öffentlichkeit

Freitag, 20. Februar 2009

So ist Kärnten

Ein instruktiver Text, der knapp und sachlich die politischen Verhältnisse in diesem eigenwilligen Teil Österreichs wiedergibt. Sehr lesenswert:
http://diepresse.com/home/politik/kaerntenwahl/454131/index.do?from=suche.intern.portal

Samstag, 17. Mai 2008

Schluß mit den unzähligen Feiertagen!

Ich fordere, die vielen kirchlichen Feiertage abzuschaffen, die kaum mehr jemand versteht, und deren einzige erkennbare gesellschaftliche Funktion in kurzen Urlaubsreisen zu bestehen scheint. Ich sehe gar nicht ein, wieso eine überwiegende gesellschaftliche Mehrheit, die sich in Radioumfragen mit beispiellos vollständiger Unkenntnis bereits über den Sinn des Weihnachts- und Osterfestes brüstet, dann genau zu diesen Zeiten von der Erwerbsarbeit ausruhen soll, die aber gerade von dieser Mehrheit zum Sinn und Zweck des Lebens erklärt wird, und wenn nicht das Arbeiten selbst, so zumindest das uneingeschränkte Kaufen, und das bedeutet ja doch auch wieder Arbeiten – und der demokratische Gerechtigkeitssinn dieser Mehrheit wird gewiß einsehen, dass der Konsum als Lebenspriorität nicht nur für Lebensmittel- und Tourismusbranchen gelten können soll, für Transportwesen und soziale Hilfsdienste, sondern dann schlechtweg für alle.

Denn die Minderheit der bekennenden und praktizierenden Christen, die schon seit Jahren zusieht, wie Gott aus der Verfassung ausgegrenzt wird, aber Homosexuelle heiraten können sollen, während heterosexuelle Paare immer seltener zum Traualtar kommen, wird zwar mit der gleichen Wehmut statt wochentags am Vormittag, dann am Abend eines Arbeitstages, oder am darauffolgenden Sonntag den Feiertag in der Kirche feiern, wie sie den Einzug von Santa Claus in die Warenhäuser oder von Halloween in das Allerseelenfest erduldet hat. Aber der Sinn der Feiertage ließe sich aufrechterhalten.

Was uns Katholiken aber zum Gewinn würde, wäre, wenigstens in diesem Punkt nicht mehr als langweilige, gestrige Verhinderer dazustehen. Ich rate ja nicht dazu, auf den Schutz des ungeborenen Lebens zu verzichten, das gehört natürlich zu den kirchlichen Kernanliegen, oder der Schutz der Frau vor der allgegenwärtigen sexuellen Verfügbarmachung. Auch die industrielle Reproduktion des Menschen mittels Gentechnologie wird Hauptkampfgebiet bleiben, und alle Fragen der sozialen Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft wie in der Weltgesellschaft. Das ist unverzichtbar mit dem jesuanischen Sendungsauftrag verbunden, an den wir uns zu Pfingsten (!) erinnern.

Gewiss werden manche nun um die gesellschaftliche Präsenz der Kirche besorgt sein, denn die zahlreichen kirchlichen Feiertage ragen ja immer noch in unsere säkulare Welt hinein wie die Kirchtürme. Aber man wird die Kirchtürme auf lange Sicht nur mit Beteiligung der öffentlichen Hand, nicht nur der katholischen Kirche halten können, und wenn nicht, denn müssen sie verkauft werden. Ebenso ist es schon dem 8. Dezember ergangen, andere spätherbstliche kirchliche Refugien ziehen bereits begehrliche Blicke an sich.

Mir ist aber bei diesem Rückzugsgefecht auf breiter Front äußerst unbehaglich. Mir erklären Pfarrfamilien mit großem Ernst, dass sie die Feiertage für die Familie brauchen, schon lange ist ein Urlaub nötig, ein paar Tage am Meer mit den Kindern, oder für die alljährliche Party auf der Almhütte, ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Und ich stehe mit geschwächtem Mitarbeiterstab in der Kirche, der halben Ministrantenschar, gottlob einige Feriengäste, welche die Lücken zudecken, wir sind ein beliebter Tourismusort, und auf diese Weise könnte sich die Verschiebung ja ausgleichen, aber unsere verreisten Katholiken tun das an ihren Urlaubsorten mitnichten, sie erzählen es mir.

Natürlich äußert sich die Kirchenleitung ganz anders, das sind ja auch keine Strategen, sondern Seelsorger, und ihre Domkirchen stehen meist in Urlaubsorten. Natürlich wissen sie, dass unser säkulares Mitteleuropa sich weit mehr kirchliche Feiertage leistet als wirklich katholische Länder, und sind stolz darauf. Aber sie geben damit das Gesetz des Handelns aus der Hand und verlegen sich aufs Bewahren, während ich einen kirchlichen Fortschritt darin sähe, in bestimmten Bereichen die Themenführerschaft zu haben und die Gegner reagieren zu lassen. Die Politik würde augenblicklich die Segel streichen, nicht nur, weil sie außerordentlich mit sich selbst beschäftigt ist, sondern weil sie schon lange (und unbemerkt) auf jegliche gesellschaftliche Gestaltung verzichtet hat. Die Politik ist Dienstleistung im Sinne der Interessensvermittlung, hat unser Bürgermeister vor versammelter Sonntagsgemeinde erklärt. Die Gewerkschaften würden nicht so schnell beigeben und in manchen Reihen auch überrascht und enttäuscht sein, sich aber umso stärker mit der Kirche verbünden können in der Verteidigung des Sonntags, und ebenfalls mit Erleichterung nicht mehr als ewige Verhinderer dastehen müssen. Ein großer Gegner würde mir natürlich in der Lehrerschaft erwachsen, und das würde mich ja auch selbst betreffen. Aber vielleicht käme die Unterrichtsministerin auf die Idee, die freigewordene Zahl schulfreier Tage nun in die autonome Verantwortung der Schule zu übergeben! Dann könnten endlich wirklich kompakte Reisezeiten konstruiert werden, anstelle der bisher verbliebenen Rumpfwochen von Montag bis Mittwoch, wo schlecht motivierte Schüler neben den leeren Stühlen entweder plötzlich krankgewordener oder in familiärer Übereinkunft mit dem Direktor sonderbeurlaubter Mitschüler ausharren.

Ich schlage ein gestuftes Vorgehen vor: Zuerst die von den meisten unverstandenen und unvollzogenen Feiertage in der warmen Jahreszeit abschaffen – das würde uns nebenbei auch die Peinlichkeiten der verbliebenen Prozessionen durch die Gassen voller Türken oder zwischen den vollbesetzten Kaffeehausgärten ersparen. Das Fest würde dann am darauffolgenden Sonntag gefeiert, wie in den meisten anderen katholischen Ländern. Sodann die doppelten Feiertage am Ostermontag, Pfingstmontag und Stefanitag. Auch der Feiertag des jeweiligen Landespatrons hat zwar manchmal Jahrmarkt- jedoch selten Kirchencharakter. Und die großen Hochfeste sind großteils ohnehin am Sonntag, und der Weihnachtstag sollte möglichst lange bestehen bleiben – so lange, bis auffällt, dass dieser der Festtstag ist und nicht der Vorabend. Ehrlich gesagt hätte ich aber auch mit seiner Verschiebung auf einen Sonntag kein wirkliches Problem, wenn dabei die Geschichte seiner Entstehung deutlicher wird.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

ich führe meine pfarre wie einen radiosender II

Information ist nicht Bildung, sagt Rudolf Nagiller, Bildung muß man sich erarbeiten, Information muß man glauben. Tao, Imago, Logos, das ist nicht Predigtfunk, das sind nicht Dimensionen der Religion, das sind religiöse Dimensionen, sagt Alois Vergeiner. Internationalität, Interviews, Aktualität. Die Informationssendungen. Quellenkritik, gelehrt von Rudolf Nagiller, bei „Im Journal zu Gast“: Nachfragen bis zur Schmerzgrenze, unbequem. Ein Journalfahrplan mit Life-Inszenierungen: Studiogäste, selbstreflexive Kommentare, Kulturberichte. Nicht Abspielen von Musik, dazu kauft man CDs. Musik will kommentiert, erarbeitet, bewertet werden: Pasticcio, Im Künstlerzimmer, Ö1 bis 2. Und dann die neue Öffentlichkeit des Radios: Radiokulturhaus mit Lifesendungen vor Publikum, die Programmzeitschrift „gehört gehört“, die Radio in ein Printmedium übersetzt und verbildlicht. Und die Podgasts und CDs von den Sendungen: übersteigen die Einmaligkeit der Ausstrahlung.

Ich könnte jetzt vom Religionsunterricht sprechen. Von Passanten interviewenden Gymnasiasten in der Religionsstunde bis zur Erarbeitung der ältesten Konzilstexte, von der Hinterfragung des schulischen Bewertungsschemas der Kirchengeschichte des Geschichtsunterrichts bis zur spielerischen Ertastung der Sexualkunde mit Lifebefragungen. Aber es gibt auch pfarrliche Bildungsmöglichkeiten. Die prophetische Gruppe ist eine Community für Selbsterfahrung und Biographiedeutung anhand biblischer Prophetentexte. Die Persönlichkeitsentwicklung greift auf Outdoor-Experimente zurück: gemeinsame Auslandsreisen mit Selbstorganisationsaufgaben, anstelle braver Wallfahrten. Da findet Auseinandersetzung statt, die Existenzen neu ausrichtet. Damals in Damaskus, ich habe Petrus in Antiochien gefunden, die Jugendlichen beim Papst in Rom.
Und der Kritische Oktober. Ich halte die Vortragsmethode als Bildungsveranstaltung für überholt. Der Professor spricht, wir lauschen, dann vielleicht eine Diskussion. Ich hole Vortragende in die Sonntagsmesse. Die ganze Liturgie muß sich auf sie einstellen, und auf das Thema. Und die Vortragenden auf uns. Ich hätte bei reinen Vorträgen nur die brave Bildungsbürgerschicht da, und davon sehr wenige. So hab ich die ganze Sonntagsgemeinde und zusätzlich die Fans und Neugierigen zum Thema: und wenn dann der Bürgermeister kommt oder der Chefredakteur, dann verlautbaren sie nicht Programmtexte, sondern stellen sich einem kritischen Fragenkatalog. Und die Gemeinde fragt nach!
Und die CDs von der hier erklungenen Musik vertreiben wir auch, Amateuraufnahmen oder genehmigte CD-Cuts, großteils Uraufführungen, zum Wiederhören, zum Vergleichen und auch zur Vorstellung für neu Dazugekommene. Und die Pfarrbriefe, Farbdruck mit vielen Fotos, mit Interviews und Jugend-Kommentaren, und meist mit einem gesellschaftsrelevanten Ausgriff. Eine große, übersichtliche Homepage, laufend aktualisiert, mit Musikcuts zum Runterladen. Eine Öffentlichkeit auch für unsere jungen Künstler. Veranstaltungen werden mit Plakaten beworben und mit Zeitungseinschaltungen: Qualität verkauft sich nicht von selbst, sagt Michael Schrott.
Das Gemeindekonzept verläßt sich nicht auf die Stammhörer. Wir sind nicht für uns selber da, wir haben einen Auftrag für die ganze Stadt, wir greifen ein in ihre Vollzüge, wir gehen auf ihre Wirklichkeit zu. Entschiedenheit, Frau, Öffentlichkeit, Wohnen, das sind unsere Themen, Tod. Wir bemängeln die Stadtplanung, beanspruchen einen Park, errichten ihn mit der öffentlichen Hand. Wir mischen uns ein, wir wollen verstehen, hinterfragen, wollen bilden, Menschen bilden, Gemeinschaft. Gott schickt uns, um Menschen zu formen zu ganzen Menschen. Unser Sendungsauftrag, so umfassend.

40 Jahre ist unsere Kirche alt geworden, ein Kirchenbaby, alles Gute zum Geburtstag!

Sonntag, 2. Dezember 2007

ich führe meine pfarre wie einen radiosender I

Es ist kaum zu glauben, wie viele Reformen da immer wieder gemacht werden, alle Jahre etwas Neues, permanente Erneuerung bereits ein Kulturmerkmal seit 40 Jahren, der österreichische Kultursender. Alles das, was da beim Rückblick präsentiert wurde, war ja nicht neu, aber überrascht hat mich die Dichte.
Die Jugendredaktion bereits in den ersten Sendejahren, Wolfgang Kos und Richard Goll, die legendäre Musicbox, die Familienredaktion, die zeitgenössische Musik, die Religion, von Beginn an ökumenisch, und Literatur, Hörspiel und Feature. Lust am Widerspruch, sagt Gerd Bacher. Werdende Künstler aufbauen, sagt Alfred Treiber. Permanenter Ideenaustausch in den Sitzungen, und Abschied von der Quote, sagt Wolf in der Mauer 1974.
Ein zukunftsorientierter Start, sage ich. Genauso starte ich meine Pfarre: Zwar sind Traditionen da, an denen anzuknüpfen ist. Aber nur das Bisherige genauso weiterzuführen, das wäre verzopft und verstaubt, also offensiv neue Interessentenkreise erobern, Jugendliche, Familien, neue Musik, Literatur, das ist bisher noch das Mühsamste. Aber das Desinteresse der Stammhörer ist nicht mein Kriterium, die Ignoranz vieler unserer Leute: dann eben Besseres vorlegen, und neue Kreise ziehen.

Aber: der Mitarbeiterstab. Neidisch höre ich, wie neue begabte Menschen sich bei Ö1 vorstellen mit ganz neuen Konzepten. Neidisch von den Redaktionssitzungen und den Richtungsfragen, die da erörtert werden. Die Besten und Kreativsten waren da, die Programmentwicklung selber ein Kunstwerk, die Auseinandersetzung ein Motor. Ein landesweiter Kultursender zieht halt mehr Mitarbeiter an als eine Pfarre einer Kleinstadt. Nämlich die Besten aller Sparten. Das hat etwas Repräsentatives, aufs ganze Land gesehen. Kirche funktioniert da anders. Die sich hier engagieren, haben entweder einen festen Glauben und gehören also zu einer Minderheit, oder sie finden in den Beziehungen der Menschen oder im Geist der Bewegung eine Heimat und Zukunft, dann sind sie entwicklungsorientiert. Ihre erste Sendung ist der erste Arbeitsauftrag, Ministrantendienst oder Pfarrblattausträger oder Pfarrcafe vorbereiten. Der Rahmen erweitert sich erst langsam, ob die Mitarbeiter wohl so langen Atem haben, ohne Bezahlung. Wenn ich sie anstellen könnte, fänden sich wohl mehr, wenn sie ihr ganzes Leben investieren könnten, würde es kreativer und verläßlicher, es gibt Anfragen.

Wir bringen, was die anderen nicht machen, sagt Ernst Grissemann, sagt Nora Aschacher, Jugend und Gesellschaft, neue Musik und den Buena Vista Social Club, aber das war schon später. Maximilian Blumenkohl über Bacher, den autoritären Reformer: drohende Trennung von Wort und Musik. Musiktabus für Blasmusik und Reggae. Mehrwert Klassik. Und der alte Schulfunk, pensionierte Lehrer, vom Unterrichtsministerium produziert. Da entstand das Radiokolleg: Selber denken statt Belehrung, sagt Franz Thomandl. Autoren selber suchen, Herausforderungen an Landesstudios tragen, Altes in Frage stellen: Was ist ein Hörspiel? Die verkleinerte Blaskapelle, Michael Köhlmeier. Engagiertes Radio seit den 80ern, mit Konrad Zobel, Wolfgang Kos und Michael Schrott. Das bedeutet: Nicht wird mehr Kunst abgebildet, die irgendwo stattfindet, sondern Kunst wird selbst produziert, die Sendung ist selber die Kunst, sagt Christian Scheib.
Und wir: Verabschiedung von den getrennten Sparten Kinder und Sonntagsmesse, Ernst und Lustig, Glaubensverkündigung und Abenteuer, besondere Aufträge und Team, Sonntagsgemeinde und Community. Erste Reformsparte: die Sonntagsmesse, nach wie vor das Zentrum, mit Steigerungsraten. Ein exzellentes Team, wo jeder weiß, was er tut, und deshalb life produzieren kann, also flexibel. Geschulte Lektoren, geübte Kantoren, mehrere Musikensembles. Ministranten nicht gedrillt, sondern gebildet. Die Aufgaben wechseln, also keine Spezialisten, sondern Generalisten. Jederzeit werden neue Meßbesucher einbezogen, zur Bereitung des Altars, die Kerzen tragen selten die Gleichen, zum Absammeln, zum Kirchenschmuck. Es ist selbstverständlich, dass alle vorgesehenen Dienste von Mitarbeitern ausgeführt werden. Für jeden Sonn- und Feiertag werden eigens Fürbitten verfaßt. Monatsweise werden Lieder ausgewählt, da kommt jeder Mitarbeiter dran, und immer sind ein paar neue Lieder dabei, die von allen zu lernen sind. Dass wir die neue Probeausgabe des Gotteslobes testen, paßt dazu. Jeden Sonntag ein Pfarrcafe: zur Bildung der Community, zum Austausch, zum Feed Back, und besonders für die neu Angekommenen in den Gottesdiensten. Es darf keiner heimgehen, ohne angesprochen und eingeladen worden zu sein. Kirche kann sich nicht leisten, Interessierte heimzuschicken.
Und dann die Höhepunkte, die Kirchenfeste mit profiliertem Programm, und neue Höhepunkte, die Faschings-Rockmesse mit dem musizierenden Pfarrer im Stil der Siebzigerjahre, die Tanz-Performance, die Vater Unser-Installation mit der Gemeinde, und besonders das Christi Himmelfahrtsereignis. Jedes Jahr bekommt ein anderer Musiker den Auftrag, die Messe zu komponieren, mit allen Freiheiten. Erweiterte Tonsysteme, unübliche Instrumentierungen, Musik aus anderen Kulturen und Religionen, improvisierte Musik, Durchbrechung des kanonischen Liedschemas, Atmosphärenmusik während Lesungen und Gebeten. Feierliche Liturgie und Experimentierfeld sind keine getrennten Sparten. Der Entwicklungsgedanke, der für Kinder gilt und die Präsenz von Familien, für die ganze Gemeinde, der gilt auch für die Liturgie selbst. Sonntagsmesse als Lernfeld für Erstkommunionkinder, mit eigener Lehrstoffverteilung übers Jahr. Die neue Jugendband, die letzten Sonntag ihre Rocknummern gespielt hat: wir begeben uns auf einen Weg, der aus ihrer Musik gemeinsam das entwickelt, das kirchlich tragen kann. Das haben Gemeindemitglieder gesagt.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

öffentlichkeit kritisch

Warum nur reden und klagen über einen reduzierten Öffentlichkeitsbegriff? Warum sich abfinden mit einem System, gegen das anzukämpfen ohnehin sinnlos erscheint? Nun, wir Christen sind nicht nur für uns selbst da, sondern auch für die Heilung der Welt, und dazu müssen wir uns der Gesellschaft und ihrer Eigenheiten bewußt werden und sie mitgestalten.
In diesem Sinne steht der Oktober in Villach Völkendorf zum dritten Mal unter einem Thema. In der Sonntagsmesse wurden bisher Themen aufgegriffen wie „Jugend und ihre Werte“, „Kritischer Konsument“ und zuletzt „Frau in Kirche“. Redner/innen traten während der Messe ans Rednerpult und entwickelten ihre Gedanken vor der Sonntagsgermeinde. Es geht um Konfrontation der Sonntagsgemeinde mit Sachthemen, um das Ingangsetzen von Auseinandersetzung und Diskussion – also um das, was ich diskursive Öffentlichkeit nenne. Der Monat Oktober gilt als Marienmonat, und das Loblied der Maria, das Magnifikat, gibt eine sehr kritische Position zur Gesellschaft vor.


Meine Thesen:

• Massenmedien erzeugen eine Quasi-Öffentlichkeit ohne Versammlung von Menschen. Information, Austausch und Meinungsbildung werden durch sie simuliert.
• Politik reduziert ihre gesellschaftlichen Steuerimpulse und beteiligt sich an der Kommerzialisierung von Öffentlichkeit. Stadtzentren werden nicht bewohnt, sondern bespielt – Wohngegenden sind isolierte Lagen am Stadtrand. Einkaufszentren verdrängen die Nahversorgung. Junge Wohngebiete haben kaum Zentren und kommunale Räume.
• Kultur bietet eher Unterhaltung als Auseinandersetzung. Fragen der Inszenierung überbieten inhaltliche Thesen, statt um gesellschaftliche Erneuerung geht es um Wiederholungen und Sager.
• Ich vermisse eine diskursive Öffentlichkeit: Gespräch, Argument, Themen statt Privatinteressen und Konsumwelten.
• Ich sehe große gesellschaftliche Kräfte wie Schule, Kunst und Kirche in ihrem Bedarf an diskursiver Öffentlichkeit weitgehend sich selbst überlassen.
• Von der Politik gewünschte Öffentlichkeit scheint hauptsächlich konsumistisch und reaktiv zu sein. Kritische und innovative Kunst ist nur Minderheitenprogramm.
• Es gibt kaum öffentliche Orte für Diskussion, Austausch und Auseinandersetzung mit Sachthemen und gesellschaftlichen Fragen außer Gasthäusern.
• Massenmedien nutzen ihren starken meinungsbildenden Einfluß hauptsächlich zur Wiederholung und Verstärkung gesellschaftlicher Trends, selten setzen sie selbst innovative und bewußt gesellschaftsformende Themen und Impulse.



Vortragende und Termine 2004:

Politik u.Öffentlichkeit:
Helmut Manzenreiter,
Bürgermeister der Stadt Villach
10. Oktober


Medien und Öffentlichkei:
Adolf Winkler,
Chefredaktion der Kleinen Zeitung
17. Oktober


Kunst u.Öffentlichkei:
Bruno Strobl,
Komponist und Musikerzieher
24. Oktober


Kirche und Öffentlichkeit:
Karl-Heinz Kronawetter,
Kunst- und Internetbeauftragter der Diözese Gurk-Klagenfurt
31. Oktober


Ablauf:

Der Vortragende ist eingeladen, die Messe um 10 Uhr mitzufeiern. Nach dem Schlußsegen wird ein Rednerpult in der Kirche aufgestellt, der Vortrag beginnt. Vorgeschlagene Dauer: 10 – 20 Minuten. Anschließend Möglichkeit zu Reaktionen im Plenum. Dann wird zum Pfarrcafe eingeladen, wo an mehreren Tischen Gelegenheit zu Austausch und Gespräch ist, auch mit dem Vortragenden.
Die Gemeinde ist durch die Thesen auf die Begegnung vorbereitet, die auch allen Vortragenden übermittelt werden.

öffentlichkeit in der mediengesellschaft

Wo findet Ihrer Meinung nach Öffentlichkeit überhaupt statt? Im Fernsehen, das über Vorgänge in der Welt „draußen“ berichtet? Aber ferngesehen wird im Wohnzimmer, und Massenmedien zementieren geradezu eine Privatwelt und schaffen Öffentlichkeit ab, um sie durch ein medial konstruiertes Bild von Wirklichkeit zu ersetzen. Family-Sitcoms und Talk-Shows suggerieren eine Versammlung von Menschen, die in Wirklichkeit privat und einzeln sind. Die Masse der privaten Wirklichkeitskonsumenten sind zum stärksten wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden, ohne sich jemals zu versammeln – vielleicht auch gerade deswegen.
Wo aber sammeln sich Menschen? Im Supermarkt und im Restaurant. Beide Male geht es um Konsum, beim abendlichen Ausgehen wenigstens nicht einzeln, aber größere Runden und ernste und engagierte Diskussionen sind eher die Ausnahme. Im Ganzen dienen unsere Dörfer und Städte eigentlich der Vermeidung von Öffentlichkeit: Häuschen mit hohem Gartenzaun, Wohnanlagen mit abgezählten Parkplätzen, wo Besucher nicht vorgesehen sind, Einkaufswege, die nicht begehbar, nur befahrbar sind, genauso wie die Schulwege. Öffentliche Verkehrsmittel werden durch Privatautos ersetzt, jeder für sich allein. Die Zentren unserer Städte mit ihren Plätzen entleeren sich, statt sich dort zu versammeln, passiert man sie, als Einkäufer, als Tourist.
Wie bilden Menschen ihre Meinung? Durch privaten Konsum von Massenmedien. Die freie moderne Massengesellschaft hat erreicht, was keine Diktatur zustande brachte: freiwillige Unterwerfung von Menschenmassen dem Diktat der Meinungen. Allerdings muß dazugesagt werden: nur äußerlich. Man glaubt es nicht wirklich, was man medial vermittelt bekommt. Denn eine Woche später steht das Gegenteil in der Zeitung, und es wird auch geglaubt, äußerlich. Es scheint sich ein neues Korrektiv gebildet zu haben: Demonstrationen für oder gegen gesellschaftliche Vorgänge haben ausgedient, Diskussionen sind anstrengend, die innere Reserve aber kostet nichts. Wir machen überall brav mit, was von Mehrheiten getragen wird, aber wir glauben es nicht und sind auch jederzeit bereit, es zu verwerfen, wenn die Mehrheit wankt.
Ich meine, daß Christen diese Vorgänge besorgt beobachten und über Alternativen nachdenken sollen. Innovative Pastoral stellt sich der Privatisierung von Öffentlichkeit entgegen und entwickelt ein korrektives Gemeindebild.
Wichtigstes Element ist die öffentliche Versammlung, die Bewußtsein und Wahrnehmung schärft und nicht selbst wiederum konsumistisch ist: Ich denke an den Sonntagsgottesdienst. Wenn Christen diese Versammlung nicht mehr zustande bringen, wird der arbeitsfreie Sonntag nicht mehr zu halten sein – ich wüßte auch nicht, wozu. Diese Versammlung braucht eine kommunikative Organisation. Wir lernen miteinander umgehen. Und wenn wir Interesse aneinander gefunden haben, wenn wir bereit geworden sind, uns auf einander einzulassen, wenn wir anfangen können, miteinander zu arbeiten aus freier Entscheidung und Überzeugung, und nicht gegen Geld und Belohnung, kurzum: wenn Öffentlichkeit eigenständig wird, dann können wir einen anderen, eigenen Kurs steuern, notfalls auch gegen die Strömung.

öffentlichkeit: ein kirchliches thema?

Wer hat gesagt, dass Christsein Privatsache ist? Jesus war eine öffentliche Person, die Propheten haben zum Volk gesprochen, und Paulus war in vielen Städten bekannt. Die beiden Grundvollzüge biblischer Öffentlichkeit sind Predigt und Brief – also jemand, der spricht/schreibt, und eine Gemeinde, die sich versammelt und hört/(vor)liest. So entsteht die Bibel, so entsteht Israel/die Kirche, so entsteht der Glaube an einen Gott. Das Medium, in dem sich all das ereignet, ist das Wort: Rede/Gegenrede, Frage/Antwort, Argument, Bekenntnis, Aufforderung, Mahnung, Kritik. Wahrscheinlich gibt es keinen sprachlosen Glauben. Niemals gibt es einen Glauben ohne öffentliches Bekenntnis. Glaube und Religion ohne Mitteilung sind überhaupt nicht vorstellbar.
Eine Öffentlichkeit, in der das Wort, näherhin das Argument im Mittelpunkt steht, nenne ich diskursive Öffentlichkeit. Sie zu bilden scheint mir die Aufgabe der pastoralen Arbeit in der Gemeinde. Gläubige Eltern müssen argumentieren, wenn ihre Kinder kritische Fragen stellen. Lehrer ringen angesichts ihrer Schüler um Worte, und Überredung wäre zu schwach, um Werte zu vermitteln, wenn sie nicht zur Einsicht kämen. In der Pfarrgemeinde kann es nicht genügen, Gebete, Gottesdienste oder Hilfsdienste zu absolvieren, wenn nicht nachgefragt würde, wozu. Bei vielen pastoralen Gesprächen mit Erwachsenen stellt sich heraus, dass sie seit Schülerzeiten nicht mehr über ihren Glauben reflektiert haben und daher einen Kinderglauben mitgeschleift haben, den sie nicht mehr glauben. Wie kommen wir nun zu dieser Reflexion? Das ist meine Schlüsselfrage.
Zuerst braucht es die Begegnung. Wir müssen zum Gespräch kommen, meist beim Taufgespräch, manchmal bei der Ehevorbereitung, vielleicht bei der Eucharistiekatechese oder Firmkatechese. Das Gespräch kann nicht allein dozierend sein – das würde keine Fragen wecken. Aber es genügt auch nicht, irgendeine Art von Religiosität festzustellen und erleichtert den Taufschein auszufüllen. Das Vordergründige wird vor dem eigentlichen Glaubensbezug zu Jesus Christus, dem menschgewordenen Gott, sichtbar – eine Spannung tut sich auf zwischen dem, was man sich zurechtgelegt hat, und dem, was Gott dem Menschen eigentlich zumutet. Diese Spannung wird manche überfordern, aber andere können neugierig werden und zu suchen beginnen.
Und dann muß ich etwas anzubieten haben. Themenabende werden wir heuer versuchen, ein Glaubensthema an einem Abend, von Musik umrahmt, mit einem Impulsreferat, mit Diskussionen. Gottesdienste, die grundsätzliche Fragen aufwerfen und Stellung nehmen, und bei denen auch Fremde willkommen sind. Gruppen, in denen Glaubensreflexion auf einem gewissen Niveau stattfindet. Und Einzelgespäche zwischen pastoral Tätigen und Fragenden und Suchenden. Das alles bereitzustellen scheint mir die wichtigste praktische Anforderung an die pastorale Arbeit.

Denken Sie, dass es die alten Propheten leichter hatten, gehört zu werden?

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