medien

Samstag, 21. April 2012

Neuerliches Tribunal mit dem Lieblingsfeind

"Wasser predigen, Wein trinken - Schein und Sein in der katholischen Kirche":

Die Turbulenzen in Österreichs Katholischer Kirche haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Rund um den Fall des homosexuellen Pfarrgemeinderates in Stützenhofen zeigt die Institution ein erschütterndes Bild. Immer deutlicher bröckelt die Fassade, immer lauter werden die Stimmen, die Reformen verlangen und den Zölibat sowie den Umgang mit Homosexuellen für überholt halten.

Steht die katholische Kirche in Österreich vor der Spaltung? Und wo stehen die Katholiken in dieser Auseinandersetzung? Darüber diskutieren "im ZENTRUM" bei Ingrid Thurnher:

Wilhelm Vieböck - Bischofsvikar Linz,

Hans Bensdorp - Pfarrer-Initiative,

Alfons Haider - Schauspieler und Entertainer,

Uta Ranke-Heinemann - Theologin und Autorin,

Rudolf Gehring - Christliche Partei Österreichs

http://tvthek.orf.at/programs/1279-Im-Zentrum/episodes/3893985-im-ZENTRUM


Der ORF hat wieder einmal ein Opfer gefunden - eigentlich seit Jahr und Tag dasselbe, die katholische Kirche. Die Turbulenzen mit neuem Höhepunkt? Sagen wir: Ein neuer Höhepunkt der Anti-Kirchenpropaganda des sozialistischen Staatsfernsehens!
Dabei möchte ich keineswegs als Parteigänger von Pfarrer Gerard Jozef Swierzek auftreten. Warum hat er den umstrittenen Mann überhaupt als Kandidat akzeptiert? Was hat der Kardinal mit ihm besprochen? Interessant, wie man eine Diskussion oder eine Kampagne starten kann, ohne mit den Betroffenen zu reden - und ohne sie selbst reden zu lassen. Eigentlich ist es eher ein willkommener Anlass, endlich seine Urteile vor Publikum zu verkünden, ohne sich vor Informierten rechtfertigen zu müssen.

Zur Teilnehmerliste:
Der einzige, der des Pfarrers Position vertreten könnte, ist der Bischofsvikar - nur: er ist als Linzer nicht kompetent und nicht involviert.
Rudolf Gehring steht für die Kopfschüttelnummer der naiv Konservativen.
Hans Bensdorp für die Schüller-Partei, die sich wie der ORF an den Fehlern der anderen profilieren möchte.
Alfons Haider als nicht-mehr-katholischer Paradeschwuler.
Und Uta Ranke-Heinemann, die Predigerin des Zweifels, die sich in dieser Runde wie im Kreis der Schüler fühlen müsste.

Ich habe diese Sendung in den letzten Tagen mit Oberstufenschülern durchbesprochen. Sie fanden Parallelen zur NS-Propaganda. Immer deutlicher bröckelt die Fassade, immer lauter werden die Stimmen, die eine ausgewogene Berichterstattung fordern!

Samstag, 24. Dezember 2011

Imaginäre Größen. Eine Feiertagssendung

„Laudate dominum – oder: Lobe den Herrn/ Ehre sei Gott in der Höhe.
Bemerkenswert, wie viele Anrufungen erdacht und ersungen wurden, um einer imaginären Größe die Referenz zu erweisen.“
„Imaginäre Größen: Geronomo Cardamo, von der Inquisition des 16. Jhts verfolgter Mathematiker, prägte diesen Begriff.“
Elke Tschaikner und Christian Scheib zur Einleitung zu Bachs Choralvorspiel Nr.- 2459 und John Coltrains A love supreme.

Österreich 1 in Ö1 bis zwei – le week-end am 24. Dezember

http://oe1.orf.at/programm/291473


Ist es noch nötig, als bekennender Christ Medien zu konsumieren, etwa die ansonsten völlig harmlose und anspruchslose Brückensendung nach dem Mittagsjournal? Und sich dort den menschgewordenen Gott, der heute weltweit gefeiert wird, als imaginär hinstellen zu lassen? Wie ein Überfall hinterrücks, wenn man nicht zu kritischer Beobachtung aufgelegt ist. Und welche Alternative hat man in diesem freien Land mit seinen freien Medien...


Heute, 25. Dezember, 18. Uhr Abendjournal, über die Weihnachtsansprache des Papstes zum Neujahrssegen:

"Im Vergleich zum vergangenen Jahr war die Rede eher unambitioniert, Konfliktthemen sind nicht vorgekommen..."

Donnerstag, 10. November 2011

Die Kirche im Visier --- Replik auf Peter Strassers Beitrag „Im Reich der höheren Dummheit“

Wohltuend ist bereits, dass Peter Strasser in seiner Kritik an einer Geisteshaltung, die er mit Robert Musil „höhere Dummheit“ nennt, keine Feindbilder braucht. (http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/706148/Im-Reich-der-hoeheren-Dummheit?_vl_backlink=/home/spectrum/zeichenderzeit/index.do) Weder verdammt er die europäische Aufklärung, noch das österreichische Bildungssystem, noch bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Hochanzurechnen ist ihm, dass er ohne Polarisierungen geistige Phänomene in der gegenwärtigen Gesellschaft klar benennt und beschreibt. Als Betroffener der pauschalen Verdächtigung angestammter Institutionen wie der Kirche, „engstirnig und repressiv zu sein“, suche ich nach Subjekten, danach, wer diese Haltung der Vereinfachung und Banalisierung unterstützt und an ihr Interesse hat. Strasser nennt zuerst die Massenmedien, sodann den Lebenskunst-, Spiritualitäts-, und Esoterikmarkt, und schließlich das parawissenschaftliche Denken. Dass die Anprangerung der Kirche besonders ein Resultat der Meinungsproduktion von Massenmedien ist, hat sich dieser Tage wieder einmal klar gezeigt.
Vor wenigen Wochen bekam ich einen Anruf einer Dame, die mir Fragen zur Kirche stellen wollte. Ich habe diese Dame wohl sehr irritiert und gereizt, denn die Fragen des Zulehner´schen Pastoralinstituts waren allesamt tendenziell. Was soll man antworten, wenn nach der Notwendigkeit von Reformen gefragt wird? Ob man Probleme sähe beim Priesternachwuchs? Aber dass solche Erscheinungen durch die Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt gelöst würden, wie die gesamte Befragung unterstellt, ist genauso triftig, wie wenn der österreichische Akademikermangel durch Vereinfachung der Matura und Verkürzung der Studien gelöst würde – was bekanntlich ja geschieht. Keine der Fragen beschäftigte sich mit dem Glaubensmangel und seinen Ursachen, es ging nur darum, Unzufriedenheiten abzutasten und in (altbekannte) Forderungen umzulenken. Warum diese Zulehner´sche Befragungsindustrie unwissenschaftlich ist, liegt daran, dass sich ja vornehmlich solche Priester daran beteiligen, die ihren ideologischen Hintergrund teilen. Viele meiner Priesterkollegen haben ihre Beteiligung verweigert.
Der ORF gab den Auftrag zu dieser Befragung, und auch das Geld. So produziert der ORF Schlagzeilen und platziert diese direkt zur herbstlichen Bischofskonferenz, um sie unter Druck zu setzen. So gut wie alle Printmedien sind ihm gefolgt. Ein Mechanismus der Produktion höherer Dummheit, den Strasser nicht anführt, ist die Anprangerung. So wie die Kirchenleitung seit Jahrzehnten, so werden die österreichischen Rechtspopulisten seit den Achzigerjahren angeprangert, trotzdem werden sie bei jeder Wahl stärker. Der seit vielen Jahren angezählte Berlusconi erweitert bisher stetig Macht und Einfluss, und seit einem Jahr stehen ganze Staaten am Pranger der öffentlichen Aufmerksamkeit. Als ein halbes Jahr lang (sehr bedauerliche!) Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen ans Licht gezerrt wurden, hörte man wöchentlich genüsslich verlesene Austrittszahlen. Die Empörung wird gelenkt. Nun sind in drei Wochen mehr Missbrauchsfälle in öffentlichen Heimen der Stadt Wien bekannt geworden, als damals im ganzen Land. Aber die Empörung hat sich nun einmal gegen die Kirche gewendet, nicht gegen die Wiener Sozialisten. Empörung ist säkular, der Feind Kirche ein Erbstück aus dem 17. Jahrhundert.
Die kritische Attitüde, die zwar einen Facebook-App einer katholischen Pfarre als Innovation feiert, aber wirkliche Erneuerungen wie demokratisches Mitwirken und Mitbestimmen von Frauen und Männern in der Kirche ignoriert, die weitsichtige kirchliche Bildungsarbeit oder engagiertes kirchliches Engagement für Ausgegrenzte nicht der Rede wert findet, folgt nur ausgetretenen Pfaden von Vorurteilen. Eine Beseitigung der höheren Dummheit bedürfte einer kritischen Reflexion der Methoden der Massenmedien!

Samstag, 15. Oktober 2011

Eine Entgegnung zu Rohrers „Ende des Gehorsams“

Am Stefanitag des Jahres 2010 hat Anneliese Rohrer versucht, den in Deutschland geborenen „Wutbürger“ mittels eines „Quergeschrieben“-Artikels in der PRESSE in Österreich heimisch zu machen. Die Reaktionen darauf waren verhalten, sie selbst klagt über Missverständnisse, als sie vom einberufenen Stammtisch in eine politische Leitungsrolle gedrängt wurde. Inzwischen hat sie ein Buch nachgereicht, das sie landauf landab vor kritischem und politikenttäuschtem Publikum präsentiert. Darin erregt sie sich über Politiker, die sich über Gesetze hinwegsetzen, und noch mehr über Bürger, die das nicht stört. Ihr Buch ist eine Kampfschrift, die zum Widerstand aufruft, und sie nennt als Inspiration die Revolutionen in arabischen Ländern. Die Methoden, die sie vorschlägt, sind Verfassung von Leserbriefen, Protestmails, mündlich geäußerte Kritik an Politikern und Ablehnung von Wahlzuckerln und Vergünstigungen, die von Politikern angeboten werden. Ich halte ihre Vorschläge für naiv, ihre zugrundeliegenden Analysen für falsch und vermute überdies eine Meinungskampagne des Blattes, für das sie arbeitet.

Rohrer sorgt sich um demokratische Einrichtungen in Österreich, die parteipolitisch missbraucht werden, und malt den Teufel an die Wand in der Form der hierzulande aus der Geschichte bekannten Ausschaltung des Parlaments durch autoritäre Politiker. Wie die Ökologiebewegung droht sie mit Untergangsszenarien, um Bürger zu demokratischer Wachsamkeit aufzurütteln. Aber ihr Demokratieverständnis ist zu formal. Wahlrecht, Bürgerbeteiligung und Gesetzestreue sind juristische Kategorien und entsprechen von Alters her dem lateinischen Diskurs im Dienst bürgerlicher Interessen der Erhaltung des Status Quo. Dagegen bedeutet Demokratie in der westlichen sowie allmählich auch in der arabischen Gesellschaft den Anspruch, frei über Lebenschancen, Sozialleistungen und vor allem über Konsumgüter verfügen zu können. Die bürgerliche Gesellschaft hat durch wirtschaftliche Prosperität und wissenschaftliche Forschung, Individualismus und Massenproduktion von Konsumgütern einen Hedonismus hervorgebracht, der längst nicht mehr ein Markenzeichen bloß der jüngeren Generation ist, sondern quer durch die Gesellschaft in allen Alters- und Berufsgruppen dominant ist. Die von Rohrer beklagte Lethargie ist ein Zustand der Sättigung, und ihr Versuch, die Satten an ihre Unzufriedenheit zu erinnern und zu „Wutbürgern“ zu emotionalisieren, wurde bereits früher von H.P.Martin, H.Schüller, J.Haider, H.C. Strache, F.Voves, R.Palfrader oder R.Düringer betrieben.

Ich selbst kämpfe hingegen darum, dass heutige Gläubige jeglicher Generation eine zeitgemäße christliche Identität entwickeln und stärken, die über den privaten Eigennutz hinausreicht. Dazu gehört die Stärkung der Gemeinde und ihrer Dienste, ganz besonders in der sonntäglichen Eucharistiefeier. Die von Rohrer beklagte Passivität und Konsummentalität muss auch hier überwunden werden, in Landgemeinden ebenso wie in städtischen, und in den älteren, bürgerlichen Generationen ist das noch schwieriger wie bei den Jungen. Am allgemeinen Desinteresse am öffentlichen Raum sind ja gerade die Massenmedien selbst sehr beteiligt, die das Öffentliche kolonisiert haben, sodass man zu Hause fernsieht oder Zeitung liest, wenn man sich informieren will, und nicht etwa ins Kaffeehaus geht oder auf den Markt. Für eine eucharistische Gemeinde muss hingegen der öffentliche Raum zurückerobert werden, und er ist mit Interesse am anderen sowie mit Inspiration durch das Evangelium zu füllen, und bitte nicht mit neuerlichen Konsumveranstaltungen aus der Brauchtums- oder Wohlfühlecke. Vorbilder für moderne Christen sind schwerlich in braven, angepassten Bürgerkreisen zu finden. Eher blicke ich auf Künstler und andere Wagemutige, und würde den Mut zu Risiko und Neuerung als spirituelles Ereignis betrachten. Vielleicht fällt der Übergang zu einem messianischen Christsein leichter, wenn man sich klar ist, dass eine moderne Kirche individuell sein muss und keine Massen erwarten kann. Aber an ihrer Lebendigkeit und Entschiedenheit wird sie zu erkennen sein – und das wird schwerlich von Provokationen zu Ungehorsam ausgelöst, gleich von welcher Seite.

Mittwoch, 6. April 2011

Ikonenverehrung

a.
Eigentlich könnte ja der Aufbau von Leitbildern als ein konstruktiver Vorgang beschrieben werden. Gesellschaftliche Anerkennung zu verdienen setzt doch voraus, durch besondere Leistungen aufgefallen zu sein und sich Vertrauen erworben zu haben. Andererseits verrät natürlich die Ikone auch sehr viel über diejenigen, die sie verehren. Wenn in der christlichen Antike Märtyrer hochgehalten wurden anstelle von Helden oder Führerpersönlichkeiten, so dokumentiert dies nicht nur ein verfolgtes Christentum, sondern auch eine Schubumkehr der Werte von einer leistungsorientierten römischen Siegermoral hin zu einer existenziellen Bekennermoral, die weniger an vorzeigbaren Ergebnissen, sondern an der Authentizität und Kongruenz der Werthaltungen orientiert ist. Dabei tritt die Eindeutigkeit der Position oft gerade erst nach einem tiefgehenden Wandel hervor, nämlich nach einer Bekehrung oder existenziellen Neuorientierung – wir denken an Paulus, Martin von Tours oder Augustinus. Auch hinter den Namen der heutigen Ikonen steht jeweils eine Anhängerschaft, die sich durch ihr Leitbild erst richtig konstituiert. Auch heute sind es nicht immer Leistungen, sondern oft eine bestimmte Haltung, die den Marktwert ausmacht.

b.

Was steht etwa hinter dem kometenhaften Aufstieg des aus prekären Verhältnissen stammenden Australiers Julian Assange? Weltweit bekannt wurde er, als er illegal gehackte Geheimdienstprotokolle aus aller Welt zuerst namhaften Zeitungen zum Verkauf anbot und, nachdem er damit scheiterte, sie im Internet veröffentlichte. Man könnte erwarten, dass ihm dies die Feindschaft aller Länder, oder zumindest der Regierungen einbringen würde, die durch die Veröffentlichungen mit einem Schlag bloßgestellt und betrogen wurden. Die Offenlegung aller Vorgänge internationaler Diplomatie trägt eigentlich das Ende von Diplomatie überhaupt in sich, also den Vorgang von interner Meinungsbildung, Kommunikationsanbahnung, von Allianzbildung, aber auch von Druckausübung auf Regierungen und Staaten. Die Enthüllungen sind so etwas wie die Übertragung von Telefongesprächen im Radio, und es müsste mit einer Entrüstung aller freiheitsliebender Menschen zu rechnen sein, an vorderster Front der Datenschützer und Warner vor zuviel Kontrolle und des Zugriffs auf private und interne Vorgänge.
Der zweite erstaunliche Punkt ist, dass diesem zweifelhaften Helden der Bloßstellung am Höhepunkt seiner Enthüllungen nun selbst Vorwürfe gemacht werden wegen sexueller Übergriffe, sodass nunmehr seine eigene Blöße in allen Medien präsent ist, und gerade in einem Bereich, der stets die allerhöchste Empörung garantiert. „Der Spiegel“ schwärmt vom Cyber-Krieg zwischen dem Internet-Profi und seinen Unterstützer-Truppen, und dem amerikanischen Geheimdienst, die Vergewaltigungsvorwürfe interessieren ihn aber nicht. „Die Welt“ berichtet von Assanges angeblichen peinlichen Bemühungen um Partnerinnen in einer Internet-Partnervermittlung, und von kompromittierenden Aussagen seiner ehemaligen Mitstreiter. Die Bild-Zeitung berichtet, dass Assange mit zwei Schwedinnen sexuell verkehrt habe, dabei auch gegen ihren Willen ohne Kondom. Die Süddeutsche Zeitung ebenso, und erwähnt dabei die strengen schwedischen Gesetze, die Frauen schützen sollten, und die nachfolgenden Diffamierungsversuche gegen die beiden Frauen von Assanges Anhängern.
Hierzulande klassifiziert News die Vorwürfe gegen Assange jedoch als Schmutzkübelkampagne, ebenso der Standard. Profil nimmt die Vorwürfe zum Anlass einer Aufklärung über Vergewaltigungsklagen und Unrechtsbewußtsein. Angelika Hager (13.1.2011) stellt Assange an die Seite des ebenfalls promiskuitiven Jörg Kachelmann, dessen Anklage auf persönliche Kränkung einer sich zuwenig beachtet fühlenden ehemaligen Partnerin zurückgeführt wird. Die Krone zitiert ihn als „schlechtesten Australier 2011“. Die Presse berichtet am 8.2. von Assanges Befürchtung, von Schweden an die USA ausgeliefert zu werden, wo Guantanamo und die Todesstrafe drohen könnten. Ebendort empfiehlt Christian Ortner einige Wochen vorher, beim Sex immer eine Notarin anwesend sein zu lassen, um späteren Rechtsstreitigkeiten vorzubeugen. Die neuesten Entwicklungen der Kontrolle über das Privatleben einzelner in der westlichen Welt nennt er Scharia. Peter Pilz von den Grünen fordert politisches Asyl für Julian Assange und bietet Wikileaks den Server der Grünen an für weitere Veröffentlichungen kompromittierender Geheimdokumente.

c.,

Man kann an der Ikonisierung Assanges´ sehen, wie behende und großzügig Vorwürfe wegen sexueller Vergehen bagatellisiert und gesetzliche Regelungen einer westlichen Demokratie verhöhnt werden, wenn eigene Interessen bedient werden sollen. An der Ikone prallen die Vorwürfe ab. Die liberale Öffentlichkeit hat sich dafür entschieden, Assange zum Bannerträger der Bloßstellung der institutionalisierten Macht zu machen. Das Prinzip Bloßstellung, ein Urmotiv von Massenmedien, steht über dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht der Frau und den wirtschaftlichen und politischen Interessen von Staaten wie Österreich, Schweden und USA. Peter Pilz oder Christian Ortner wettern gegen die repressive Kontrolle des Staates über die freien Bürger, und unterstützen den Kampf dagegen mithilfe der subversiven und illegalen Kontrollmöglichkeiten von Internet und medialer Öffentlichkeit. Sehen Sie einen Unterschied? – Ja, er liegt darin, wer kontrolliert. Der Ikonenmacher ist hier die liberale Linke, und ohne Rückhalt oder Duldung in der Öffentlichkeit könnte sie eine so brisante Positionierung nicht wagen. Das besagt aber keineswegs, dass es Mehrheiten von politisch Liberalen oder Linken gäbe. Aber die Vorstellung, der Einzelne stünde im Zentrum von Recht und Macht – oder er solle im Zentrum stehen!, diese Vorstellung, die sich zugleich gegen Institutionen und Solidaritäten richtet: eben diese Vorstellung ist mehrheitsfähig.

d.

Im Standart-Interview sagt am 7.4.2011 der Wiener Anwalt und Publizist Alfred Noll: „Der Aufdeckungsjournalismus ist ein elementarer Kern dessen, was ernstzunehmender Journalismus überhaupt ist. Es gibt keinen Grund, davon abzusehen. Aufdeckungsjournalismus gibt es in Österreich nicht zu viel, sondern es gibt zu wenig.“ Er bemängelt, dass in Österreich weder Politik noch Zivilgesellschaft ausreichend eine „Balance zwischen Obrigkeitsstaat und Demokratie“ herstellen, und sieht darin eine Aufgabe der Medien. Was er unter Demokratie versteht, zeigt sich in seiner Entgegnung auf die Frage nach dem Einfluss medialer Vorverurteilung auf die Rechtssprechung. Richter, die sich von Medien beeinflussen lassen, seien eben „schwache Persönlichkeiten“. Und die übrigen Medienkonsumenten?

Demokratie wird hier offensichtlich mit Individualismus gleichgesetzt und hat jedenfalls den Obrigkeitsstaat zum Feind, wahrscheinlich jegliche Obrigkeit. Die massendemokratische Konsumgesellschaft – so an dieser Stelle nun die These im Vorblick - benötigt die Medien, um die Brücke zwischen dem radikalen Individualismus und einem gesellschaftsbildenden Konformismus zu schlagen, nämlich in Form der „medialen Öffentlichkeit“. Hat die Entwicklung zum Individualismus bereits die meisten Orte von diskursiver Öffentlichkeit erodiert, also Orte leibhafter Begegnung zum Gespräch und Austausch (Schule, öffentliche Versammlungen, Diskussionsveranstaltungen, Bürgerinitiativen), und stattdessen privaten Konsum via Fernsehen und Internet aufgebaut, wodurch natürlich bisherige Formen von Gespräch und Meinungsbildung verschwanden, so besetzen Medien diese Leerräume und bauen eine Quasi-Öffentlichkeit auf via Hörer/Seherbeteiligung, Talk- und Quizshows mit Publikum, Soap-Operas oder Big Brother – Spektakeln. Diese synthetische Öffentlichkeit lässt sich mühelos in Weblogs fortführen, die den Kitzel von „echter, unberechenbarer Menschenbeteiligung“ liefern, und dennoch so überraschend stereotyp und vorhersehbar verlaufen wie eine Diskussionssendung mit Anrufern oder eine Leserbriefseite.

e.

Ein lebenspraktisches Fundament scheint diese synthetische Öffentlichkeit in den Hausfrauen gehabt zu haben, die vormittags unterhalten und von Werbung infiltriert werden sollten, und nach deren Übertritt ins Berufsleben nun die sich ständig vergrößernde Masse der Pensionisten, sowie der Kinder und Jugendlichen. Und die Twitter- und Facebook-Generation stellt bereits Partys und Diskotheken hinter die Chats zurück und bevorzugt Begegnungen der virtuellen Art. Dazu kommt, dass Musikberieselung durch Kopfhörer und Scheinkommunikation am Mobiltelefon auch bei Bewegungen im offenen Raum den Charakter des Synthetischen aufrechterhalten und vor unverhofften Begegnungen weitgehend schützen.

Und diese umfassende mediale Umschließung des „von der Obrigkeit befreiten“ Individuums benötigt und ermöglicht die medial gesteuerte Meinungsbildung. Somit gehen die Prozesse der Verdünnung sozialer Kommunikationsformen Hand in Hand mit der Ausweitung massenmedialer Meinungsbildung. Beide zusammen produzieren den leicht zu steuernden Konsumenten der Massendemokratie, wie ihn Panajotis Kondylis stringent beschrieben hat. Und nun kann die These gewagt werden, dass diese Weise von Geistigkeit prinzipiell obrigkeitsfeindlich ist, nämlich nicht so sehr, weil sie deren Kontrolle zu befürchten hätte – außerhalb des ORF behaupten eher Kolumnisten die Meinungsführerschaft als Politiker -, sondern weil die Steuerung des Konsums der Steuerung politischer Ordnung in der Massendemokratie vorgeordnet ist.

f.

Es bedarf nicht mehr vieler Worte, zu zeigen, dass diese Obrigkeits-Demontage auch vor der Kirche nicht Halt macht, nicht so sehr vor Papst und Bischöfen mit Schauwert, sondern der Kirche insgesamt als Hüterin von Glaube und Wahrheit. Wie willkommen sind da Missbrauchsfälle und Fälle von falschen und inkompetenten Entscheidungen! Wie bereitwillig entsprechen gewisse Entscheidungen den Stereotypen und Vorurteilen! Es stellt sich also heraus, dass die Ikonisierung bestimmter Leitbilder derselbe Vorgang ist, der Obrigkeiten abbaut, also handelt es sich um einen Herrschaftswechsel. Der Aufstieg in den Himmel medialer Aufmerksamkeit entspricht dem Fall anderer Gestirne. Ordnung und Chaos dürften sich dabei etwa die Waage halten – aber an die Stelle demokratisch legitimierter Ordnung tritt nach und nach konsumistisch legitimierte Ordnung. Der Aufstieg Karl-Heinz Gassers, der bereits durch sein Erscheinungsbild die Parteienlandschaft zu kompromittieren vermochte, scheint weniger der fachlichen Kompetenz verdankt als der telegenen Wirkung – und sein Fall erst recht. Und der posthume Aufstieg Papst Johannes Pauls in den Medienhimmel gilt weniger seiner Leitungsqualität als seiner Medienwirkung, und er findet auf dem Rücken des amtierenden Papstes Benedikt statt. An den medial präsentierten zwei, drei Einheitsthemen hat dieser sich so wenig orientiert wie jener. Das kann keine dauerhafte Medienfreundschaft einbringen.

Samstag, 5. Februar 2011

Das Tribunal. Wie sich Macht ereignet

a.
DIE ERREGUNGSPARABEL besteht aus zwei Kurven, die spiegelbildlich gegeneinander verlaufen, sich jedoch nicht treffen, sondern in ihrem Scheitelbereich einen bestimmten Raum beschreiben, den zu inszenieren nämlich ihr Zweck ist. Die untere Kurve ist diejenige der Entrüstung. Sie baut sich aus Ereignissen auf, die als Skandale erlebt werden. Dabei entsteht das Ärgernis durch den Übergang von etwas Geheimen im Privatbereich in die Öffentlichkeit. Je aprupter und unvermittelter der Übergang, desto größer die Freude über die Enthüllung. Man sieht deutlich, dass die Art des Übergangs der Gestaltung des Mediums seiner Erscheinung obliegt.
Über die Art der enthüllten Objekte gibt die zweite Kurve Auskunft. Denn die Erregung ist proportional mit der Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung des bloßgestellten Subjekts – dessen Erniedrigung die zweite Kurve beschreibt. Der Absturz in der gesellschaftlichen Anerkennung entspricht also dem Steigen der öffentlichen Erregung. So eignet sich für eine breitenwirksame Skandalisierung schwerlich ein biederer Kleinbürger, der Steuer hinterzogen hat – da würde man sich eher noch solidarisieren – sehr wohl aber ein ehemaliger Finanzminister. Der emotionale Wert der Berichterstattung ist natürlich außerordentlich hoch, wenn es gelingt, O-Ton-Bänder zu präsentieren, sodass die Ungeniertheit und Selbstgefälligkeit den Sprecher sprichwörtlich nackt überführt. Die Nacktheit sowie die Fallhöhe waren auch beim Missbrauchsskandal die emotionale Rendite der Nachrichtenkonsumenten.
Neben der vertikalen Zuordnung der Kurvenelemente ist auch der schrittweise Aufbau der Erregung zu beachten. Niemals wird das gesamte Ereignis mit einem Schlag präsentiert, sondern immer wird zuerst ein nebensächliches, fern liegendes Faktum gezeigt, das erst aufmerksam machen soll. Dann werden, zuerst in längeren Abständen, in enger werdenden Kreisen schließlich die Ereignisse immer bedeutsamer platziert, mit immer höherem Risiko des Vorgeführten, bis zum Höhepunkt der Aufmerksamkeit, die dem Tiefpunkt seiner gesellschaftlichen Achtung entspricht.
Das Ziel der doppelten Erregungsparabel ist die Vorführung des Delinquenten in der zentralen Arena des Kolloseums. Bei den BAWAG-Bankern ist das die Gerichtsverhandlung, bei Waldheim der Bundespräsidentschaftswahlkampf, bei Bush war es der Irakkrieg, bei der Kirche die Klosterschulen. An den Vorgäöngen in der Arena kann das Publikum gewöhnlich nicht selbst teilnehmen, nur von den Rängen her beobachten und Zensuren geben. Umso wichtiger sind eindeutige Zuordnungen der Kampfparteien in Freund/Feind, sympathisch/unsympathisch oder Opfer/Täter.

b.

Weil das Tribunal im Wesen eine Vorführung ist, bemisst sich seine Bedeutung am Schauwert. Ganz oben auf der Wirkungsskala stehen Sexualität, Angst und Tod, gefolgt von Katastrophen, Terror und Krieg. Hunger, soziale Benachteiligung oder gesellschaftliches Engagement haben wenig Chance auf Schlagzeilen, da in der gesellschaftlichen Achtung niedrig Stehende nicht gestürzt werden können. Dasselbe gilt für Länder und Kontinente, die erst als Urlaubsdestinationen oder Firmenniederlassungen interessant werden. Eine Ausnahme wäre ein vermeintlicher Durchschnittsbürger, der seine oder fremde Kinder jahrelang in Kellerverliese sperrt und missbraucht, wegen der ans Licht gezerrten absonderlichen Intimität, oder ein Neurotiker, der durch Briefbombenterror die Nation in Atem halten kann und mit der Bayuwarischen Befreiungsarmee für Dramatik und Erlebnisdichte sorgt.

Die Vorführung besteht darin, das jeweilige Ereignis der Sexualität, der Lüge, des Terrors hinter einer steigenden Erwartung aufzubauen. Neben der wachsenden Empörung und dem abnehmenden Ansehen ist nämlich die Zeit der dritte Faktor des Tribunals. Ein Flugzeugabsturz in zugänglichem Gebiet löst wenig Erregung aus, sofern nicht Bekannte unter den Verunglückten sind. Ganz anders dagegen eine Flugzeugentführung, die tagelang Spannung erregt, indem nach und nach die Identität der Entführer bekannt wird, ihre Forderungen, die Lage der Geiseln, die näheren Umstände – aber dennoch immer genug Ungewissheit bleibt über die weiteren Pläne der Entführer und die Reaktionen von Regierung und Polizei. Eine Flut- oder Erdbebenkatastrophe erzeugt dann Erregung beim Betrachter, wenn sich ihre Darstellung über Tage oder Wochen hinziehen lässt, und dabei immer neue, verborgene Tatsachen ans Licht kommen, durch die sich eine Verschuldensfrage aufbauen lässt: die Regierung, die Baubehörden, der Staudamm, der Tourismus. Der emotionale Schauwert kann nicht allein in den Bildern von Leichen und Verletzten, Trümmern und Schlamm liegen, sondern es muss eine Variante der Betroffenheit des Betrachters gefunden werden, sei es durch den Urlaubsort, durch heimische Helferteams oder durch die auchb hierzulande tätige Ölfirma.

c.

Aber um es genauer einzugrenzen: Von Tribunal kann erst dann gesprochen werden, wenn eine bewusste Bildgestaltung vorliegt, eine Inszenierung öffentlicher Erregung. Und deshalb laufen die Kurven der Erregungsparabel auf eine Bühne zu. Dort wird der Endkampf stattfinden. Im besten Fall ist die Bühne eine Gerichtsverhandlung mit benannten und bebilderten Angeklagten und einem Richter, sowie einem finalen Schuldspruch. Die Bedeutung des Zeitfaktors ist dabei übrigens auch im jahrelangen Nachspiel zu beachten, wenn noch die Haftbedingungen oder spätere Einsprüche bereitwillig in der Aufmerksamkeit platziert werden. Der Vorrang der Emotion zeigt sich hier auch darin, dass sehr leicht das Feindbild kippen und plötzlich der Richter am Pranger stehen kann. Der Schauwert einer brennenden Ölbohrinsel ist nur einige Tage groß. Später muss mit Graphiken und Rettungsversuchen nachgebessert werden, und schließlich mit der Fokussierung auf den Manager des Ölkonzerns, der auf die Wucht des Blicks mit willkommenen Ungeschicklichkeiten reagiert, in denen er sich verheddert. Die abklingende Kurve wird von Gewinneinbrüchen des Konzerns gebildet, sowie allfälligen vorbeugenden Gesetzesmaßnahmen und Umfragewerten der beteiligten Politiker.
Ganz ähnlich verlief die Erregungsparabel bei der Afrikareise des Papstes. Die kolportierten Aussagen über die Verwendung von Kondomen waren kaum als Fakten zu begreifen, fielen sie doch im Flugzeug bei der Anreise und bestanden in der Abwehr der fragwürdigen Journalistenbehauptung, mit Verhütungsmitteln könne eine Epidemie geheilt werden. Eigentlich durchkreuzte diese Aussage die Inszenierung öffentlicher Erregung, weil sie bereits am Anfang fiel und sich kaum mehr steigern ließ, außer durch unablässige Wiederholung und Befragung Empörter. Mein Verdacht geht eher in die Richtung, diese Berichterstattung sollte von der mangelnden Präsenz und Kompetenz der Berichterstatter in den bereisten afrikanischen Ländern ablenken. Jedenfalls fand die Parabel weltweit Resonanz und überdeckte weitgehend die Anliegen dieser Pastoralreise, und zwar offensichtlich am meisten in Mitteleuropa, wo das Meinungsbild bereits das Faktum der Reise in den Schatten stellte.

d.

Es kann darin bereits eine kämpferische Abwehr der Kolonialismuskritik des Papstes gesehen werden, die ja gerade am Kondom festzumachen ist, diesem gerade in Europa so wenig geliebten Lusttöter, und wenn die sozialistische spanische Regierung sogleich ein paar Tonnen dieser Gummiwaren nach Afrika zu senden sich bemüßigte, so bestätigte sie gerade die mit feiner Klinge vorgetragene Kritik an der westlichen Herablassung. Die Erregungsparabel war also diesmal eine gesuchte Aktion, um dem Kirchenoberhaupt in die Parade zu fahren und seine sorgfältig aufgebaute Kritik des kapitalistischen Menschenbildes nachhaltig zum Verstummen zu bringen. Und so hat man stattdessen Afrika gänzlich ungestört ins Bild setzen können bei der Fußballweltmeisterschaft, als Geographie und Natur, Despoten und Kriminalität vorgeführt wurden und zuletzt in herablassende Belehrungen umgemünzt wurden. So ließ sich einmal mehr die westliche Projektion des Exotischen in Szene setzen, wie das auch gerade bei der Berichterstattung der politischen Umbrüche in Nordafrika versucht wird, ohne dass es so recht zu gelingen scheint.
Allerdings folgen auch die Geschehnisse in Tunis und Kairo genau der Erregungsparabel, indem die Raumvektoren sehr bald den Schuldigen sowie den Schauplatz definieren, auf dem er vorgeführt wird. Im Hintergrund werden weitere Tribunale in Damaskus, Amman und Sana vorbereitet, sowie zaghaft auch in Jerusalem. Wiederum hat sich der Westen die Position des Zuschauers auf der Bühne reserviert, während in der Arena die arabischen Despoten erscheinen. Nebenbei bemerkt, machen jene genau dasselbe mit der westlichen Politik, vielleicht etwas ungeschönter, wenn Gaddafi die Lockerbie-Attentäter mit einem Staatsempfang ehrt und die Schmiergeldzahlungen von BP auf allen arabischen Sendern zu sehen sind. Schon Khomeini hat die amerikanischen Geiseln benützt, und Carter schenkte ihm noch einen gescheiterten Befreiungsversuch. Wir erinnern uns auch an die gescheiterten Geiselbefreiungen im Libanon und im Gazastreifen, als jeweils die israelische Armee vorgeführt wurde. Man könnte die Eskalationskunst in der arabischen Mentalität viel mehr beheimatet sehen als in der westlichen.

Man sollte vorsichtig sein, die wie immer medial dargestellte Sachlage als allein von den Fakten geschaffen anzusehen. Was sind die Fakten bei einem Volksaufstand in Kairo? Die Sprüche auf den Transparenten? Das, was eine handvoll Befragter ins Mikrophon sagt?
Die Befindlichkeit der Journalisten oder der Touristen? Oder die Zahl der Toten und Verletzten, die sonderbarer Weise nicht nachgeprüft wird? Oder der Sachschaden durch Plünderungen. Eine Revolution ist ein selten deutliches Beispiel für den Überhang von Meinung über das Faktische, weil es ja um Meinungsbildung der Masse geht, sowie dann um deren Durchsetzung. Lesen Sie nur, wie Karim El Gawhary seine Position in der ägyptischen Revolution deklariert, die alles andere als eine neutrale und sachliche Beobachteraufgabe ist: http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/aegypten/2667518/furcht-aber-sorge.story. Inzwischen werden bereits die möglichen Szenarien des Machtwechsels medial durchgespielt, obwohl das noch immer Wunschdenken ist, das eben, häufig genug verbreitet, irgendwann tatsächlich Wirklichkeit schafft.
Auffällig dabei, wie sehr unsere Medien die Rolle von Internet und Mobiltelefon hochloben, während doch beide gesperrt sind. Anscheinend ist Mundpropaganda für die Massenmedien ein so subversives Mittel, dass sie es am liebsten zensurieren wollen.

e.

Das sicherste Mittel, ein mediales Ereignis größerer Tragweite als Erregungsparabel zu identifizieren, also als inszenierten Vorgang zur Demontage einer hierarchisch gestützten Institution, ist die bestimmte Erwartung, die den Vorgang von Anfang an begleitet. Die Bloßstellung des Verteidigungsministers ist von Anfang an beabsichtigt, mit seiner Präpotenz gibt der ehemalige Zivildiener ein gutes Opfer, und seit er in die Arena gestoßen ist, macht er einen Fehler nach dem andern. Eigentlich müsste die Abschaffung der Wehrpflicht ein massentauglichers Ziel sein in der massendemokratischen Konsumgesellschaft, aber die Medien verweigern, sich von der Politik hierfür instrumentalisieren zu lassen, und drehen den Spieß um. Mit der Erregungsparabel haben die Medien die größere Waffe als die Politik sie hat. Die zugrunde liegende Erwartung: Der rote Zivilminister wird am schwarzen Militär scheitern. Sobald sich das Übergewicht abzeichnet, wird der Minister fallen gelassen mitsamt seiner noch so populistischen Forderung. Genau darin liegt die Kunst des Wellenreitens, frühzeitig eine Entwicklung, ein Kräfteverhältnis im Entstehen zu erkennen und auf die Welle hinaufzukommen, um danach möglichst lang oben zu bleiben. Die schwarze Hochschulministerin, obwohl fotogen, wird an den Strukturen scheitern. Die rote Bildungsministerin wird an den Lehrergewerkschaften scheitern. Die schwarze Justizministerin und ihre Gegner, die Stellung beziehen. Die Staatsreform und die Landeshauptleute. Überall werden Kräfte gemessen und Klingen gekreuzt, und die öffentliche Meinung ist stets beim vermeintlich Stärkeren. Dem Schwächeren hält man sein Scheitern vor. Die Schaukämpfe sind ritualisiert. Lohnrunden und Streikbeschlüsse, Rechtssprechungen und Wahrkampfreden wecken bereits die Erwartung weiterer Ereignisse. Die Erwartung ist bereits an der Fragestellung des Interviewers erkennbar: „Was sagen Sie als praktizierender Katholik zum Missbrauchsskandal?“ „Halten Sie den Zölibat noch für zeitgemäß?“ Barbara Karlich lädt einen praktizierenden Priester ein, der den Zölibat lebt und verteidigt, und stellt ihn sechs Gegnern: einem liberalen Priester, der den Zölibat vom Amt trennen und der Entscheidung einzelner überlassen will, einem Priester ohne Amt, einem nicht Priester gewordenen Theologen, einem Pensionisten sowie einem evangelischen Pfarrerehepaar. Dazu einem Publikum, das die von vornherein festgelegte Erwartung verstärkt und durch Applaus oder missbilligende Blicke unterstützt, jeweils in Großaufnahme. Bevor nur ein Wort fällt, steht der Ausgang fest. Die feststehende Erwartung ist wie eine schiefe Ebene, auf der der Vorgeführte von unten nach oben spielen muss und keine Chance hat. Ein Gladiatorenkampf zwischen ungleichen Gegnern. Durch diese Vorsortierung sichert sich der Meinungsführer die Vorherrschaft am Wellenberg.

f.

Zuletzt noch eine Gegenprobe. Das Tribunal wurde als Machtereignis beschrieben, das mittels der Erregungsparabel seine Meinungsherrschaft am Wellenberg behauptet. Weitere Machtereignisse, die noch erläutert werden müssen, sind die Digitalisierung von Ereignissen, das Prozessdenken, das Assoziationsdenken, die Ikonenverehrung, die dem Tribunal gegenläufig ist, und die Emotionalisierung. Die Gegenprobe besteht nun darin, ein Ereignis aufzuspüren, das diesen Kriterien nicht genügt. Ich nehme als Beispiel die dürre Meldung vom 3.1.2011 im Mittagsjournal über die Ergebnisse einer Umfrage der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft über das Vertrauen der Österreicher in Institutionen: http://oe1.orf.at/artikel/266131
Vermeintlich ist von staatlichen Institutionen die Rede, aber es geht auch um die Kirche. Wenig erstaunlich ist die großteils geringe Bewertung der meisten Institutionen, also Politik, Gewerkschaft, Justiz, Polizei, Medien, Parteien, und eben der Kirche. Der Bericht nennt nur für die Politik (3%) und für den Bundespräsident (24%) Zahlen, für die Kirche wird ein angeblich geringer Wert als „wenig erstaunlich“ bezeichnet, der geringe Wert für Medien aber mit keinem Wort erläutert. Berücksichtigt man nun oben ausgeführte Emotionalisierungsstrategien, so gibt dieser Bericht wenig her. Weder Helden noch Bösewichter, spannungsreiche Entwicklungen noch Empörungen lassen sich daraus gewinnen. Nur eines läge auf der Hand: die Digitalisierung, also die Übersetzung von Tatsachen in Zahlenwerte, am besten in Rankings. Aber warum wurde hier kein Ranking erstellt? Etwa, weil die Medien so weit hinten lägen? Jedenfalls ist augenscheinlich, dass sich ein solcher Bericht wenig zum Surfen auf der Meinungswelle eignet. Dazu muss gesagt werden, dass die genannten Zahlen völlig jenen des Magazins Reader´s Digest widersprechen, die für März 2010 etwa zehnmal so hohe Beliebtheitswerte ausweisen, und dazu noch wesentlich differenzierter. Tatsache: Man hat den Bericht schnell wieder verschwinden lassen.

Samstag, 31. Juli 2010

Tendenziöse Beispiele

Wer immer noch meint, die Medien wären als vierte Gewalt im Staat an Wahrheit und Aufklärung interessiert, der möge zwei jüngere Beispiele studieren:

http://oe1.orf.at/artikel/251891

Im heutigen Mittagsjournal befragt Dorothee Frank den im Journal als Gast geladenen Klaus Maria Brandauer, anlässlich seiner Rolle in Ödipus auf Kolonos bei den Salzburger Festspielen. Ödipus der Asylwerber und die heutige Asylpolitik. Und dann kann es Frank nicht lassen, den, von dem sie weiß, dass er praktizierender Katholik ist, nach der "Kirchenkrise" zu befragen. Nach dem "Missbrauchskandal". Nach dem, was in der Öffentlichkeit geredet wird. Nach Kirchenleitung und Zölibat. - Und nachdem Brandauer nichts herausrückt, kommt sie darob ins Schwimmen - und fängt zu bohren und zu stochern an. Er spricht von seiner eigenen Sünde, sie spricht vom Skandal. Ihm ist das Thema zu langweilig, sie beharrt. Glaube ist das eine, Kirche das andere, sagt sie. Kirche sind Menschen, sagt er. Die Frage ist nur, ob die Kirche zu schrumpfen droht, sagt sie. Ich glaube, dass die Kirche eine große Chance hat, sagt er. Sie fragen mich nur, weil ich der KMB bin, aber ich habe keine Ahnung. Ich möchte mich aus diesen kleinkarierten Dingen heraushalten, sagt er.

Hören sie auf ihre Stimme. Sie erwartet und entwirft eine Gesprächssituation, wo mit Stichwörtern sogenannte Informationen abgerufen werden sollen, Meinungen, Brocken. Das soll so gehen wie ein Computermenü: Du klickst diesen Button an, und dieses Fenster geht auf. Die bunte Galerie nach vorgefertigter Ästhetik wird Interview genannt, oder Informationssendung, oder Berichterstattung. Und gerade an der Anstrengung der Stimme ist zu hören, wie das funktionieren soll, was sich jetzt sträubt: Von Stichwort zu Stichwort surft die Meinung der Moderatorin/des Hörers von Wellenberg zu Wellental. Die gedehnten Vokale: der Missbrauchskandaaaal, Kirche als Institutiooooon, der Zölibaaaat. Und leider: Brandauer apportiert die Hölzerl nicht, er springt nicht jappend hinterher, von der Journalistin übers Feld gehetzt. Sondern er entgegnet: kleinkarierte Dinge. Wir Sünder. Und horchen Sie, wie der Burgschauspieler da niedergeredet wird. Er, der Meister von Stimme und Wort, von ihr, der Meisterin von Gefälligkeit und schneller Wirkung. Ein Lehrbeispiel, wahrlich.

Das zweite Beispiel stammt von Michael Prüller, Presse-Chefredaktion, Meinung vom 24.7.2010:
Missbrauch revisited

http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/583234/index.do

Da liest man: "Jeder weiß, dass sexueller Missbrauch keine kirchliche Spezialsünde ist – aber außerkirchliche Fälle, Vertuschungen und Verantwortlichkeiten werden kaum diskutiert. Ein bisschen Odenwaldschule da, ein bisschen „Profil“-Artikel zu staatlichen Kinderheimen hier, damit hat es sich. Als ob es peinlich wäre, Missbrauch anzusprechen, wenn er nicht hinter Klostermauern passiert. Und die ganze riesige Missbrauchskiste des öffentlichen und privaten Bereichs bleibt unaufgearbeitet."

Man liest vom Medienversagen, das eine Kirchenkrise herbeischreibt und herbeiwünscht. Von den medialen Austrittsbeschleunigern und der wirklichen Relation. Von der Massentreue zur Kirche. Vom Nichtübertritt zu den zölibatsfreien und frauenmitbestimmten Kirchen. Und von wirklichen kirchlichen Sorgen, nämlich der Fremdheit im Glauben, der Ahnungslosigkeit über Glaubensinhalte.
Zum Schluss landet Prüller allerdings wieder bei einem der Stichworte, das eine Entkrampfung der Situation bringen soll: "Ein Anfang wäre etwa, auf das Kirchensteuersystem zu verzichten. Ich weiß, das sagt sich so leicht – aber sonst hört der Krampf ja nie auf." - Vielleicht muss man soetwas sagen als Medienmacher. Bei diesen Kollegen, bei diesen Lesern, bei diesen Inserenten. Bei dieser Konkurrenz. Aber zum Artikel passt dieser Schluss gar nicht. Er ist überflüssig. Es ist genug, die halbjährliche Debatte zusammenzufassen und das Bild zurechtzurücken.
Michael Prüller hat mir schon im Mai in einem Brief geantwortet auf meine Beschwerde über die tendenziöse Berichterstattung. Ungefähr in demselben Ton. Von der Medienseite mag man es damit als überstanden erklären. Mag es damit sein Bewenden gefunden haben. Ist man wohl in dem Augenblick des landesweiten Überdrusses gewahr geworden, als wenige Stunden nach der Ernennung von Ägidius Zsifkovics bereits Cerberus Zulehner aus Wien polterte über die undemokratische Kirche, während Zsifkovics sich bereits an seine Gläubigen wandte und eine Chance erbat. Da hatten wir wahrlich genug.

Es gab noch den Versuch einer Neuauflage mithilfe der Wiener Schulbrüder. Die Geschichte, die bereits vor Jahren von der Staatsanwaltschaft zurückgelegt wurde, weil die Vorwürfe einer Mutter eines inzwischen erwachsenen ehemaligen Schülers nicht zu belegen waren, sollte nochmals aufgewärmt werden. Am ersten Tag wurde noch berichtet, dass der Vorwurf die Wiederholung eines bereits abgewiesenen Vorwurfes war. In den darauffolgenden Tagen wurde die Ordensleitung schlecht gemacht. Und schließlich löste sich das Thema auf wie eine Seifenblase. An Überspannung zugrunde gegangen.

Was mich nun wirklich interessiert, sind die Hintergründe einer solchen Berichterstattung. Und die kirchliche Reaktion darauf.

Donnerstag, 26. März 2009

Erstaunliche Selbstzufriedenheit

Jetzt ist schon wieder etwas passiert“, beginnt Thomas Götz seine Suada über den Papst (Kleine Zeitung, 19.3.). Er mokiert sich über die Aussagen des Papstes über pastorale Probleme der Kirche in Afrika. „Das hätte er besser nicht getan.“ Über das kirchliche Anliegen, Sexualität zu humanisieren, spottet er. Er nennt das „grobe Vereinfachung“ und empfiehlt das päpstliche Anliegen für Eheseminare in Oberbayern. Dass Millionen Menschen den Weg des Papstes säumen, dass sie ihm zujubeln, hält er vermutlich für rückständig. Dass Missionare, die Jahrzehnte ihres Lebens unter Einsatz aller Kräfte im Dienst der Menschen in Afrika leben, seine Ansprachen begrüßen, hält er vielleicht für unkritisch. Dass seine eigene Zeitung auf der Seite davor einen fünfspaltigen Artikel mit einer Life-Reportage aus Kamerun bringt, die den Unterschied zwischen europäischer und afrikanischer Einstellung zu Empfängnisverhütung erklärt, hat er vielleicht mit Missgefallen akzeptiert. Möglicherweise, weil die Herausgeber seiner Zeitung eigentlich der Kirche nahe stehen.

Nun, Thomas Götz scheint hier Morallektionen zu verteilen, und der Papst wird von ihm gemaßregelt wie ein Schulbub. Man bekommt den Eindruck, die Journalisten wären unfehlbar, und sie hätten eine besondere Legitimation und einen privilegierten Zugang zur Wahrheit. Wochenlang haben wir über die demokratische Rückständigkeit der Kirche bei Bischofsernennungen gelesen – aber wer hat Thomas Götz gewählt? Wenn die Medien objektiv und unparteiisch berichten, warum üben sie dann Druck aus mit den ständigen Berichten über Kirchenaustritte und Meinungsumfragen zum Zölibat? Und berichten nicht wenigstens im gleichen Ausmaß über volle Kirchen, z.B. in Oberösterreich? Weil das nicht sein darf. – Nein, Medien spielen mit ihrer Macht in der Öffentlichkeit und nützen sie zur Durchsetzung gesellschaftlicher Veränderungen. Sybille Hamann, Die Presse, 25.3., nennt den Papst einen Angehörigen einer „Kleingruppe von Männern“, die geschützt gehört wie aussterbende Tiere, und vergleicht den Klerus mit homosexuellen Wohngemeinschaften der Siebzigerjahre. Kaum zu glauben, dass sie vom Oberhaupt der weltgrößten Glaubensgemeinschaft spricht, die seit Jahrhunderten das Leben der Armen in aller Welt teilt und in Schutz nimmt. Die Wiener Journalistin wirft der Kirche Weltfremdheit vor und empfiehlt Kondome und Abtreibung für die afrikanische Volksgesundheit und Armutsbekämpfung – eine sicherlich sehr erfahrene Position.

Es ist der populistische Kampf gegen „die da oben“, gegen Kirchenleitung und Tradition, aber im selben Sinne auch z.B. gegen Beamte und Lehrer. Viel hartnäckiger als gegen Kirche schreiben die Zeitungen gegen die Schule, zitieren genüsslich Länder-Rankings mit dem Schlusslicht Österreich und inszenieren den Showdown zwischen Bildungsministerin und Lehrerschaft, nicht ohne die armen Schüler und Schülerinnen zu bedauern, auf deren Rücken diese Profilierungen stattfinden. Und die dritte Zielgruppe der journalistischen Scharfschützen und Hasenjäger sind natürlich von jeher die Politiker. Kommen wir nicht ohne Feindbilder aus? Müssen wir 100 Jahre nach der Monarchie noch immer am Thronsturz arbeiten? Und was ist das für ein gesellschaftliches Ziel, nach dem heruntergewirtschafteten Zusammenhalt von Gläubigen und Bischöfen, Lehrern und Schülern, Briefträgern und Eisenbahnern, Beamten, Angestellten, Unternehmern und Gewerkschaften, nun in einen entfesselten Individualismus einzumünden?

Es ist niemand aufgefallen, mit welcher Selbstgerechtigkeit wiederum Europäer ihre Sexualmoral den Afrikanern aufdrängen wollen, nach jahrhundertelangem Sklavenhandel und bis heute fortdauernder wirtschaftlicher Ausbeutung. Wir Europäer mit den zerbrochenen Familien, den überforderten Müttern, den auf sich allein gestellten Kindern, den nicht geborenen Kindern, der versiegten Potenz, der ungerichteten sexuellen Energie und der schwindenden Beziehungsfähigkeit - wir belehren die Afrikaner, die von großen Familien und Stammesverbänden getragen werden. Als ob wir stolz sein könnten auf europäischen Sextourismus, Pornoindustrie und Viagra. Hat einer dieser Kirchenkritiker einmal erläutert, mit welchen Menschenbild er für die Befreiung des Menschen kämpft? Und auf welche Erfolge stützt er sich? Wem ist er verantwortlich?
Während Milliarden Euro und Dollar für Waffen ausgegeben werden, können Afrikaner Aids-Medikamente nicht bezahlen. Und dann spottet jemand über die Kirche, die genau diesen notleidenden, ausgebeuteten Menschen nahe ist und hilft. Wenn auch Selbsterkenntnis in die Medienlogik passen würde. Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit und Beschränktheit. Eine Ahnung unserer Erbärmlichkeit. Und Dankbarkeit für unser unverdientes Wohlergehen. Nicht nur für Kinder. Und nicht nur vor Ostern. Denn auch dafür stehen Papst und Kirche: Wir glauben an die Freiheit des Menschen, sich selbst zu erkennen und umzukehren.


Goetz-ueber-Papst

LEITARTIKEL

Plädoyer für ein päpstliches Bußschweigen über Sexualität

Wie Papst Benedikt XVI. seine Afrika-Reise ruinierte.

Jetzt ist schon wieder was passiert. Papst Benedikt XVI. hat über Aids und Kondome geredet und das in Afrika. Das hätte er besser nicht getan. Was immer noch gesagt werden wird auf seiner Reise, der eine Satz wird in Erinnerung bleiben. „Die Immunschwächekrankheit Aids ist nicht durch die Verteilung von Kondomen zu überwinden, im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem“, sagte der Papst in einer improvisierten Pressekonferenz im Flugzeug. Eine Begründung blieb er schuldig.

Wie sich Benedikt XVI. die Bekämpfung der Seuche vorstellt, kann man in der Abschrift des Gesprächs nachlesen. Es gehe darum, „die Sexualität zu humanisieren“, den „Menschen von innen zu erneuern“. Man müsse den Menschen „geistliche und menschliche Kraft geben für das rechte Verhalten gegenüber dem eigenen Körper und den des anderen.“ Das ist ein schönes und wichtiges Langzeitprogramm, bestens geeignet für Eheseminare in Oberbayern.

Der Papst aber sprach über Afrika. Dort leben sechzig Prozent aller Aids-Kranken. 17 Millionen Afrikaner sind schon an Aids gestorben, 22 Millionen haben sich infiziert. Vor diesem Hintergrund ist Benedikts Philippika gegen eines der wenigen wirksamen Mittel, das die Übertragung des Virus vereiteln kann, gemeingefährlich. Daran ändern auch die feinsinnigen Erwägungen nichts, die er seinem Urteil anfügt. Das Donnerwort über Kondome erschwert Ärzten, Missionaren und anderen Helfern den Kampf gegen die verheerende Krankheit. Sätze wie der zitierte verstärken die Unwissenheit über die Ursachen der Seuche und ihrer Weitergabe.

Dass der Papst nur sagt, was die Kirche seit über vierzig Jahren glaubt verkünden zu müssen, macht die Sache nicht besser. Der Ursprung liegt in der kurzschlüssigen Idee, Sex wäre nur dann gut, wenn Fortpflanzung dabei nicht ausgeschlossen wird. In dieser Logik ist die kategorische Ablehnung empfängnisverhütender Mittel folgerichtig. Aber diese grobe Vereinfachung ist lebensfremd und wird dem komplexen Thema nicht gerecht, nicht in Oberbayern und schon gar nicht in Afrika.

Vielleicht wäre ja allen geholfen, griffe Joseph Ratzinger auf ein Instrument zurück, das er als Präfekt der Glaubenskongregation selbst gerne angewandt hat: das Bußschweigen. Zehn Jahre kein Wort mehr über Sexualmoral, das wäre eine heilsame Entschlackungskur für alle Beteiligten. Päpstliche Reden klängen weniger moralistisch und wir könnten uns wichtigeren Aspekten des Lebens und der Religion zuwenden.

Sie erreichen den Autor unter

thomas.goetz@kleinezeitung.at


THOMAS GÖTZ



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