fremdtexte

Mittwoch, 17. November 2010

Die Wut und die Gier.Von Kathrin Röggla (Die Presse)

SICHER, MANCHE BENANNTEN DIE UNGEHEUERLICHKEIT DER VORGÄNGE, ABER AUCH DIE KONNTEN SIE IN IHRER DIMENSION NICHT FASSEN. DIE FINANZKRISE, DIE SPRACHLOSIGKEIT – UND IHRE ÜBERWINDUNG IN DER LITERATUR.


Elfriede Jelinek hat mir Sprechen beigebracht. So viel ist sicher. Sie hat aber auch einer Reihe anderer Personen und Figuren das Sprechen beigebracht, zum Beispiel den Kleinanlegern und den kapitalen Greisen. Sie können sich jetzt ausdrücken. Endlich. Vorher war da ja nichts Deutliches zu hören. Man hat es nicht verstanden, es war mehr ein Geflüster, ein Sich-Zurufen von Fachvokabeln, Formeln, quer über das permanente Börsenparkett, das sich über alle wirtschaftlichen Verhältnisse zu legen schien. Und jetzt: Eindeutig eine klare Artikulation, das heißt, man kann ihnen folgen! Wenn das auch ein wenig kreisförmig verläuft, aber das ist nur im Sinn der Sprecher. Doch immer noch besser als diese Pseudolinearität ihrer früheren Aussagen.


Seltsamerweise sprechen sie immer zusammen, im Chor, vereint, während unsereins einzeln dasteht. Oder soll ich etwa dem Chor der Kleinanleger beitreten? In diesem Punkt bin ich etwas ratlos. Es gibt keinen Identifikationshaushalt für mich in diesem Stück, der kleine Mann in mir ist aufgebraucht, sage ich jetzt auch schon lauthals, aber man muss mir auch nicht trauen, das heißt, ich selbst muss mir ja nicht unbedingt trauen. Das ist auch etwas, was man aus Jelineks Texten lernen kann. Zeigt sie uns nicht unermüdlich seit mehr als 40 Jahren, wie die Verkleinbürgerlichung unserer westlichen Welt voranschreitet? Und wer steckt hinter dem Kleinanleger anderes als der Kleinbürger?

Darüber ließe sich jetzt streiten, was es aber in jedem Fall noch gibt, ist die Wut, seine Wut über die permanente Enteignung, die er erfährt und die sich mit der Gier, dem Wunsch, da oben mitzuspielen, paart. Diese Wut bleibt nur unter dem Schlagwort „Populismus“ in der Öffentlichkeit stehen, sie hat keinen anderen Anker mehr, sie wird sofort erledigt. In Jelineks Texten darf diese Wut über die Obszönität der Vorgänge einen ganzen Moment lang in Bewegung bleiben, nein, sie darf sich nicht setzen, sie wird permanent gejagt über ebenjenes Börsenparkett, durch die Gerichtssäle, die sich mit Wirtschaftskriminalität zu befassen scheinen und die Annual Meetings windiger Offshorebanken. Und es ist die Wut, auf die wir so heiß sind, jene Punk-Atmosphäre ihrer Texte, die Wut, die wir endlich in Reinkultur spüren wollen, und die Enthüllung der Gewaltverhältnisse, die wir erleben wollen, wir, die Ängstlichen, die Undeutlichen, die Uneindeutigen, die nicht wissen, wer wir noch sein sollen und wer eigentlich dauernd gegen uns arbeitet. Wir haben kein Analyseinstrumentarium mehr, gesellschaftliche Widersprüche erscheinen uns als Schnee von gestern, Klassenverhältnisse erscheinen uns zerfahren, uneindeutig. Uns? Ja, selbst in dieser Beschreibung kassiere ich noch die Interessengegensätze ein, suggeriere ein Wir, das es nicht gibt.


Die Obszönität kenntlich machen

Bleibe ich also lieber bei mir – nehmen wir die subjektive Haltung ein, zugegebenermaßen eine armselige Alternative zum schwammigen Wir –, nach dieser Wut grase ich die Texte ab. Nach der Deutlichkeit der auf Widersprüchlichkeit beruhenden Machtstruktur, die natürlich nicht deutlich daherkommen kann, sondern ambivalent, paradox, ja, unsinnig. Ich, die ich der Generation der Ängstlichen angehöre, derer, die nicht mehr wissen, wo links und rechts ist, oben und unten, die keine Koordinaten für eine Wut haben, sondern immer gleich eingeschüchtert sind. Ich freue mich an der Zurschaustellung, der Kenntlichmachung der Obszönität. Durch Kalauer und Unsinnswitz. Denn nur mit Unsinn lässt sich die Rechtfertigungsstruktur der sogenannten Entscheider darstellen, es ist ihr Privileg, nicht wirklich Rede und Antwort stehen zu müssen. Das ist zumindest mein Eindruck, der aus der öffentlichen Nicht-Besprechung dieser gewaltigen Enteignung resultiert. Ja, man muss es als eine öffentliche Nicht-Besprechung bezeichnen, obwohl alle Medien eine Weile lang von nichts anderem zu sprechen schienen. Aber ihr Sprechen blieb stumm und geschwätzig zugleich und erscheint mir im Rückblick äußerst merkwürdig. Sicher, werden Sie sagen, wen muss es wundern, dass sich die bürgerliche Presse gedreht und gewunden hat, dass die Boulevardpresse auf populistische Ressentiments setzte, also auf Ausweichbewegungen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu einem pervertierten Aufklärungsunterricht aufbrach, passend zu jener „Nachhilfestunde in Sachen Wirtschaft“, als die der Soziologe Dirk Baecker die Finanzkrise bezeichnet hat, nur, dass die Nachhilfestunde sich im Leeren verläuft, in Sackgassen, in unbrauchbarem Wissen über Begriffe wie „Leerverkäufe“. Man braucht sich nur eine Bundestagsdebatte über den Umgang mit der Finanzkrise anzuhören, um den ganzen Widersinn der Diskussion zu erfahren.

Und wenn sich jetzt Politiker die Köpfe über Basel2 plus und Basel3, über stärkere Bankenregulierungen zerbrechen, scheinen sie keinen Schritt weiterzukommen. Sicher, manche Zeitschriften- und Zeitungsbeiträge benannten auch die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge, aber sie konnten sie in ihrer Dimension nicht fassen. Das kann nur die Literatur, da ihr immer mehrere Ebenen zur Verfügung stehen, sie immer mehrere Räume gleichzeitig bewohnt. Schließlich stehen ihr auch die geeigneten Mittel zur Verfügung, die Mittel der Groteske, der Inversion, der wörtlichen Übertragung, gute, alte sprachliche Verfahrensweisen, die den Aufklärungsmodus der Medien verspotten, der ja Teil der ganzen Umverteilungsmaschinerie ist. Es sind ästhetische Mittel, die hier dringend gebraucht werden, denn das Verhältnis von Abstraktion und Konkretion, das für die moderne Literatur so bestimmend ist, ist in diesem Themenfeld äußerst gespannt, die Darstellbarkeiten scheinen sich angesichts der Komplexität und Abstraktion der Verhältnisse zu entziehen.

Die Konkretion scheint immer nur aus heruntergebrochenen Beispielen zu bestehen, als könnte man sie auf einzelne Fotos reduzieren, die sofort eine historische Anmutung bekommen: Zeltlager in Nevada, Schlangen vor Banken in Großbritannien, entleerte New Yorker Geschäftsstraßen. Ich weiß nicht, welche Fotos der Öffentlichkeit zum Bawag-Skandal zur Verfügung standen, ich stelle mir nur Gesichter vor beziehungsweise harmlose Filialfotografien – mir ist das deswegen nicht bekannt, weil die Skandale der Alpenrepublik in Deutschland allenfalls unter der Rubrik „Farce“ oder „Seifenoper“ oder „Bananenrepublik“ erscheinen, ob Hypo-Alpe-Adria- oder Bawag-Skandal. Ob Meinl-Story oder Jörgl-TV, bis hin zu Naziaufmärschen, und ich habe den Verdacht, dass diese auch in Österreich nur noch als Farce gesehen werden. Aber wie kann man so eine Farce noch literarisieren? Sicher nicht in Form eines well-made Play. Auch der Multiplot-Wirtschaftskrimi, nach dem das zu Globale, zu groß Gestrickte der Finanzkrise, das sich Konkretion und Situierung erstmal Widersetzende dieser Thematik zunächst zu schreien scheint, geht natürlich sofort in irgendeiner Genremechanik baden, und so muss man schon mit barockeren Mitteln kommen. Jelineks Entscheidung, an den öffentlichen Rhetoriken und juristischen Rechtfertigungsnummern, die wir darin erleben, anzusetzen, ist plausibel. Insofern erhalten wir auch in den „Kontrakten des Kaufmanns“ keinen Überblick über die Geschehnisse, die kausalen Zusammenhänge, wir bekommen keine Vogelperspektive, sondern werden mehr zur Froschperspektive verdammt, auf die die Rechtfertigungsmodi der herrschenden Klasse niederprasseln. Schließlich wird bei all der öffentlichen Volksaufklärung gerne vergessen, dass die Wirren des Finanzkapitalismus konkrete Auswirkungen auf konkrete Menschen haben, dass irgendjemand für das alles zahlt.

Wir geraten in ein weiteres Infantiltheater, denn das Stück verfügt in guter alter jelinekscher Manier über zahlreiche eingebaute Infantilsprengsel bis hin zu den Regieanweisungen, weil Elfriede Jelinek klar ist, dass das Theater nur als Infantilanstalt auf diese Vorgänge reagieren kann, es kann nicht die gute alte seriöse Aufklärungsanstalt mimen, weil sich alle Seriosität in den öffentlichen Rhetoriken verbraucht und desavouiert hat.

Elfriede Jelinek hat mir das Sprechen beigebracht, vielleicht war ich so 19, als ich „Die Liebhaberinnen“ las, in einer Salzburger Vorortstimmung, nahe dem jelinekschen Steirischen, vielleicht zu nahe, in einer Stadt, in der das wüste Landleben jeden Moment in das Weltstädtchenhafte hereinzubrechen vermag – und in der erstaunlich viel Prekariat anzutreffen ist, wenn man nur hinsieht.


Schreiben – ein radikaler Akt

Jedenfalls habe ich ganz genau gewusst, wovon die Rede ist, und verstanden, wie diese Rede sein muss: So und nicht anders. Meine Ausgabe der „Klavierspielerin“, die ich 1990 erstand, ist schon voller Unterstreichungen, Weiterschreibungen, Widersprüchen. Ich hatte den Faden sichtbar aufgenommen, den Jelinek-Faden, der bis heute mitmischt und mitstrickt auf meinem Schreibtisch.

Es ist aber bis heute jene Punk-Energie geblieben, jene sprachliche Kraft, die mich anzieht und daran erinnert, dass Schreiben ein radikaler Akt ist, nach wie vor, nach all den Moderne- und Postmodernetotsagungen, die wir in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich erleben durften. Jelineks Komik, das Groteske, das sich jeder gewaltsamen Glattstreichung Widersetzende rufen die eigenen Widerstandsgespenster auf den Plan. Sicher, diese Form des Sprechens wollte ich, wie alle Autoren, die davon betroffen sind, und das sind viele, eine ganze Autorengeneration, von Zeit zu Zeit loswerden, weil es etwas Gewaltsames hat, es hockt da wie ein Vampir im eigenen Schreiben. Man kann sich von diesem Schreiben nur schwer emanzipieren, es ist eines, das den Vorgang des Plagiierens automatisch hervorzurufen scheint und danach gleich eine Distanznahme, die zu neuen Nachahmungsgesten führt, bis man irgendwo anders landet, im berühmten eigenen Ton, in der berühmten eigenen Stimme, die doch von anderen lebt, sich aus anderen Stimmen zehrt.

Doch diese eigene Stimme wird Frauen, darauf hat Elfriede Jelinek unermüdlich hingewiesen, ohnehin nicht zugeschrieben, und so sprächen sie immer für alle anderen mit, darüber sei sie sich bewusst. Ist es nicht die Ironie ihrer Geschichte, dass mehr als eine Generation von Autorinnen sich in einem Abgrenzungs- und Faszinationstaumel zu ihr befindet und befunden hat? Es ist die paradoxe Figur der Originalität im Zeitalter der ständigen Selbstneuerfindung und Selbstvermarktung, die Elfriede Jelinek an der Nase und uns vorführt. Mit Karacho! ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2010)

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