Freitag, 19. August 2016

Was bleibt

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Im Suq der Medina von Kairouan.
Ein sehr stimmungsvoller Ort.
Die Hitze ist gedämpft durch den Häuserschatten und das Dach.
Man breitet aus, was man anzubieten hat.
Offen und ehrlich.
Die Händler warten still, wo es Töpferwaren oder Kupfergeschirr sind. Alles handgemacht.
Trachten und Schürzen. Teppiche.
Aber dort, wo sich die Tische biegen unter den Bergen von Leibchen und Jeans, Unterhosen und Socken, am Tauschmarkt, an den Gebrauchtständen, und das ist die überwiegende Mehrheit der Stände, von der Stadtmitte bis vor die Tore der Medina, dort wird geschrien, dort herrscht Hektik und Gedränge.

Ein Bub steht vor mir und wickelt etwas verträumt seine Schokolade aus. Er zerreißt das Papier und wirft es vor sich auf den Boden. Vor die Verkaufstische. Man sieht keinen Vater, der sich zuständig fühlt. Aber das würde nichts ändern. Der Bub ist frisiert und schön angezogen.

Ich sitze im Cafe, an einem weißen Plastiktisch am Gehsteig, eigentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Cafe. Sie haben die Plastikstühle überall hingestellt, wo noch Platz ist. Die ganze männliche Bevölkerung würde tagsüber da sitzen, wenn genug Platz wäre. Viele Männer fahren mit dem Fahrrad hier – die Buben mit dem Mofa. Immer wieder erhebt sich eine ganze Tischrunde, nachdem der Kaffee ausgetrunken ist oder das Kartenspiel beendet. (Ja, man trinkt hier Kaffee. Das habe ich noch in keinem arabischen Land gesehen, dass man Kaffee trinkt. Nicht türkischen Kaffee, keinen Nescafe im Hotelrestaurant, sondern Cappucino, Cafe latte und Espresso. Das haben sie von den Franzosen.) Gehen zum Fahrrad, öffnen das Kettenschloss, steigen auf und fahren ab. Es sind alte und neue Räder, nicht gerade Mountainbikes mit Gabelfederung und Scheibenbremsen.
Da kommt ein dicker Mann mit einem tuckernden Moped, sieht einen Bekannten, fährt über den Randstein direkt auf den Gehsteig.
Sie unterhalten sich im Schreiton.
das Moped tackert.
Das Moped steht zwischen meinem Tisch und dem Nachbartisch.
Der Lenker sieht zu seinem Bekannten, der Auspuff sieht zu mir.
Aus dem Auspuff kommt blauer Rauch.
Vorher hat es leicht faulig gestunken aus dem Kanal.
Jetzt stinkt es nach Moped.
Der Dicke holt eine Packung Zigaretten aus der Tasche, reißt die Hülle auf, zieht sie ab und wirft sie weg.
Dann zieht er das Aromapapier herunter und wirft es weg.
Es ist wie ein Handgriff.
Er steckt sich eine Zigarette in den Mund, zündet sie an, steckt die Packung ein und beginnt, das Moped zurückzuschieben.
Er hat einen dicken Kopf, kurz geschorene Haare, und zwischen den Lippen steckt die Zigarette.
Mit den nackten Füßen in den Plastiksandalen schiebt er das Moped zurück, während er immer noch mit seinem Bekannten redet und das Moped tackert.
Dann läutet sein Handy.
Er nimmt es heraus, hält es ans Ohr, fragt, spricht, hört, raucht,
das Moped tackert und stinkt.
Während er telefoniert – den Bekannten hat er jetzt vergessen, schiebt er weiter rückwärts.
Es ist ein kurzes Telefonat.
Es endet wie alle hier ohne Verabschiedung.
Man hört in der Sprachmelodie keinen Abschied.
Ganz anders als in Kärnten. Da wird der Abschied zwei oder dreimal wiederholt, und er wird gesungen.
Und immer wird noch etwas nachgereicht.
Bis bald,
Und einen schönen Tag noch,
Und Grüße an die Frau,
und was man dem Gesprächspartner noch alles nachwirft, bis man ihn endlich wirklich verlässt. Während man an der Kassa steht und die ganze Schlange dahinter.
Der Dicke steckt das Handy ein und schiebt noch einen Schritt zurück und gibt ein paarmal Gas.
Das Moped steht fast unter meinem Tisch.
Mein Schienbein spürt die Hitze des Auspuffs.
Er gibt Gas und fährt laut und stinkend vom Gehsteig auf die Straße und zieht ab.

Die Straße führt aus der Stadt heraus, entlang von Gärten, dann durch Felder.
Am Randstein hängen blaue und weiße Plastiksäckchen, Kartonstreifen, Blätter, Gras und vieles andere. Am Gartenzaun in größerer Höhe hängen vor allem Plastiksäckchen, blau, grau und weiß. Die Felder sind oft von Kaktusfeigen eingerahmt. Diese sind gespickt mit Plastiksäckchen in allen Farben. Die meisten Felder sind Plantagen von Olivenbäumen. Die Kaktusfeigen sind gelb und grün, die Olivenbäume haben niedrige Kronen, die Stämme graubraun, die Blätter auf der Oberseite olivgrün, unten weiß. Die Plastiksäcke, die man in den Olivenbäumen am besten und weitesten sieht, sind blau. Gärten ohne Zaun oder Kaktushecke haben Plastiksäcke nicht nur in den Baumkronen, sondern über den ganzen Boden verteilt. Einen Teppich aus Plastiksäcken. Den trockenen harten Boden sieht man nicht. Der Plastikteppich ist grau, weil sich in den Säckchen auch der Staub gefangen hat. Es geht ja ständig Wind in der Steppe von Kairouan.

Als ich im Supermarkt Obst gekauft habe, hat der Mann an der Waage die Pfirsiche gewogen, aus dem Sackerl mit den roten Weintrauben herausgenommen und in ein zweites gesteckt. Die beiden Preiszettel hat er auf den Pfirsichsack geklebt und den Weintraubensack dort hineingesteckt und zugeknüpft. Ich hatte noch ein Yoghort. Die Dame an der Kassa steckte das Yoghort in einen dritten Plastiksack und die beiden anderen dort hinein.

In Tunis stieg ich nach erstaunlich kurzer Fahrt mit der Metro Linie Eins gutgelaunt an der Place de Barcelona aus. Ich war neben einer Familie mit kleinen Mädchen gestanden. Der Vater, neben mit stehend, hatte das auf der Bank sitzende Töchterchen an den Haaren gezupft. Sie hatte eine kunstvoll geflochtene Frisur mit vielen rosa Maschen und Spangen. Das Mädchen war empört und sah zum Vater. Der stritt es ab und schüttelte den Kopf. Da drehte sich das Kind zu mir, und ich rollte mit den Augen und zog den Kopf ein. Lächelnd folgte ich nun den Passanten über den Bahnsteig und dann die Gleise entlang. Die Gleise sind links und rechts von Gittern gesäumt. Vor mir geht ein Mann am Gleis und trägt ein kleines Kind. Auch das nächste Gleis ist eingezäunt, auch dort strömt eine Menge zwischen Gittern auf dem Straßenbahngleis gegen die vermutliche Fahrtrichtung. Ich verlasse den Bereich der Metro und quere die Plätze mit den Kleiderbergen. Es ist Abend, das meiste ist vorbei. Ich balanciere zwischen den auf Plastikdecken aufgehäuften Kleiderbergen, dann vom Randstein über die stinkende Kloake darunter auf die Fahrbahn. Ein paar Entgegenkommende erwidern mein Lächeln. Ich überlege, ob es ein Heimkommen ist, wenn man nach einigen Wochen wieder ins gleiche Hotel kommt. Ein Moped fährt tuckernd knapp an mir vorbei. Ich höre von hinten ein Auto kommen und wechsle auf den Gehsteig. Dort steht in der Mitte ein Verkaufstisch. Eine Familie kommt dort entgegen. Ich gehe rechts am Tisch entlang. Ein Mann tritt vor mir aus dem Geschäft und geht einen Schritt vor mir in derselben Richtung. Geräuschvoll spuckt er vor mir auf den Gehsteig, mehrmals. Genüsslich. Ich wechsle die Seite und protestiere. Er lacht. Ich gehe weiter.
Ich umgehe die Straßen und Plätze, wo tagsüber am Boden gehandelt wurde. Dort muss man über Müllberge steigen. Als ich in die Straße meines Hotels einbiegen will, schiebt ein Lieferwagen zurück. Er fährt über mehrere Kartons, die laut platzen. In einigen war Obst, das nun seitlich herausquillt. Der Wagen hinterlässt eine breite Saftspur, die bis zur Kloake am Fahrbahnrand reicht. Ich schreite über die staubige Gasse zwischen den fensterlosen Mauern. Mit einem Knall fällt auf das abgestellte Auto neben mir ein Plastiksack mit Obst und zerplatzt dort.

Ich überquere Plätze, die kniehoch mit Müll bedeckt sind. Im Stadtzentrum. Ein Bub schiebt einen Karren, auf den Karton geladen wird. Am Fahrbahnrand liegen Plastiksäcke, am Gehsteig Karton. Es ist so in der ganzen Innenstadt. Um Mitternacht werden dann die anderen Kinder kommen mit ihren Karren und Kinderwägelchen, und Brauchbares herausklauben auf den Straßen. Tunesien ist ein freies Land seit der Revolution 2011.

Am Gehsteig steht ein Karren. Ein Mann verkauft Sandwich. Ich kaufe einen und sehe zu, wie er Würstchen auf den Rost legt über der kleinen Feuerstelle. Er nimmt einen kleinen Brotfladen, schneidet ihn auf und füllt zuerst Chillisauce, dann Salat, Zwiebel und Oliven hinein, alles mit den Fingern. Zuletzt zupft er mit den Fingern die Würstchen vom Grill und stopft sie dazu. Er schlägt den Sandwich in Papier ein und drückt ihn mir in die Hand.

Ich trinke ein Bier. Das gibt es im Hotel el Medina. Ich setze mich in den Gastgarten. Der Kellner bringt das Bier, und auf meine Aufforderung hin wischt er einmal mit dem Tuch über das runde Tischchen. Trotzdem bleibt mein Schreibbuch darauf kleben, sobald es trocken ist. Vor mir ist ein Kanalgitter, das in der Mitte nach unten gewölbt ist, so wie die anderen, die alle in einer Reihe ausgebreitet sind. Deshalb sammeln sich dort Plastikflaschen, Papier, Speisereste und Plastikbecher. An einem anderen Kanalgitter sehe ich eine junge Katze bei der Jagd. Ich beobachte sie, ob sie etwas fängt. Das Kätzchen lauert, springt, setzt nach, wartet, springt wieder, blickt sich um. Ich kann keine Beute erkennen. Das Kind vom Nachbartisch läuft hin und vertreibt die Katze.

Ich erinnere mich an eine tote Ratte. Sie lag mitten am Abfahrplatz am Busbahnhof von Sousse. Es war eine große graue Ratte. Sie war völlig flach, aber man konnte das ganze Tier erkennen, den Kopf, die Beine, den Schwanz. Sie lag auf der Seite, und alle Innereien lagen herausgequetscht als rosa Häufchen hinter ihr. Die Eingeweide war grünlich, die Augen silbrig und trocken, und von eingetrockneten Blutfleck zogen sich Spuren entlang der Fahrbahn.

Der Wind streicht über das Kanalgitter vor meinen Füßen. Etwas hat sich bewegt. Ich sehe genau hin. Zwischen den aus dem Gitter ragenden Grashalmen und den Zigarettenkippen bewegt sich etwas.
Ich sehe lange Fühler.
Sie kommen tastend aus der Gitteröffnung.
Vor und Zurück.
Hinter den Fühlern sehe ich ein Tier.
Eine Schabe.
Ich sehe den Kopf.
Ich warte, bis sie ganz herauskommt, damit ich die Größe sehen kann.
Da kommt ein Mann durch die Tische gegangen und trampelt auf das Kanalgitter. Die Schabe ist weg.

Wenn ich das nächste Mal nach Tunesien komme, wird der Müll bis zur ersten Fensterreihe gehen. Man wird die Fester im Erdgeschoß noch öffnen können, wenn kein Wind geht. Aber nicht die Tür.
Der deutsche Attaché hat schon voriges Jahr im tunesischen Fernsehen gesagt, die deutschen Touristen bleiben nicht aus wegen der Terrorangst. Sondern wegen dem Dreck. Hat mir Mustafa erzählt, als ich ihm Kaktusseife abgekauft habe. Als einziger Tourist an der antiken Zisterne von Kairouan, die wie eine Kläranlage aussieht.

Die Katze ist wieder zurückgekommen.

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Sonntag, 14. August 2016

Kulturgeschichte

SEX und die ZITADELLE
von Shereen El Feki
ist viel serioeser, als der Titel vermuten laesst.
Es geht besonders um die Laender Aegypten und Tunesien seit der Revolution. Die arabische Halbinsel spielt im Hintergrund eine Rolle und kommt fallweise in den Blick, wenn das der Geschichte dient.
Diese Untersuchung fuehrt Foucaults Ansatz aus, der Umgang der Menschen miteinander koenne von der Sexualitaet her aufgerollt werden. Besonders ihre Machtverhaeltnisse. Ihre Leitvorstellungen. Ihre Wuensche, ihre Freiheiten.

Was man von diesem Buch profitieren kann:
Man kann die Menschen besser verstehen. Dort und bei uns.
Man lernt die arabischen Gesellschaften besser kennen, ihre Normalitaet und ihre Geheimnisse. Und die Bedeutung der Religion.
Ich finde meine These bestaetigt: Der Islam ist ueber weite Strecken Moralkodex. Aehnliches sagen auch die genannten Romane und Erzaehlungen. Man muss ISLAM gruendlicher und genauer verstehen - woertlich als UNTERWERFUNG. Und hier ist die Variable Gott auch mit Rechtsvorstellungen auszufuellen, mit Schriftzitaten, mit dem, was als oeffentliches Ansehen gilt, und natuerlich auch mit dem Mann, besonders als Familienoberhaupt. Anders ist er eigentlich auch gar nicht vorstellbar

Starke Nerven?

Zarte Gemueter moegen jetzt weghoeren bzw. die Escape-Taste betaetigen.
VERSCHLEPPT IN DER SAHARA
von Wilhelm Eugen Mayr
hat mit meiner Reise nur eines gemeinsam:
Kairouan.

Was davon erzaehlt wird, habe ich auch erlebt.
Und wer sich nur dafuer interessiert, braucht das Buch nicht zu lesen. Denn da geht es um eine froehliche Schuelergruppe, die mit ihren Lehrern nach Tunesien fahren und ihr Musical auffuehren wollen.
Das tun sie, und das waere bereits Abenteuer genug.
Aber dann kommen Geschichten, die an jene mit Kara Ben Nemsi erinnern. Also vielleicht doch noch eine Gemeinsamkeit. Das gehoert in meiner Generation noch zur Grundausstattung.
Und schliesslich moechte ich noch sagen: Das Nachspiel in Deutschland kommt mir bekannter vor als das Hauptspiel in der Sahara.
Und eines noch, zu Kairouan: Das Dromedar gibt es noch. Aber es laeuft nicht ununterbrochen. Nur auf Anfrage

Freitag, 12. August 2016

Stadt der Frauen und Katzen

Kairouan gilt als eine der islamischen Hauptstaedte, nach Mekka, Medina, Jerusalem und Damaskus. Bei der Ausbreitung des Islam in Nordafrika war hier das Zentrum.
Als ich heute Nachmittag durch die Medina zog, trat ich auf stille, leere Plaetze. Keine Geschaefte, keine Haendler, keine Ausrufer, keine Musik. In ein wunderbar altes Stadthaus trat ich, mit Galerien, Balustraden und Holzschnitzereien, und ueberall Teppiche, in etwas gedaempften Farbtoenen, Karomuster in allen Groessen, Grundton Rotbraun. Ich sagte gleich zu beginn, dass ich keinen Teppich kaufe - der freundliche alte Mann begruesste mich trotzdem herzlich und rief, nachdem er gehoert hatte, woher ich kam: Bruno Kreisky! Vielleicht wollte er sagen, dass Kreisky hier gewesen sei. Das vergilbte Foto war aber weder von Kreisky noch von ihm, sondern vom Gouvernoir der Stadt.
Aus dem Haus trat ich auf stille enge Gassen.
Ungestoert konnte ich Fotoperspektiven waehlen, um die Gewoelbe, die Erker, die Knicke der Strassen gut ins Bild zu bekommen.
Jedes Tor hatte eine andere Farbe.
Es gab Halbboegen, markante Portale, eingemauerte Saeulen.
Von einem Tor zum naechsten wurde ich in die kleinsten Gaesschen gelockt.
Grosse Stille.
Ich kam an private Dinge.
Eine abgestellte Einkaufstasche.
Ein alter Mann, der sich im Tuerspalt die Zehennaegel schneidet.
Eine Werkstatt mit Drehbank hinter der angelehnten Tuer.
Immer wieder tun sich in den engen Gassen ploetzlich kleine Plaetze auf. Als ich einmal wieder zurueckgehe, merke ich eine Bewegung an der Tuer. Die Frau dahinter hat mich beobachtet und ist nun erschrocken.
Ich hoere Schritte naeherkommen.
An der engsten Stelle schiebt sich eine Frau an mir vorbei, laechelt.
Von nun an fallen mir viele eine Spalt geoeffnete Tueren auf, und aus dem Schatten dahinter folgen mir Blicke.
In einem geoeffneten Hoftor sitzt ein Maedchen, halb zu-, halb abgewandt.
Es ist Freitag Nachmittag.
Die Maenner werden in der Moschee sein.
Oder am Diwan.
Die Stadt gehoert den Frauen.
Und den Katzen.
Still wachen sie ueber die Gassen und Plaetze.
Mit den Augen.

Selbst von der Groessen Moschee, der Djama Sidi Oqba, sehe ich zuerst Frauen, sich sich umstaendlich hineinschieben. Ich tappe zum Suedtor in der engen Gasse, und erhasche einen Blick in den Unglaeubigen verbotenen Gebetsraum, noch dazu gerade die Frauenseite. Ein Maedchen kommt froehlich hergelaufen und winkt mir. Mit Blicken haben wir uns verbuendet, sie verraet mich nicht, auch die Bettler nicht, wenn ich nun heranschleiche und mich hineinbeuge in die vertieft liegende, duester erleuchtete Halle, wo unter Saeulengaengen Frauenleiber aufstehen und sich niederwerfen, einige Augenblicke habe ich.
Danach gehe ich zum suedlichen Hoftor und trete in den maechtigen Saeulengang, der in gleissenden Nachmittagslicht liegt wie die ganze Medina.
Nun treten die Glaeubigen aus der Halle, ich habe einige Minuten.
Ich bin nicht der einzige Fotograf.
Ich nuetze die Unruhe, durchkreuze den Saeulengang, um vertraut zu werden mit dem Gelaende und mich unter die Leute zu mischen.
Und pirsche mich so an die Gebetshalle heran. Erhasche Einblicke. Wechsle die Position, weiche aus.
Und sehe so einiges von diesem Prachtgebaeude, der groessten und fuehrenden Moschee Nordafrikas, deren aelteste Teile auf die Aghlabidenzeit im 9. Jahrhundert zurueckgeht.
Von der Stadtmauer aus kann ich dann die herausgeputzten freitaeglichen Moscheebesucher beobachten.
Wie bei uns am Sonntag Vormittag werden nun der betagte Vater heimgefuehrt von den Soehnen, gehen die farbenfroh gekleideten Muetterchen langsam, aufeinander gestuetzt, stuermen die Kinder eifrig davon.

Spaeter werde ich selbst eingeladen. Eine charmante junge Dame bittet mich hoeflich in ein Tor hinein. Schon vom Vorraum aus, der ueber und ueber mit Fliesen ausgelegt ist, hoere ich das Bruederchen schreien. Es wurde vor drei Tagen beschnitten, erfahre ich, als ich auf eine kleine familiaere Tischgesellschaft treffe. Freundlich werde ich zuerst franzoesisch, dann englisch, und schliesslich deutsch durchs Haus gefuehrt, von Damen in historischen blauen und tuerkisen Kostuemen und distinguierten Herren. Man zeigt mir den Garten, den Salon, das Schlafgemach, wo ein Prinz ruht. Dann wird mir gruener Tee mit Pinienkernen angeboten, und alle Augenblicke kommt eine der Damen mit einem Silbertablett voller Suessgebaeck.
Ich weiss nicht mehr, wie ich aus dem Traum herausgekommen bin, aber ich konnte in diesem Tag nichts mehr essen

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Donnerstag, 11. August 2016

Schwimmen

Jeden Abend ist Rambazamba in Tunesien.
Zumindest in den Hafenstaedten.
Da fuellen sich die Lokale - wobei das ohnehin beinahe nur Pizzabuden und Fast-Food-Restaurants sind und Cafes.

Emsig werden Karren und Tische auf die Strasse geschoben, moeglichst mitten in den Weg. Dort werden Socken, Nuesse oder Plastikspielzeug zum Kauf angeboten, und auf Decken und Planen am Boden Berge von Waesche ausgebreitet. Das ist halblegaler gewerbeloser geduldeter Verkauf von armen Leuten fuer arme Leute. So einer war der Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, der im Supermarkt gekauftes Gemuese am Markt weiterverkaufte, mehrmals von der Polizei schikaniert wurde und sich schliesslich verwzeifelt am 17. Dezember 2010 vor dem Amtshaus selbst verbrannte. Das hatte die tunesische Revolution ausgeloest.

Ausser den Lokalen fuellen sich besonders die Strassen.
Das ganze Volk ist auf den Beinen.
Eltern fuehren ihre Kinder aus zu Zuckerwatte.
Burschen ihre Maedchen auf ein Eis.
Aus Sprechbuden ergehen Proklamationen, davor werden von Studenten Flugblaetter verteilt.
Vor einem Hotel tanzt ein Fracktraeger auf meterhohen Stelzen, Familien lassen sich davor fotografieren.
An Kinder werden abgebundene bunte Luftballons verteilt.
Auf einer kleinen Buehne zwischen zwei Haeusern spielt eine Band tunesische Volksmusik.
Die Gehsteige sind voll mit erwartungsvoll stroemenden Menschenmengen. Alle haben irgendetwas zum Knabbern in der Hand. Auf der Strasse schiebt sich eine Kolonne von Autos und Mopeds durch. Es ist wie im Prater, taeglicher Ausnahmezustand, Gebrumme und Gejohle bis spaet in die Nacht.
Auch am Strand. Im Stockfinstern tummeln sich Kinderscharen im Sand und im Wasser, uebermuetige Buben schiessen Baelle herum, Muetter versuchen, das zu ueberwachen, Liebespaare waten durch den Sand, vereinzelt steht eine Sehnsuechtige oder ein Suchender auf den Stufen und blickt in die laue Nacht hinaus und hofft auf etwas.

Nur ich kann hier nicht schwimmen gehen.
Wo soll ich meine Sachen hintun?
In Sidi Bou Said musste ich nach kilometerlangem Anmarsch ueber brennheisse Asphaltstrassen meinen ersten Badeversuch am verdreckten und gnadenlos ueberfuellten Strand wutentbrannt aufgeben, da niemand bereit war, auf mein Handtuch, meine Sandalen und mein Taeschchen achtzugeben. Nicht der Bademeister, keiner in den drei Restaurants. So war ich den ganzen Weg wieder zurueckgelaufen mit groesser Wut im Bauch, und schliesslich doch salzig klatschnass.

Doch heute morgen war es soweit, auch ohne Hilfe eines Einheimischen. Ich hatte die Badehose bereits an unter der Jean, und sonst nur ein Handtuch. Um 7 waren nur wenige Leute da. Schnell war ich im Wasser, arbeitete mich gegen die Wellen vor, emporgehoben und abgeladen, Meter fuer Meter, und immer wieder ein Blick auf den Strand und mein Haeuflein dort.
Gut, die Sachen waren noch da, als ich zurueckkam. Aber wo sollte ich mich umziehen? Wie auf einer Buehne war ich immer beobachtet. Ich ging am Strandcafe entlang hinueber zu dem verwahrlosten Betonplatz, wo ein verfallenes Lokal war. Ueber knirschende Glasscherben schritt ich hinter den aufs Meer blickenden Burschen an die Ruinen heran. Aber jedes Mal, wenn ich mein Handtuch vor mich legte und aus der Badehose steigen wollte, kam ein Paerchen gerade dorthin, oder ein staemmiger aelterer Mann pflanzte sich genau dort auf. Es war, als waere freies Baden verdaechtig. Irgendwie hab ich es dann doch geschafft, mich umzuziehen in geschaetzten zehn Sekunden. Vielleicht gehe ich morgen in der Badehose ueber die ganze Corniche bis ins Hotel?

Mittwoch, 10. August 2016

Weitere Literaturtips

Habib Selmi:
DIE FRAUEN VON al-BASSATIN

Dieser kleine Roman ist schoen zu lesen und gibt ein wunderbares Sittenbild des heutigen Tunesien. Ich habe natuerlich in offene und geheime innerfamiliaere Vorgaenge in diesem Land keinen Einblick - aber allein das Gehabe der Frauen, die ich sehe, stimmt mit dem ueberein, was Selmi schildert. Immer wieder stecken Frauen jeden Alters die Koepfe zusammen hier und machen empoerte Augen und entruestete Geraeusche.
Als Beispiel fuer gelungene Liebe wuerde ich Selmis Buecher bei aller Liebe nicht heranziehen.

Sousse: Gerueche und Tischsitten

Waehrend mir von Tunis zuletzt stark faulige Gerueche in Erinnerung sind, die von jenen riesigen Schlammseen herruehren, die Bab Saadoun umgeben und die man von der Tram-Station bis zu den Bussen irgendwie umrunden oder durchqueren muss, waehrend Dutzende von Taxis und Minibussen dort aus- und einparken, und die identisch sind mit dem, was von den Kanaelen neben jeder Strasse immer wieder herueberweht/
so riecht Sousse nach nicht richtig abgedaempften Zigaretten.
Immer wieder blicke ich von der Lektuere auf, ueber die gebeugt ich im Cafe sitze, und meine, etwas im Aschenbecher am Nebentisch glosen zu sehen, aber ich finde nichts. Es ist ein Schmorgeruch, der nicht von einem Holz- oder Holzkohlenfeuer kommt, denn solche gibt es an allen Strassenecken, und deren Geruch im beissenden blauen Kohlenrauch ist eindeutig, wenn man in eine solche Schwade hineingeraten ist.
Auch meine ich keine der Garkuechen, die an den frequentierten Plaetzen und besonders an den engsten Stellen aufgebaut sind. Dort ziehen Wolken von lange siedendem Fett durch die Gassen, und vielleicht sind diese dafuer verantwortlich, dass ich gerade dann am wenigsten Hunger habe, wenn ich den halben Tag durch die Medina streife, und noch weniger, wenn ich stundenlang im Bus oder im Zug sitze zwischen schwitzenden Leibern, und selbst klatschnass bin. Nein, hungrig werde ich, wenn ich Stunden ueber Buechern zubringe auf der windigen Terrasse des Cafes oder ueberhaupt im Hotelzimmer. Dann komme ich heraus und gehe bewusst auf die Suche nach Essbarem.

Nun kommt die andere Irritation fuer europaeische Gemueter. Als ich gestern Nachmittag den Ksar Er Ribat bestieg, da war er mir eigentlich in den Weg getreten auf der Suche nach einem netten Lokal. So untersuchte ich alle Etagen mit knurrendem Magen und erkletterte zuletzt den hohen Turm, der zur Sicherung der Stadt vor Seeraeubern und Christen erbaut wurde, und fasse, nachdem ich die ganze Stadt von oben in Fotoquadrate eingeteilt habe, schliesslich genau gegenueber dessen tiefliegendem Eingangstor das Terrassencafe ins Auge, und halte vom Ribat direkt darauf zu. Es wirkte freundlich und sauber, schattig und leise und war trotz der bevorzugten Lage nicht uebervoelkert. Genau genommen war nur ein einziger Tisch besetzt, zwar mit einer grossen Familie, was viel Getue mit sich brachte - gerade schienen die jungen von einem Streifgang zurueckzukommen und den Aelteren dies und jenes zu berichten, und Familiengespraeche haben hier immer eine gewisse Dramatik - aber das schien nicht stoerend zu sein, und ich liess mich auf der anderen Seite des grossen und sonst leeren Sitzgartens nieder. Zuvor noch trat ich an die Theke und fragte nach einem Sandwich, weil damit fast alle Speisen gemeint sein koennen und ich damit rechnete, in der Vitrine das Gewuenschte zeigen zu mussen. Aber der junge Mann begruesste mich hoeflich und kuendigte an, mich am Sitzplatz aufzusuchen und meine Bestellung dort anzunehmen. Er und die junge Frau wirkten sehr nett und freundlich, und ich beglueckwuenschte mich zur Wahl dieses Lokals und freute mich auf ein spaetes Essen.
Inzwischen beobachtete ich die Familie am anderen Tisch und warf hin und wieder einen Seitenblick auf die beiden, die hinter der Theke zu tun hatten, etwas putzten, telefonierten oder etwas besprachen. Die Frau war huebsch und unverschleiert, der Mann schlank und wie alle seiner Generation im T-Shirt. Nach geschaetzten zehn Minuten blickte ich auf die Uhr und ueberlegte, ob ich nochmals meinen Reisefuehrer herausholen sollte und die Sehenswuerdigkeiten der Medina durchgehen. Dann setzte ich mir ein Ultimatum, ohne mich nochmals umzusehen. Schnell stieg der Zorn hoch, weil ich mit so grossen Erwartungen gekommen war und der Wirt zu denken schien, die Gaeste waeren ihm sicher. Schliesslich verstaute ich alles in meiner Tasche, packte sie mit einer einzigen Bewegung, erhob mich, drehte mich dem Weg zu und schritt davon, ohne mich umzublicken. Sofort hoerte ich die beiden mir etwas zurufen und ein paar Schritte auf mich zulaufen, aber ich war es leid, dort als ihr Aushaengeschild herumzusitzen und von ihnen hingehalten zu werden.
Es folgte ein langer Streifzug durch die Medina, ein verbotener Kurzbesuch in einer kleinen Moschee, bis mich ein selbsternannter Selbstgerechter hinauswies, die Entdeckung unzaehliger winziger Gassen, belebter Suqs und des von weither deutlich erkennbaren Fischmarktes, bis ich mich schliesslich am lauten und sehr belebten Eingang der Medina an der Garkueche niederliess und dort, wo die starken Duftschwaden ausgingen, einen Sandwich bestellte, dessen gewuenschte Fuellung ich an der Vitrine zeigte.

Heute Mittag zog ich nach einem langen Lesevormittag und einem kurzen Spaziergang zur verschlossenen Kirche in der Neustadt vor ein Lokal an der Corniche und zeigte auf ein gebratenes Haehnchen und Salat, wartend, bis einer der hinter der Vitrine Taetigen mich beachtete und meine Bestellung registrierte. Dann setzte ich mich an einen freien Tisch, worauf der Besitzer erschien und meine Bestellung nochmals abfragte. Der kurze laechelnde oder spoettische Blick zwischen ihm und der jungen Frau koennte bedeutet haben, dass sie nun einen Kunden angelockt, oder dass ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Waehrend nun die drei auf dem engen Platz werkten, erschienen Lieferungen von rohen Pommes Frittes, die von einem schwitzenden beleibten, krausbaertigen Djellaba-Traeger hereingetragen wurden, der vielleicht Mitte 20 war. Ein anderer trat auf den Besitzer zu und unterhielt sich mit ihm arabisch, dann noch ein weiterer, und schliesslich laeutete sein Handy mehrmals, und er schrie laut ins Telefon. Waehrend all dem gingen Leute aus und ein in dem Lokal von der Groesse einer Trafik, auf der anderen Strassenseite klang aus einem Lautsprecher tunesische Populaermusik - was sonst gottlob nicht die Regel ist in diesem Land! - und ein Polizeikordon marschierte auf und formierte sich am Beginn des Badestrandes mit Sirenengesang und Rotlicht, ohne dass irgendein Anlass oder Absichten erkennbar gewesen waeren.
Trotzdem hatte ich nach angemessener Zeit einen vollen und nett verzierten Teller vor mir stehen - bis ich eine Wasserflasche bestellen konnte, dauerte wiederum seine Zeit. Aber nun hatten sich die zwei oder drei anderen Tische auch schon gefuellt, und ein Paar trat an meinen Tisch, und der Mann schnappte nach meiner Tasche, die ich am Stuhl neben mir abgestellt hatte. Ich protestierte und sah ihn boese an, worauf der Besitzer heraneilte und ihn an einen anderen Tisch verwies. Jedenfalls konnte ich in Ruhe mein Mahl fortsetzen ohne weitere Zwischenfaelle.

Dass es verschiedene Arten von Mahl gibt, die kulturell bedingt sind, wurde mir nun langsam klar. Ich bin ja sogar in Klagenfurt beinahe der einzige, der zusammenwarten will, bis alle im Haushalt am Tisch sind, und mit einem Gebet das Mahl beginne.

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Dienstag, 9. August 2016

Dougga

Die Roemer machten Druck auf Karthago. Bei ihrem letzten Sieg hatten sie einen Nichtangriffspakt fuer Numidien vereinbart. Die Numider aber provozierten Karthago, bis Hanubal sie zurueckwirft und damit den dritten Krieg der Roemer gegen Karthago ausloest. Eine der numidischen Staedte war Tukka, von wo aus Massinissa im 2. Jht v.Chr. gegen Karthago stichelte. Von seiner Stadtmauer steht noch etwas, ebenso wie ein grosses punisches Grabmonument. Am meisten ist jedoch erhalten von der bluehenden Stadt, welche die Roemer schliesslich errichtet hatten - ein praechtiges Amphitheater, das Forum, Wohnhaeuser, Tempel, Stadttore sowie auch eine Kirche, welche einer unter dem Altar beigesetzten Viktoria geweiht ist.

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Es war auch beinahe eine militaerische Unternehmung, nach Tukka vorzustossen. Zuerst lange und schweisstreibende Fahrten von Biserte nach Tunis, dann nach Teboursouk. Dort im Dorfzentrum ausgestiegen und mich durchgefragt zum Hotel Thugga, ueber einen sandigen Fussweg zwischen Gaerten und Feldern hinunter. Schnell eingechackt, umgezogen, und wieder los. Das Hotel ist eine grosse Anlage, flach um zwei Hoefe herum, mit orientalischem Palmengarten, grossem Speisesaal und langen Gaengen mit glatten, spiegelnden Fliesen. Aber bereits beim ersten Schritt ueber die glatten Stufen hatte ich den Eindruck, der einzige Gast zu sein. Der Garten duerr und staubig. In den Gaengen Moebel zur Reparatur geschlichtet. Boehrgeraeusche, immer wieder Arbeiter zur Besprechung.
Der Rezeptionist, der zugleich Kelllner, Manager und Bauleiter zu sein schien, war von spindelduerrer Gestalt, und seine schwarzen Hosen schienen unterm weissen Hemd von selbst zu gehen, als waehren sie hohl. Er war ueberaus freundlich und zuvorkommend. Als ich nach dem Abendessen, allein ungefaehr in der Mitte des grossen Speisesaals sitzend, schliesslich muede vom langen und heissen Tag endlich in meinem schoenen und sauberen Zimmer war und ueber dem Buch etwas eingenickt war, da troeteten ploetzlich unsagbare Geraeusche vor meinem Fenster. Nackt sprang ich auf, riss Fenster und Laden auf und sah einen Mann stehen, der sich als Braeutigam bezeichnete und eben jetzt geheiratet hatte. Zur Bekraeftigung seiner Worte fegte das orientalische Orchester eine Lautfolge durch die Nacht, und ein Gejohle aus hunderten Kehlen setzte ein. Ich schloss das Fenster, zog etwas an und tappte zur Rezeption, vor der Braut, die im Eingang stand in ihrem prachtvollen Kleid, von allen Seiten beknippst wurde und geradewegs auf mich blickte, als wollte sie die Wahrheit der Nachricht beweisen. Ohne den geringsten Zweifel zu haben, eroerterte ich dem Rezeptionisten meine Situation, und er gab mir augenblicklich ein anderes Zimmer. Es koennte sein, dass mich einige Hochzeitsgaeste beobachtet haben, wie ich Zahnputzzeug und Waesche durch den Gang schleppte, und am naechsten Tag brauchte ich eine Weile, bis ich mich im Zimmer zurechtfand. Aber beim Fruehstueck im Speisesaal war ich wieder der einzige, als waere das naechtliche Ereignis ein Spuk gewesen

Bashir

Ich war schon fertig zur Abreise am Sonntag. Da sprach mich Bashir an auf der Strasse. Er hatte mich schon frueher gesehen, damals, als ich im Cafe gesessen bin mit meinen Buechern und Notizen. Damals war mir aufgefallen, wie die Menschen einander kannten in der Nachbarschaft. Im Cafe wird man gegruesst von Passanten. Ein Auto bleibt stehen, das Fester wird heruntergekurbelt, und man ruft einander etwas zu. So war es auch mit Bashir. Mein Sitznachbar hatte ihn angesprochen, dann waren sie um den Tisch gesessen.

Bashir stellt sich vor als Finanzmanager, der zehn Jahre in USA gearbeitet hat und mehrere Jahre in England. Wir gehen in ein Cafe, spaeter laedt er mich nach Hause ein. Ohne etwas von mir zu wissen, stellt er sich als "sozusagen christlich" vor, das heisst interessiert und bibellesend, aber ungetauft. Und nun kommt seine Leidensgeschichte. Sie scheint damit zu tun zu haben, dass man in Tunesien Heimkehrern misstraut, und dass seit der Revolution 2011 das Land zwar frei vom Diktator, aber noch nicht frei von Korruption ist.
Bashir ist ein grosser Mann Ende Dreissig, er spricht sehr konzentriert und ist sehr ernst. Er ist nicht verheiratet und lebt nun im Elternhaus, wo ich am Nachmittag seine Mutter, zwei Schwestern und den franzoesischen Schwager mit den beiden Toechterchen kennenlerne. Auch mit ihm verstehe ich mich gut, wir reden ueber Tunesien, den Islam, ueber franzoesische und ueber Kirchengeschichte.

Schliesslich mache ich auf Bashirs Bitte eine Daemonenaustreibung, und dann gehen wir schwimmen am Strand der Corniche. Das Meer ist ungewoehnlich aufgewuehlt, Seegras treibt wie Wolken, und meterhohe Wogen donnern an den Strand und die spitzigen Felsen dort. Ich arbeite mich den Wogen entgegen. Wenn du einer standgehalten hast, dann zieht dich das zurueckfliessende Wasser mit grosser Gewalt an den Fuessen hinaus, und sogleich stuerzt dir die naechste Welle ueber den Kopf. Einmal verliere ich den Boden, und es wirbelt mich herum im Innern der Welle, sodass ich einen Purzelbaum schlage. Ich spuere wieder Boden unter den Fuessen und komme an die Luft. Ich schwimme weiter hinaus, auch andere sind da, junge Maenner, die lachen und schwimmen, auch Bashir ist gekommen. Dann stecken wir im Seegras fest, jede Woge wirbelt das Gras herum, es ist ueberall, im Haar, in der Badehose, es windet sich um Arme und Beine und wickelt mich ein, sodass ich mich anstrengen muss, um weiterzukommen. Schliesslich kehren wir erschoepft zurueck und lassen uns an den Strand werfen und stapfen mit wackligen Knien und ausser Atem zu unserem Handtuch zurueck, und Bashir zeigt mir, in welcher Richtung Sizilien liegt in 150 km, und in der Haelfte der Entfernung ist Lampedusa.

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Sonntag, 7. August 2016

Beobachtungen

Ein Behinderter tauchte vor dem Cafe auf. Laut redete er mit seiner Fistelstimme vor sich hin in einem weinerlich flehenden Ton, und es waren wohl eher Laute als Woerter. Die Umstehenden verzogen keine Mine, niemand lachte oder spottete, keiner schickte ihn weg. Schliesslich war der Chef des Restaurants da. Der Huehne mit der tiefen Stimme und den tiefen Kerben in den Wangen dirigierte seine Mannschaft bloss mit Handzeichen und ohne Worte, und sie laufen flott. Nun steht er vor dem Behinderten zwischen den Gaesten an den Stehtischchen am Gehsteig, der aus weissen pupillenlosen Augen in die Umgebung stiert, drueckt ihm etwas zu essen in die Hand und fuehrt ihn anschliessend auf seine weiteren Bitten die Strasse entlang und um die Ecke, indem er den Weg bahnt und der Blinde sich an ihm festhaelt und hinterhertappt. Wenige Augenblicke spaeter ist der Mann zurueck und schreitet, ohne irgendjemand anzusehen oder eine Erklaerung abzugeben, an seinen Platz hinter der Theke, und der Betrieb setzt unverzueglich wieder ein

Samstag, 6. August 2016

Bizertes Taenze

Von der Bruecke ueber den Hafen tat ich Bizerte Unrecht. Denn ich sah unzaehlige weisse Ballons im Wasser unter der Bruecke treiben und schuettelte den Kopf ueber die unbedenkliche Muellentsorgung in diesem Land. Aber die vermeintlichen Plastiksaecke stellten sich als metergrosse Medusen heraus, die im blaugruenen Wasser genuegend Nahrung finden mussten.

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Dafuehr war das, was um die hoelzernen Fischerboote herumschwamm, die idyllisch vor der Steinmauer der Medina angebunden waren, nichts anderes als Muell.

Als ich, nach der Fahrt mit dem TGM, der sich in atemberaubendem Tempo eines Radfahrers die Vororte von Tunis ueber die Schienenstoesse rumpelnd auf die Hauptstadt zuarbeitete, dann in die richtige Strassenbahn umstieg (ja, Tunis ist eine richtige Stadt!), dort an meinem Sitzplatz mit einem Betrunkenen mit Blicken und Zeichen kommunizieren musste, weil an Worte in keiner Sprache zu denken war, und dann unter Mithilfe eines Fahrgastes an der richtigen Station ausstieg und neben ebendiesem eine Viertelstunde auf den durch ein Gelaender abgetrennten Strassenbahngleisen neben der Strasse und dem Gehsteig ueber manche Kurven und Kreuzungen herlief und so die Haltestelle fuer die Ueberlandbusse erreichte,
als ich schliesslich eine halbe Stunde in der Warteschlange vor dem Fahrkartenschalter verharrte, in dem kein Beamter sass, aber der fuellige Mann in der ersten Reihe am Schalterbord seine Zeitung ausbreitete und dort in groesster Ruhe alle Kreuzwortraetsel loeste, waehrend seitlich von ihm mehrere Frauen mit wallenden Gewaendern und greinenden Kindern warteten und unsere Warteschlange als die einzige im Wartesaal bis ans andere Ende reichte,
waehrend mir der Schweiss sowohl im Wartesaal wie auch dann an der Einstiegsstelle nicht in Troepfen, sondern in Sturzfluten ueber den Leib rann und mein PoloShirt aussah, als haette ich damit geduscht/
so hielt ich doch die ganze Zeit ueber meine Plastikflasche mit lauwarmem Zitronenwasser in der Hand, und erst in Bizerte, als jene Frauen, die beim schliesslich erschienenen Kassabeamten augenblicklich von allen Seiten zusammengestroemt waren und noch vor dem verdutzten Zeitungsleser ihre Fahrkarte ergatterten, dann in Windeseile die ersten und besten Sitzplaetze im Bus hatten, auch jetzt im Sturmangriff mindestens 15 Taxis abfingen, waehrend wir Maenner fassungslos in der prallen Sonne verharrten und weiter warteten,
erblickte ich am Eingang des Busterminals einen Plastikkuebel, hielt darauf zu und warf meine leere Flasche hinein, waehrend mir war, als ob sowohl die wartenden Passagiere wie die Taxifahrer und die am Busbahnhof Angestellten ein paar Sekunden innehielten und erstaunt hinsahen, wie jemand seinen Muell nicht aus dem Autofenster, der Schiebetuer des TGM-Zuges oder der Strassenbahn oder aus dem Busfenster entsorgte, sondern in einem der spaerlichen Mistkuebel.
Angesichts der Unmengen von anfallendem Muell ist natuerlich die bescheidene Anzahl von zwei Muellmaennern, die ich bisher in dieser Stadt gesehen habe und die in der Manier von freundlichen Pensionisten, die sich ehrenamtlich fuers Gemeinwohl engagieren, bestimmte Muellhaeufchen hinter geparkten Autos wie mit der Zange auf ihren Handkarren heben, wie ein Tropfen auf den heissen Stein.

Und so ist eben Bizerte die Stadt, in der nicht kreischende Moewen die Atmosphaere bevoelkern, nicht Stare oder Kraehen, keine Tauben und keine Stoerche, sondern Plastiksackerl, die im Wind ueber Gehsteige und Fahrbahnen tanzen, zusammen mit Unmengen von Staub und Dreck, Blaettern, Stroh und Papier, Zigarettenstummeln und Schachteln, Schokoladen- und Zuckerlverpackungen, Glasscherben, Servietten und noch tausend andere Dingen. Wenn zuweilen jemand auf die Idee kommt, den Gehsteig vor seinem Geschaeft sauber zu fegen fuer ein paar Minuten, so vergroessert er damit die Staubwolke noch. An den Strassenkreuzungen stossen die Winde zusammen und bilden Wirbel, die das Material mehrere Stockwertke hoch tragen. Die Menschen gehen mit zusammengekniffenen Augen gegen den Wind, und die Gesichtsschleier der Frauen, die vielleicht hier doch ein wenig haeufiger zu sehen sind als in Tunis, haben hier noch einen anderen Sinn.

Und ja, es gibt auch Tiere, die sich in dieser Stadtlandschaft wohl fuehlen. Fliegen

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Bizertes Geraeusche

Erst in der Nacht ist mir aufgefallen, dass in Bizerte keine Moewen sind.
An den Geraeuschen.
Denn ich hoerte das Klappern der Fensterlaeden, die sich nicht befestigen liessen, und, nachdemich einen Laden geschlossen hatte, nur noch halb so oft. Den stetigen Windfuehre ich auf das nahe Meer zurueck.
Ich hoerte durch die Hintergasse, auf die mein Zimmer hinausgeht, schlurfende Nachtgaenger, oder, der fortwaehrend vor sich hinbrabbelnden Stimme nach, Nachtgaengerinnen.
Ich hoerte Metallgeraeusche, wie wenn man auf lose Dachrinnen klopft,undstellte mir nach den verschiedenen Klanghoehen einen ganzen Schrottplatz vor unter meinemnaechtlichen Fenster.
Ein anderes Mal meinte ich ein zorniges Kind greinen zu hoeren.Bald gab eseine zweite Stimme, und sogar eine dritte: ich hatte also ein Katzenkonzert vordem Fenster und wusste die gute Akkustik der engen Haeuserschlucht zu schaetzen.
Nicht lange nachdemdie Laute verklingen waren und nur noch die unregelmaessigen Klappergeraeusche der Fensterlaeden zu hoeren waren, ertoente ein Brummen und Knattern, das ich mir nicht erklaeren konnte. Sobald ich richtig wach war, erklang schliesslich die volltoenende Stimme des Muezzin auseinemLautsprecher, der in der Naehe meines Fensters montiert sein musste, der Gott alsden Einen undEinzigen pries, waehrend in den kurzen Pausen der Nachklang weiterer Gottpreiser ausder Nachbarschaft zu vernehmen war. Mir waren bisher die Gesaenge in diesemLand noch kaum aufgefallen, anders als in Istanbul oder in Jerusalem war hierzulande die Religion deutlich im Hintergrund.

Als nun weitgehend Stille eingekehrt war und der Geist sich von den konkreten Dingen zu loesen begann, erhoben zoegerlich nun weitere Morgensaenger ihre Stimme, und ich staunte, wieviele Haehne in den umliegenden Hinterhoefen ihre Schnaebel zum noch finsteren Nachthimmel hochreckten. Fuer uns Christen hat ja das Kraehen des Hahns vor Sonnenaufgang die besondere Bedeutung, uns an Gottes Ankuendigung zu erinnern und unser Gewissen zu pruefen.

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