fragliche, und schließlich produziert sie immer wieder, anscheinend unumgänglich, auch die Prinzipialisierung. Aber damit muss man nicht aufhören

Dienstag, 27. November 2007

Meine Fragen

.Wie kommen säkulare Menschen zum christlichen Glauben

.Wie geschieht überhaupt Glaubensentscheidung

.Wie kann für Erstkommunion-Kinder und -Eltern ein Klima des Glaubensernstes geschaffen werden

.Welche Elemente christlichen Lebens sind für Kinder/Jugendliche/junge Erwachsene wichtig

.Welche Bildungsstandards sollen Erstkommunion-Vorbereitung und Firmkatechese haben, welche Möglichkeiten gibt es für Erwachsenen-Glaubensvertiefung

.Ich suche schon lange eine brauchbare Soziologie der Wohnsiedlungen und Vorstädte

.Wie entsteht die desinteressierte Inselmentalität der Familien, welche Antworten gibt es dazu

.Warum haben so viele Menschen den Eindruck, maßlos überfordert zu sein: vom Beruf, von Beziehungsfragen, von der Kindererziehung, von der Selbstorganisation, von der Suche nach Wahrheit und einem erfüllten Leben

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