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Sonntag, 22. November 2009

Inwiefern ich Lehrer bin und nichts anderes zu tun weiß

Geglückte und missglückte Momente des Lehrens und Lernens an meinen beiden Einsatzorten/
Anmerkungen zum Schulsystem/
zum "Gemeindebau"/
was ist mit der Aufklärung/

=Ankündigung

Sonntag, 5. Juli 2009

Inspektor Pokorny

"Schön is do, net?", sagt der Inspektor zu seinem Mitarbeiter, als sie die Bewohner der Reihenhaussiedlung nach Beobachtungen zum Selbstmord eines Jugendlichen befragen. "Ma mecht sich gleich selbst aufhängen."

"Ein Haus wie des andere,
und die Menschen, die drin wohnen,
san wie de Häuser, ka Gsicht.
Der Architekt ghört verhaftet
und die Gemeinde erschlagen,
die sowas baut.
Zukunftsplanung."

O-Ton Qualtinger, in: Kurzer Prozess, Kehlmann 1967

Donnerstag, 26. März 2009

Erstaunliche Selbstzufriedenheit

Jetzt ist schon wieder etwas passiert“, beginnt Thomas Götz seine Suada über den Papst (Kleine Zeitung, 19.3.). Er mokiert sich über die Aussagen des Papstes über pastorale Probleme der Kirche in Afrika. „Das hätte er besser nicht getan.“ Über das kirchliche Anliegen, Sexualität zu humanisieren, spottet er. Er nennt das „grobe Vereinfachung“ und empfiehlt das päpstliche Anliegen für Eheseminare in Oberbayern. Dass Millionen Menschen den Weg des Papstes säumen, dass sie ihm zujubeln, hält er vermutlich für rückständig. Dass Missionare, die Jahrzehnte ihres Lebens unter Einsatz aller Kräfte im Dienst der Menschen in Afrika leben, seine Ansprachen begrüßen, hält er vielleicht für unkritisch. Dass seine eigene Zeitung auf der Seite davor einen fünfspaltigen Artikel mit einer Life-Reportage aus Kamerun bringt, die den Unterschied zwischen europäischer und afrikanischer Einstellung zu Empfängnisverhütung erklärt, hat er vielleicht mit Missgefallen akzeptiert. Möglicherweise, weil die Herausgeber seiner Zeitung eigentlich der Kirche nahe stehen.

Nun, Thomas Götz scheint hier Morallektionen zu verteilen, und der Papst wird von ihm gemaßregelt wie ein Schulbub. Man bekommt den Eindruck, die Journalisten wären unfehlbar, und sie hätten eine besondere Legitimation und einen privilegierten Zugang zur Wahrheit. Wochenlang haben wir über die demokratische Rückständigkeit der Kirche bei Bischofsernennungen gelesen – aber wer hat Thomas Götz gewählt? Wenn die Medien objektiv und unparteiisch berichten, warum üben sie dann Druck aus mit den ständigen Berichten über Kirchenaustritte und Meinungsumfragen zum Zölibat? Und berichten nicht wenigstens im gleichen Ausmaß über volle Kirchen, z.B. in Oberösterreich? Weil das nicht sein darf. – Nein, Medien spielen mit ihrer Macht in der Öffentlichkeit und nützen sie zur Durchsetzung gesellschaftlicher Veränderungen. Sybille Hamann, Die Presse, 25.3., nennt den Papst einen Angehörigen einer „Kleingruppe von Männern“, die geschützt gehört wie aussterbende Tiere, und vergleicht den Klerus mit homosexuellen Wohngemeinschaften der Siebzigerjahre. Kaum zu glauben, dass sie vom Oberhaupt der weltgrößten Glaubensgemeinschaft spricht, die seit Jahrhunderten das Leben der Armen in aller Welt teilt und in Schutz nimmt. Die Wiener Journalistin wirft der Kirche Weltfremdheit vor und empfiehlt Kondome und Abtreibung für die afrikanische Volksgesundheit und Armutsbekämpfung – eine sicherlich sehr erfahrene Position.

Es ist der populistische Kampf gegen „die da oben“, gegen Kirchenleitung und Tradition, aber im selben Sinne auch z.B. gegen Beamte und Lehrer. Viel hartnäckiger als gegen Kirche schreiben die Zeitungen gegen die Schule, zitieren genüsslich Länder-Rankings mit dem Schlusslicht Österreich und inszenieren den Showdown zwischen Bildungsministerin und Lehrerschaft, nicht ohne die armen Schüler und Schülerinnen zu bedauern, auf deren Rücken diese Profilierungen stattfinden. Und die dritte Zielgruppe der journalistischen Scharfschützen und Hasenjäger sind natürlich von jeher die Politiker. Kommen wir nicht ohne Feindbilder aus? Müssen wir 100 Jahre nach der Monarchie noch immer am Thronsturz arbeiten? Und was ist das für ein gesellschaftliches Ziel, nach dem heruntergewirtschafteten Zusammenhalt von Gläubigen und Bischöfen, Lehrern und Schülern, Briefträgern und Eisenbahnern, Beamten, Angestellten, Unternehmern und Gewerkschaften, nun in einen entfesselten Individualismus einzumünden?

Es ist niemand aufgefallen, mit welcher Selbstgerechtigkeit wiederum Europäer ihre Sexualmoral den Afrikanern aufdrängen wollen, nach jahrhundertelangem Sklavenhandel und bis heute fortdauernder wirtschaftlicher Ausbeutung. Wir Europäer mit den zerbrochenen Familien, den überforderten Müttern, den auf sich allein gestellten Kindern, den nicht geborenen Kindern, der versiegten Potenz, der ungerichteten sexuellen Energie und der schwindenden Beziehungsfähigkeit - wir belehren die Afrikaner, die von großen Familien und Stammesverbänden getragen werden. Als ob wir stolz sein könnten auf europäischen Sextourismus, Pornoindustrie und Viagra. Hat einer dieser Kirchenkritiker einmal erläutert, mit welchen Menschenbild er für die Befreiung des Menschen kämpft? Und auf welche Erfolge stützt er sich? Wem ist er verantwortlich?
Während Milliarden Euro und Dollar für Waffen ausgegeben werden, können Afrikaner Aids-Medikamente nicht bezahlen. Und dann spottet jemand über die Kirche, die genau diesen notleidenden, ausgebeuteten Menschen nahe ist und hilft. Wenn auch Selbsterkenntnis in die Medienlogik passen würde. Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit und Beschränktheit. Eine Ahnung unserer Erbärmlichkeit. Und Dankbarkeit für unser unverdientes Wohlergehen. Nicht nur für Kinder. Und nicht nur vor Ostern. Denn auch dafür stehen Papst und Kirche: Wir glauben an die Freiheit des Menschen, sich selbst zu erkennen und umzukehren.


Goetz-ueber-Papst

LEITARTIKEL

Plädoyer für ein päpstliches Bußschweigen über Sexualität

Wie Papst Benedikt XVI. seine Afrika-Reise ruinierte.

Jetzt ist schon wieder was passiert. Papst Benedikt XVI. hat über Aids und Kondome geredet und das in Afrika. Das hätte er besser nicht getan. Was immer noch gesagt werden wird auf seiner Reise, der eine Satz wird in Erinnerung bleiben. „Die Immunschwächekrankheit Aids ist nicht durch die Verteilung von Kondomen zu überwinden, im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem“, sagte der Papst in einer improvisierten Pressekonferenz im Flugzeug. Eine Begründung blieb er schuldig.

Wie sich Benedikt XVI. die Bekämpfung der Seuche vorstellt, kann man in der Abschrift des Gesprächs nachlesen. Es gehe darum, „die Sexualität zu humanisieren“, den „Menschen von innen zu erneuern“. Man müsse den Menschen „geistliche und menschliche Kraft geben für das rechte Verhalten gegenüber dem eigenen Körper und den des anderen.“ Das ist ein schönes und wichtiges Langzeitprogramm, bestens geeignet für Eheseminare in Oberbayern.

Der Papst aber sprach über Afrika. Dort leben sechzig Prozent aller Aids-Kranken. 17 Millionen Afrikaner sind schon an Aids gestorben, 22 Millionen haben sich infiziert. Vor diesem Hintergrund ist Benedikts Philippika gegen eines der wenigen wirksamen Mittel, das die Übertragung des Virus vereiteln kann, gemeingefährlich. Daran ändern auch die feinsinnigen Erwägungen nichts, die er seinem Urteil anfügt. Das Donnerwort über Kondome erschwert Ärzten, Missionaren und anderen Helfern den Kampf gegen die verheerende Krankheit. Sätze wie der zitierte verstärken die Unwissenheit über die Ursachen der Seuche und ihrer Weitergabe.

Dass der Papst nur sagt, was die Kirche seit über vierzig Jahren glaubt verkünden zu müssen, macht die Sache nicht besser. Der Ursprung liegt in der kurzschlüssigen Idee, Sex wäre nur dann gut, wenn Fortpflanzung dabei nicht ausgeschlossen wird. In dieser Logik ist die kategorische Ablehnung empfängnisverhütender Mittel folgerichtig. Aber diese grobe Vereinfachung ist lebensfremd und wird dem komplexen Thema nicht gerecht, nicht in Oberbayern und schon gar nicht in Afrika.

Vielleicht wäre ja allen geholfen, griffe Joseph Ratzinger auf ein Instrument zurück, das er als Präfekt der Glaubenskongregation selbst gerne angewandt hat: das Bußschweigen. Zehn Jahre kein Wort mehr über Sexualmoral, das wäre eine heilsame Entschlackungskur für alle Beteiligten. Päpstliche Reden klängen weniger moralistisch und wir könnten uns wichtigeren Aspekten des Lebens und der Religion zuwenden.

Sie erreichen den Autor unter

thomas.goetz@kleinezeitung.at


THOMAS GÖTZ



Zum Thema:
http://www.katholisches.info/?p=3418#more-3418

Freitag, 20. Februar 2009

So ist Kärnten

Ein instruktiver Text, der knapp und sachlich die politischen Verhältnisse in diesem eigenwilligen Teil Österreichs wiedergibt. Sehr lesenswert:
http://diepresse.com/home/politik/kaerntenwahl/454131/index.do?from=suche.intern.portal

Dienstag, 24. Februar 2009

1. Was ist Katholizismus?

Um die Veränderungen in der katholischen Kirche in diesen Tagen und in den letzten Jahrzehnten verstehen zu können, hilft ein Blick auf die Sozialform, welche von Katholiken gebildet wurde. Diese wird als Katholizismus bezeichnet und im folgenden als eigenständiges Milieu beschrieben. Für dieses Milieu sind sowohl inhaltliche Richtlinien zu nennen, wie auch sorgfältige Markierungen an den Außengrenzen. Es gibt sowohl Handlungsanweisungen und klare Vorgaben für eine persönliche Identität, als auch etablierte Gemeinschaftsformen auf jeder Ebene, von Partnerschaft und Familie bis zu Berufs- und Ständegemeinschaft sowie der Kirchenleitung. Der Katholizismus formiert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird hier in seiner deutschen und österreichischen Ausprägung beschrieben.

1. Eigenes, in sich geschlossenes, scharf abgegrenztes religiöses Deutungssystem, das alle Bereiche des Lebens umfasst.

Für jede Lebenslage gibt es ein richtiges Verhalten. Erziehung und Wertvermittlung verläuft als Einfügung in einen fertigen Verhaltenskodex. Das Deutungsschema ist vorwiegend moralisch bis moralistisch. Beispielsweise werden Bibeltexte nicht subjektiv, sondern in erster Linie als moralische Instruktionen gelesen. Es gibt eine starke Traditionsanbindung, die eine eindeutige kulturelle Identität zu bilden vermag. Diese wird nicht nur von innen und von der Geschichte, sondern auch von außen bestimmt, durch deutliche Abgrenzungen zum Protestantismus (besonders in gemischt konfessionellen Ländern), zum Sozialismus (in der ersten Republik verliefen diese Trennlinien durch das ganze Volk), zum Liberalismus und zur Moderne.

2. Bürokratisierung und Zentralisierung des formellen Kirchensystems.

Das Feudalsystem klingt aus, die wirtschaftliche und politische Autonomie von Klerikern auf allen Ebenen, die durch Pfründe gesichert war, wird reduziert zugunsten des absolutistischen Staates in Deutschland und Österreich. Parallel dazu konzentriert sich nun die Entscheidungskompetenz auf die höheren kirchlichen Ämter. Papst und Bischöfe setzen ihre seit dem Konzil von Trient nominell bestehenden Befugnisse nun zunehmend auch praktisch um. Die Ämterbestellung erfolgt jetzt nur mehr innerkirchlich. Die Priesterausbildung wird in Seminaren zentralisiert. Der Klerus wird stärker kontrolliert und diszipliniert. Nach napoleonischem Vorbild entsteht ein Legaten-System, das die Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Ortsbischöfen diplomatisch reguliert. Auch der regelmäßige (Kontroll-) Besuch der Bischofskonferenzen in Rom, der Ad-Limina-Besuch, wird eingerichtet. Deutliches Symbol dieser Entwicklung im 19. Jahrhundert ist die Erklärung päpstlicher Unfehlbarkeit bei lehramtlichen Verlautbarungen von Glaubensaussagen, wenn sie mit dem überkommenen und praktizierten Glauben der Kirche übereinstimmen.

3. Sakralisierung der Kirchenämter.

Der Primat des Petrusamtes wurde bereits im Mittelalter thematisiert und behauptet gegenüber dem Kaiser und den ostkirchlichen Patriarchen. Aber um ihn auch innerkirchlich durchzusetzen, bekam man erst im 19. Jahrhundert die bürokratischen und disziplinären Mittel. Zugleich erfährt der gesamte Klerus, dem nun als Kollegium des unfehlbare Lehramt zugesprochen wird, durch den Ordo, also durch göttliche Einsetzung, eine Sonderstellung.

4. Konfessioneller Gruppenzusammenhang als katholisches Milieu, mit lebenslanger, spezifischer Prägung der Persönlichkeit.

Das Leben eines Christen ist umfasst und eingebettet durch Taufe – Erstkommunion (die eucharistische Frömmigkeit erwachte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und bezog auch die Kinder ein) – Firmung – Heirat – Begräbnis. Im Wochenrhythmus sind Beichte und Sonntagsmesse mit Predigt auch eine intensive Begleitung und Formung des einzelnen Christen mit seiner persönlichen Glaubensentwicklung, sowie der christlichen Gemeinschaft. Es entstehen kirchliche Vereine und Verbände, in denen sich Laien organisieren. Katholische Arbeiter, Bauern, Akademiker, Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder (Jungschar) sind gesellschaftstragende Stände. Katholische Kindergärten, Privatschulen, Krankenhäuser und Altersheime versorgen Menschen in allen Lebenslagen und ermöglichen ein Wir-Gefühl und eine katholische Identität, inmitten großer gesellschaftlicher Umwälzungen im Industriezeitalter.

5. Weltanschauung, die alle Lebensbereiche durchzieht und moralisch und religiös deutet.

Mit dualistischen Gegensatzpaaren kann so gut wie jede Situation gedeutet werden: Diesseits – Jenseits, Welt – Kirche, Klerus – Laien, Himmel – Hölle, Kirche – Gesellschaft. Deutungen erhalten eine starke moralische Komponente, sodass aus Bibelstellen, Katechismussätzen oder Predigtworten immer klare Handlungsanweisungen folgen.
Zugleich wird die Verantwortung des einzelnen betont, der für sein eigenes Seelenheil zuständig ist und mit Beichte und Selbsterziehung ein Kontrollinstrument für die Sünde in der Hand hat. Aber auch die Verantwortung für die (neu formierte bürgerliche) Familie wird herausgestrichen, sichtbar am Gebet für die armen Seelen im Fegefeuer.

6. Ein Netz von Institutionen für alle Lebensbereiche und Funktionen.

Neben der Pfarrseelsorge mit ihren Einrichtungen der Beichte und der Sonntagspredigt, den Schulen und Krankenhäusern entstehen auch christliche Gewerkschaften sowie eine christliche Volkspartei, welche die verschiedenen katholischen Standesvertretungen aufzunehmen versucht. Auf diese Weise artikuliert sich der gesamtgesellschaftliche Horizont des Katholizismus besonders in Österreich, während er in Deutschland dem vom Herrscherhaus bevorzugten Protestantismus gegenübersteht.

7. Dichte Ritualisierung des Alltags.

Neben den Lebenswende-Ritualen und den Kirchenfesten im Jahreskreis strukturiert das Angelus-Gebet den Arbeitstag. Fastenzeiten geben sozusagen einen katholischen Biorhythmus, der auch auf weltliches Brauchtum wie den Karneval ausstrahlt, oder beispielsweise auf kulinarische Traditionen. Aber auch vielfältige Heiligenfeste beantworten Bedürfnisse und Sorgen der Menschen.

Solche jeweils von der Kirchenleitung und von einflussreichen Laien sorgsam beobachtete Entwicklungen verschafften der katholischen Kirche dort, wo sie in der Mehrheit war, eine eindeutige Position und klare gesellschaftliche Dominanz und Autorität, die von oben und unten gestützt war. Besonders aber ermöglichte sie eine Identifikation von außen und von innen. Die Kirchenzugehörigkeit wurde damit wählbar, weil sie bestimmte, erwartbare Konsequenzen hatte. Die Bildung eines katholischen Milieus kann als Festlegung des Christentums verstanden werden.

2. Wegmarken des Katholizismus im Neunzehnten Jahrhundert

* Neuscholastik: Synthese von Glaube und Vernunft.

Erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erstand nach sehr verschiedenen philosophischen und theologischen Entwicklungen (Deutscher Idealismus) ein theologisches System, das wieder auf mittelalterliche Kategorien zurückgriff und sie auf die gegenwärtige Fragen anwendete. Papst Leo XIII förderte diese Entwicklung sehr. Es entstand ein umfassendes System, das verschiedene theologische Disziplinen umfasste und mithilfe thomistischer und aristotelischer Kategorien ordnete.

* Enzyklika „Aeterni Patris“, 1879.

Von der Zurückweisung der „falschen Philosophie“ wurde hier ein Weg eröffnet, der die Herausforderungen der modernen Zeit mit der Vernunft aufzunehmen und zu beantworten versucht. Ausdrücklich wird auf das paulinische Diktum von der natürlichen Vernunfterkenntnis Gottes rekurriert. Thomas von Aquin wird zum Angelpunkt theologischen Denkens gemacht.

* Katholische Soziallehre.

Ihr Grundgedanke ist eine Ordnung vernünftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens, die als gottgewollt naturrechtlich begründet wird. Damit werden die fundamentalen Auswirkungen der industriellen Revolution und der Verstädterung beantwortet, welche die Arbeiterschaft betreffen. Die Prinzipien des Ordo Socialis sind Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl. Auf sie werden Fragen der gesellschaftlichen Gerechtigkeit zurückgeführt, im 20. Jahrhundert etwa die Frage der Tötung Ungeborener, Globalisierungserscheinungen, aber auch Schöpfungsverantwortung. Als weitere Prinzipien werden Nachhaltigkeit sowie Option für die Armen genannt.

* Naturrechtslehre.

Gegenüber dem Rechtspositivismus, der Wertentscheidungen auf Konvention und Mehrheitsentscheidungen zurückzuführen versucht, betont die Naturrechtslehre Rechtsansprüche von Personen, die aus ihrem (Person-) Wesen folgen, z.B. die Menschenwürde. Diese wird ontologisch begründet und menschlicher Entscheidungsbefugnis vorgeordnet.

* Verkirchlichung des Volksglaubens.

Während bisher der reine Glaube der Kirche, der lehramtlich und traditionell gestützt war, und der mit Aberglauben durchwirkte Volksglaube unvermittelt nebeneinander bestanden hatten, kommt es nun zu einer Disziplinierung und Adaptierung volkskirchlicher Elemente. Das betrifft Heiligenkulte und Wallfahrtswesen, Wunder- und Mirakelbücher, agrarische Kulte und Segensformen. Was bisher in bäuerlichen Milieus und um Kultstätten selbständig gediehen war, wird nun kirchlicher Leitung und Organisation unterstellt. Von unzähligen Heiligenkulten bleiben z.B. Herz Jesu-Feiern, Immaticulata-Verehrung, Schutzengelkult und Josefsverehrung.

Praesentation2 (ppt, 22 KB)

4. Veränderungen des Katholizismus seit den Sechziger Jahren

# Auflösung der Großgruppenmilieus

Die großen gesellschaftlichen Gruppen verlieren aus verschiedenen Gründen ihren Zusammenhalt. Die sozialistische Arbeiterschaft, die Bauernschaft, die Stahlarbeiter, die Eisenbahner, der Konsum, und eben der Katholizismus büßen ihre Fähigkeit zur Bildung einer Gruppenidentität ein. Wirtschaftliche Veränderungen wie das Aufkommen von Lebensmittelindustrie und Ladenketten verdrängen Bauern und Handwerker. Identität geht verloren, neue Wohnquartiere an den Stadträndern entstehen, ohne neue Milieus mit Prägekraft auszubilden.

# Ende der Standartbiographie

Das Bild der bürgerlichen Kleinfamilie aus dem 19. Jht. übersteht die Eingliederung der Frau in die Arbeitswelt nicht. Die Geschlechterrollen ändern sich, und damit die Identität von Menschen. Die fortschreitende Industrialisierung mobilisiert Arbeitskräfte und erzeugt marksgemäße Konkurrenz unter den Arbeitskräften. Junge Menschen übernehmen nicht mehr die Berufe der Väter, zugleich auch immer weniger deren Wertwelten. Beruf, Beziehung, Freizeit werden frei wählbar.

# Verbesserte Bildung

Verstärkte Urbanisierung, technischer und wissenschaftlicher Fortschritt und verbesserter Wohlstand Vergrößern die Distanz zwischen den Generationen. In der Berufswelt und zunehmend auch in der Beziehungswelt ist der Rat der Eltern immer weniger brauchbar.

# Massenmedien und Massenkultur

Das Aufkommen des Fernsehens und damit verbunden der Massenwerbung erlaubt die Verbreitung von Haltungen und Einstellungen. Einerseits kulminieren in den 68er Jahren Protesthaltungen, andererseits auch Anpassungen an Kultur-, Kunst-, Musik- Sport- Unterhaltungs- und Modeindustrie.

# Familie und Geschlechterrollen

Mit der Berufstätigkeit der Frau und ihrem neuen Selbstbewusstsein steigt der Druck auf die Identität der Männer. Ehen werden brüchig, Kinder von berufstätigen Müttern allein erzogen, Ehe und Kinderwunsch nicht mehr obligat. Damit fällt nach dem beruflichen auch ein verbindliches familiäres Lebensmuster aus.

# Fortschrittsglaube

Im Glauben an immerwährendes Wirtschaftswachstum häufte der Staat Schulden an. Im Zuge der vollständigen Beherrschung der Natur wurden Tonnen von Kunstdüngern und Insektengiften ausgebracht. Der Machbarkeitsglaube führte den Menschen auf den Mond und erzeugte einen vielfachen Overkill durch Atomraketen auf der Erde. Hunger und Elend wurden aber nicht beseitigt, sondern noch extrem vergrößert.

3. Der Katholizismus der Fünfziger Jahre

Die Aufzeichnungen der Kirchenaustritte quer durch das 20. Jahrhundert zeigen als einzige, langfristig stabile Phase die 50er Jahre.

1 (doc, 28 KB)



Nach den Katastrophen der zwei Weltkriege und der faschistischen Diktatur herrschte mehr Bedarf nach einfacher Beheimatung unter dem bergenden Dach der Kirche, nach sozialer und weltanschaulicher Zugehörigkeit, als nach individuellen und sozialen Experimenten.

+ Werthaltungen

In der Aufbauzeit nach dem Krieg kam es daher zu einer Renaissance traditioneller bürgerlich-industrieller Wertmuster. Pflicht- und Akzeptanzwerte sicherten einerseits das Milieu, dessen man bedurfte, und reduzierten andererseits die persönliche Verantwortung. Disziplin, Gehorsam, Leistung, Fleiß und Bescheidenheit ermöglichten rasanten wirtschaftlichen Aufstieg. Selbstbeherrschung, Anpassungsbereitschaft, Fügsamkeit und Enthaltsamkeit helfen zum unproblematischen Zusammenleben und schulen Selbstkontrolle und Kontrollierbarkeit – die Voraussetzung für soziale Kooperation.

+ Katholische Aktion

1922 wurde diese Laienorganisation gegründet. Unter klerikaler Leitung gestalten Laienverbände interessenspezifisch das gesellschaftliche Leben mit.

+ Klassenmilieus von Bauern und Handwerkern, Arbeitern und Bürgerlichen

Besonders in der Zeit sich anbahnender radikaler Umbrüche verstärken sich die jeweiligen Bindungen ans Milieu.

5. "Katholizismus" heute

o Religiöse Subjektivierung

Nachdem Traditionen und Werthaltungen, soziale Zugehörigkeit und religiöses Verständnis frei wählbar sind, sinkt auch ihre Bindekraft, da sie auch abwählbar sind. Damit geht ein sozialer Zusammenhalt sowie die innere Kongruenz von Glaubens- und Werthaltungen verloren.

o Individualisierung

Das Automobil und der Arbeitsmarkt haben die Vereinzelung des modernen Menschen vorangetrieben. Den neu entstandenen Freiheitsgraden entsprechen neue Entscheidungszwänge. Die ständige Reflexion darüber, was richtig ist und was zu tun ist („Dauerreflexivität), überfordert viele Menschen und führt zu neuem Fundamentalismus und Bildungsverweigerung. Es kommt zu „Allgemeinheitsindividualität“ (Kohli).

o Pluralisierung

Die Lebensform wird ebenso frei gewählt wie der Beruf. Das erklärt z.T. auch das verstärkte Auftreten von Homosexualität. Ebenso werden religiöse Inhalte zum Gegenstand freier Wahl. Es kommt zur Kombination von Versatzstücken verschiedener Religionen und zu einem neuen Synkretismus.

o Neue Sozialformen

Partnerschaft und Liebe werden neu definiert und verlieren Verbindlichkeit und Prägekraft. Katholikentage stärken die Identität von Christen, aber auch ein neues Gemeindebild. Partizipative Strukturen kommen auf, wie der Pfarrgemeinderat. Gabriel unterscheidet fünf Sektoren des späten Katholizismus:
1. Fundamentalismus
2. explizite und interaktive Christen, die sich ehrenamtlich in der Gemeinde oder in einem anderen kirchlichen Feld engagieren
3. diffus Katholische, die nur selten als Christen explizit in Erscheinung treten und kaum Glaubensinhalte und Werthaltungen angeben können
4. kirchliche Berufe mit all ihren Rollenkonflikten und Identitätsfragen
5. Bewegungssektor mit hoher kirchlicher Identität, aber geringer reflexiver und gesamtkirchlicher Perspektive

o Spannungen zwischen Selbstverständnis und Fremdverständnis der Religion

Besonders die Darstellung in den Massenmedien und der Synkretismus diffus christlicher Öffentlichkeit bilden ein kirchliches Erscheinungsbild bzw. Erwartungsbild, das mit dem, wie Kirche sich selbst und den Gottesglauben versteht, kaum mehr in Einklang zu bringen ist. Dazu kommen auch Flügelbildungen in der Kirche selbst, die einander in wichtigen Fragen wie Bischofsernennungen unvermittelbar gegenüberstehen.

6. Problemfelder

- Verbindlichkeit religiöser Rede

Glaube kann sowenig wie irgendeine Werthaltung unverbindlich vermittelt werden. Dass Glaubensrede sich selbst rechtfertigen und begründen muss, ist nichts Neues. Aber es gibt wenig Anknüpfungspunkte, die allgemein anerkannt sind. Dadurch steigt der Reflexionsdruck für Eltern und Lehrer

- religiöse Erziehung

Zugleich mit der Schwächung der Familie wird auch die öffentliche Position von Religionslehrer und Priester in Frage gestellt. Dadurch scheint eine Selektion für entweder sehr angepasste oder sehr individuelle Charaktere zu entstehen.

- Zerfall des sozialen Zusammenhalts

Familie und Klassenmilieus können kaum mehr Gruppenidentitäten bereitstellen. Demgemäß steigt das Gefühl der Bedrohung vor allem Fremden.

- Priesternachwuchs

Es ist wenig überraschend, wenn bei allen diesen Veränderungen die Zahl der Priesterkandidaten sinkt, zumal eklatant weniger Kinder geboren werden und so bereits biologisch der Nachwuchs dezimiert wird. Zugleich aber diversifiziert sich der Nachwuchs nach oben dargestellten Mustern, d.h. die Standartbiographien Schule (– Kleines Seminar –) Priesterseminar wird seltener, Spätberufene nehmen zu. Zugleich ist Herkunft und Prägung durch obengenannte Sektoren wie explizites Christentum oder Bewegungen erkennbar, die daraus entstehende priesterliche Identität entsprechend vielfältig.

- Sakramente

Zunehmend ist ein Sakramentendienst als Serviceleistung zu beobachten. Allenfalls diffus katholische Personen verlangen Sakramentsleistungen, für die sie einiges zu investieren bereit sind, aber sie interpretieren sie auf ihre eigene Weise. Da wird die Kindertaufe unter dem Blickwinkel der Chancengleichheit gesehen oder die Firmung als Ehebefähigung, die Ehe selbst als folkloristischer Übergangsritus oder als den eigenmächtigen Entschluss begleitender Segensgestus.

Samstag, 24. Januar 2009

berufung und arbeit

Wieder ins gleiche Bockshorn blasend, tritt nun, zwölf Jahre nach dem Kirchen-Volksbegehren und nach der Pfarrer-Initiative auch eine Laien-Initiative auf, um die Kirche zu erneuern durch ihre medienwirksam inszenierten Forderungen. Ohne solcherart wiederum die Berufungsfrage an Papst und Kirchenbehörde abzuschieben, wäre es aber höchst angebracht und an der Zeit, sich der Berufungsfrage nicht nur in Pressekonferenzen zu stellen, sondern in pastoraler Arbeit.
Eine Berufungspastoral ohne Brechstange wird ein Puzzle aus Initiativen sein, denn auch der Glaubensschwund hat viele Ursachen. In Gemeinden der Hoffnung werden Menschen den christlichen Glauben nicht nur als überkommene Pflicht erfahren, die niemand überzeugend erklären kann, sondern als frohes, guttuendes Ereignis. Dass eine Gemeinde, in der sich selbstbewusste Menschen mit ihren Fähigkeiten frei einbringen, attraktiv ist und ausstrahlt, haben wir an den überwältigend positiven Reaktionen auf die Radiomesse gesehen, und wir erfahren das Sonntag für Sonntag. Weiters ist daran zu arbeiten, auch eine christliche Jugendkultur zu entwickeln, in der junge, suchende Menschen sich angesprochen und voneinander begleitet finden.
Ein weiterer Bereich ist die öffentliche Meinungsbildung. Hier sollte die vorherrschende Skepsis gegenüber religiösen Themen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Der letzte Kritische Oktober sowie das laufende Veranstaltungsprogramm des Katholischen Akademikerverbands enthält pointierte Statements dazu. Auch in dieser medialen Öffentlichkeit soll durch gelebtes Beispiel und vernünftiges Argument überzeugt werden, und die Chancengleichheit ist unbedingt einzufordern.
Eine der Qualitäten geistlichen Lebens ist aber auch, Fragen ehrlicher und gerechter Lebensführung aufzubringen, und nicht nur bei Jugendlichen. Der Umgang mit den Schätzen der Erde kann nicht bloß wirtschaftlichen und machtpolitischen Einflüssen überlassen bleiben, und politische Parteien und Massenmedien können nicht die einzigen Instanzen der Meinungsbildung sein. Die Begegnung mit den Armen ist nach wie vor ein Grundfaktor christlichen Lebens, an dem wir uns zu bewähren haben.
Wenn Formen religiösen Lebens bei Erwachsenen und Kindern, Zölibatären und Eheleuten, im Privatbereich, in freien Zusammenschlüssen und in der Öffentlichkeit von Dorf und Stadt wieder jung und lebendig werden, dann wird auch wieder neue Strahlkraft von ihnen ausgehen. Dann wird sich auch wieder herausstellen, dass der Priester nicht bloß Servicegehilfe für die eigenen Bedürfnisse des bürgerlichen Lebens ist, sondern ein Gesandter, der zu Umkehr mahnt angesichts des nahen Gottesreiches. Übrigens täte sich der Zölibatäre leichter, wenn die Gesellschaft wieder partnerschaftlicher würde, denn allein gelassen mit ihren Bedürfnissen und Entscheidungen lebt ja die Mehrzahl der Menschen. Und gerade an den Kämpfen der vielen Alleingelassenen und Überforderten – auch der mit dem christlichen Glauben Überforderten – zeigt sich umso mehr der Segen einer geistlichen Lebensform, die Christus zum Thema und Inhalt hat.
Es ist niemand anderer als Gott, der für Berufungen sorgt – aber wir werden initiativ, um die Rufe hörbar zu machen, nicht durch Forderungen an Ohnmächtige, sondern indem wir auf neuen Wegen schreiten, neue Gedanken denken und neue Allianzen schmieden.

Montag, 3. November 2008

1. grunderfahrungen

a.

Erfahrungen wie die, vom Psiloritis-Gipfel in Kreta abzusteigen, immerhin fast 2500 Höhenmeter und, hätte ich nicht im Übermut den Weg verloren beim Abstieg, jeweils sieben Stunden hinauf und dann wieder hinunter zu steigen, so also länger, und daher bei einbrechender Dunkelheit über die letzten Schafweiden und Steinmauern auf das Dorf Kamares zu: und dann nichts mehr gesehen! Im Blendlicht der Straßenlaternen mit den Händen weitergetastet, durch Gestrüpp und über Mäuerchen, ohne die Spur eines gebahnten Weges, bestimmt noch eine Stunde lang, am Dorfrand entlang, jeden einzelnen Schritt sorgfältig gesetzt in der völligen Entzogenheit des Bodens. Nicht zu sehen, wo man steht und wo man hinsteigt, sozusagen in der Unwegsamkeit schwebend, und nach allen Seiten tasten und irren, vor, zurück, seitwärts – und irgendwann doch einen Durchschlupf finden, und endlich befreit hinaustreten auf die Dorfstraße und hinüberschreiten zum Quartier, und dann wieder aufgefangen von der Sorgsamkeit des Wirts, dem guten Essen und dem festen Dach/

Oder voriges Jahr in Neum, der einzigen bosnischen Stadt am Meer, von der Magistrale, die an der Küste entlangführt, wo Urlauber mich mitgenommen haben, nachdem ich schon beinahe im Landesinneren gestrandet wäre an der Weiterfahrt von Medjugorje: und dann hinuntergestiegen die Kurven auf das Meer zu, im Finstern, und noch eine Kurve, nun muß doch schon das Meer sein, und noch eine, und dann der Kiesweg, der Parkplatz, und von drüben laute Musik und grelles Licht, aber kein Meer, kein Spiegel, kein Plätschern, nur schwarz. Langsam, Schritt für Schritt, mit gespitzten Ohren und aufgerissenen Augen: und dann endlich, die Umrisse eines Ruderbootes, das leicht, fast unmerklich schaukelt, da muß das Meer sein.

Und vorhin, beim Laufen, am Kiesweg entlang der Drau, in die Nacht hinein: etwas weniger Tempo, sehr aufmerksam für die Zeichen des Bodens, kleine Unebenheiten, Kies, Erde, Gras, Laub, im Freien, unter Bäumen, der Geruch des Flusses, der Widerschein der Bahnsignale, das Blendlicht eines entgegenkommenden Zuges. Plötzlich fällt der Weg ab, es hebt dir den Boden aus für einen Augenblick, oder an der finstersten Stelle wirst du angesprochen von einer Frau, die ihr Fahrrad schiebt und von einer weißgefleckten Katze umstrichen wird, so daß du ganz aus dem Rhythmus kommst, und beim Zurücklaufen nocheinmal.

Grund zum Gehen, zum Steigen, zum Laufen, zum Stehen – zum Suchen und Finden. Grund, dessen man habhaft zu sein glaubt untertags, und der sich nachts zurückzieht. Grund der Erkenntnis, der Orientierung, der Einsicht. An der Grenze, am Übergang zeigt sich, dass er dich preisgeben könnte, und dann tut er es doch nicht. Aber einen Grund brauchst du. Für alles.


b.

Wenn die Schüler über Franz von Assisi nachdenken sollen, dann wäre es ein schwacher Grund, was sie über ihn bisher gehört haben. Verniedlicht, verkitscht von Volksschulzeit an, zum Tierschützer degradiert. Assisi gesehen und erfahren wäre ein besserer Grund, nach ihm zu fragen. Aber auch da: aus dem Busfenster und Luxusquartier oder mit den Mühen des Fußweges gibt sehr verschiedene Gründe. Der beste Grund wird dann erschlossen sein, wenn, auf ihm stehend, die Gestalt des Heiligen in ihrer Eigentümlichkeit erkennbar wird in ihrer ganzen Fragwürdigkeit, am Sonderweg mit Mensch und Gott, und besonders mit sich selbst. Du kannst den Schüler nicht „motivieren“, den Heiligen verstehen zu wollen oder sich mit ihm zu identifizieren. Du kannst ihn höchstens auf den Boden stellen, von dem aus er den Blick frei hat auf ihn. Und zwar im Zwielicht. Im Scheinwerferlicht erkennt man das Heilige nicht. Auf einen Blick und ohne Anstrengung.
Ich lasse sie seine Charaktereigenschaften raten. Da geraten sie an die Fragwürdigkeit der Berichte, an die Selektion der Überlieferung, und beginnen nachzufragen, wie er wirklich war. Und dann tasten wir nach unseren eigenen Eigenschaften, einzeln und gemeinsam. Auch wir selbst sind nicht eindeutig und geradeheraus. – Und schon ist eine Beziehung da zwischen uns und ihm. Kein ganz Fremder mehr, wir selbst hingegen etwas verfremdet. Und seht ihr: so entsteht ein gemeinsamer Boden. Und dann geht’s zur Sache. Dann kommen die Berufungsstationen, die immer Entfremdung bringen und Grund bieten und entziehen zugleich. Und keine Erfahrung ohne Herausforderung, ohne eigene Stellungnahme, ohne eigene Sinngebung. All das Widerstrebende muß beantwortet werden, das Widersprüchliche ausgehalten. So kommt er Schritt für Schritt weiter, und unter seinen Füßen zeichnet sich ein Boden ab, ein Weg nach und nach. Kaum ist sein Weg benennbar, kaum hat er Gefährten, kaum bekommt er Anerkennung: da ist schon wieder alles gefährdet, da beginnt sich unmerklich unter der Hand, im Weitergehen, der mühsam errungene Weg zum System einzurollen, da möchte man schon wieder alles habhaft haben, eine Gemeinschaft ordnen, Häuser bauen und um Unterstützung werben. Aber Franz gibt das Zwielicht nicht auf. Er bleibt auf dem Boden, der unter seinen Füßen entsteht. Keine asphaltierten Plätze. Ob ich ihnen das zeigen kann.


c.

Schwester Johanna hat lange Jahre quälenden Suchens hinter sich. Eine gute Ausbildung, eine gute Stelle, ein guter Freundeskreis haben ihre Unruhe nicht stillen können. Ein solches bürgerliches Leben ist nicht genug Boden für jemand, dem Gebet bereits Nahrung geworden ist, und wenn zunächst verschiedene Wohngemeinschaften und Arbeitsstellen ein Weg-Tasten waren, so führte die Spur später zu Schwesternhäusern und Ordensgemeinschaften. Diese Art Gehen ist immer mit dem nächsten Schritt beschäftigt, da helfen keine Übersichtskarten und Entfernungsangaben, da gibt es noch keine festen Kriterien. Da hat man nur Zeichen, und die müssen entschlüsselt werden anhand der wogenden und fließenden Innerlichkeit, ohne Vorbild, ohne Ratgeber, ohne Vorwissen. Eigentlich eine unmögliche Aufgabe. Aber der Boden wird unter dem Füßen.

Schwester Johanna lebt schon über zehn Jahre mit der ewigen Profeß, und heute noch können einige ihrer damaligen Freundinnen ihren Weg nicht verstehen. Obwohl sie selbst religiös sind. Aber auch für sie selbst sind noch viele Fragen offen, vielleicht noch mehr als anfangs. Und sie selbst findet sich immer wieder, und immer tiefer in Frage gestellt, sie ringt und kämpft – und löst, oder findet Auseinanderfallendes gelöst in Gott. Vielleicht würde sie zustimmen, dieses Beantwortenlassen des Fraglichen in ihr selbst und überall in Gott für das Geistliche ihres und unseres Weges zu halten/

2. grund in der bibel

a.

Das Gleichnis vom Sämann (Mt 13,1) entfaltet sogleich alle Arten des Grundes: als Weg, als Felsen, als überschattet von Dornen, sowie als Boden - γη. Ihre Differenz liegt darin, wie sie aufnehmen können und festhalten: der Samen muß sich geradezu einwachsen können, also mit dem Grund verbinden und einswerden, dann kann er zu sich kommen und den Halm entspringen lassen, der am Ende Frucht bringt. Die Fruchtbarkeit ist das Kriterium des Gründens – daran ist der Grund erkenntlich.
Als guter Boden wird der Gläubige herausgestellt (13, 23), der Gottes Wort hört und versteht, der also Gottes Sprechen in sich aufnimmt und damit schwanger geht, bis es sich verwirklicht.
Wesentlich ist das Grundsein des Gläubigen: kein Wissen, kein Überblick über den Vorgang, kein Einfluß darauf, kein Zugriff, sondern die Offenheit und Empfänglichkeit, sodaß das ergangene Wort sich einnisten kann im Grunde, ein geheimnisvoller, entzogener Vorgang. Und wenn es soweit ist, läßt der Gläubige das Wachsende entspringen: das ist bereits seine Fruchtbarkeit vom Grunde. Ja, Entspringenlassen braucht Mut und Selbstüberwindung, aber es ist eigentlich ein Gewährenlassen, was sich von selbst Bahn bricht. Zur Frucht am Ende trägt er bei: Festigkeit und Feuchtigkeit – zwei beinahe widerstrebende Dinge, die zueinander in Dynamik stehen. So ist der Gläubige also selbst ein beweglicher, lebendiger Grund seiner Berufung – und keinesfalls ihr Herr.

b.

Das Gleichnis von den Arbeitern am Weinberg (20,1-16) thematisiert weniger den Boden, als den Ertrag. Es muß nicht die Ernte selbst sein, auch das Zurückschneiden der Reben ist Arbeit, die viele Arbeitskräfte braucht. Der Boden ist als fruchtbar vorausgesetzt – das starke Wachstum erzeugt Arbeit. Das Anlegen des Weinbergs, das Aussäen bleiben unerwähnt, im Blick sind die Mühen der Pflege oder Ernte. Hier geht es nicht um die, in denen der Samen der Berufung bereits austreibt, sondern um die Berufungspfleger oder Seelsorger. Ihre Mühen werden problematisiert – von ihnen selbst, während der Gutsbesitzer sich auf diese Problematisierung nicht einläßt. Die Mühe ist nicht das Kriterium, sondern die Verfügungsbereitschaft, um am richtigen Ort eingesetzt zu werden. Jetzt geht es bei ihnen um das Hören auf den Auftrag, und um die elfte Stunde werden einige mit leisem Vorwurf als Schwerhörige oder Abwesende kenntlich. Sie alle aber werden nach und nach zum Grund geschickt, um daran zu arbeiten: so vergeht der Tag.

c.

Das dritte Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21, 33-43) erzählt nun vom Ertrag des Weinbergs. Das Problem ist nun, was mit ihm geschieht: der Gutsbesitzer will den Ertrag abholen, aber die Pächter haben ihn für sich selbst verwendet. Darin offenbart sich ihr Mißverständnis von Erbe: von der Beseitigung des Erben ergeht keineswegs ein Anspruch auf dessen Besitz. Auch hier ist der Boden als fruchtbar vorausgesetzt; er tritt insofern ins Bild, als es um seinen Besitz geht – also wieder um den Verfügungsanspruch. Die Pächter können keineswegs als mit diesem Boden verbunden angesehen werden - ihr Aneignungsversuch setzt sich ja über seine Entstehungsgeschichte und Bedeutung hinweg und tut ihm/dem Besitzer Gewalt an. Die Lösung läge darin, den Grund zu bearbeiten und seine Früchte zu pflegen und zu übergeben/

3. berufungsoffene gemeindebilder

a.

Erste Schlußfolgerungen: Von der Bibel her ist die Fruchtbarkeit des Grundes kaum problematisiert, eher der Umgang mit ihm. Selbst die Einnistung des Wortes, also des Gottesrufes, ist entzogen und geheimnisvoll und ereignet sich, sofern der Grund aufnahmebereit ist. In dieser Offenheit allerdings liegt ein Existenzproblem: die kann verstellt, verhärtet oder bestandslos sein, so daß es zu keiner Befruchtung kommt. Aber das wurde nicht als Schuld herausgestellt!

Die Bereitung des Grundes wird im Demütigwerden zu sehen sein, also im Aufgeben des Zugriffs, im Unruhigsein, im Suchen und Ringen um den eigenen Weg, um die Entschlüsselung des Wortes, um seine vorläufige Identifizierung. Und dann kommt das Entspringenlassen, das Heraustreten aus dem Boden. Das ist grundsätzlich in zweierlei Richtungen zu verfolgen: einerseits, was die individuelle Berufung betrifft, also die persönliche Identität mit dem Wort Gottes, und andererseits als Aufgabe für die ganze Gemeinde.

Eine Gemeinde, die Berufungen fördert, wird viel Gewicht legen auf die individuellen Glaubenswege der Einzelnen. Da wird nicht so sehr die Funktion des Gesamtsystems im Vordergrund stehen, auch nicht unbedingt der Servicebetrieb für alle Bedürfnisse, denen ein überforderter Priester hinterherhetzt. Da wird die Predigt ein offenes Ende haben, statt für jede Lebenslage eindeutige Anweisungen zu geben, da wird Selberdenken gefordert sein, und da werden keine Phrasen wiederholt, sondern unaufhörlich neue Wege beschritten, im Denken und in der Methode. Der Kanon gedenkt fürbittend des Papstes, der Bischöfe, Priester und Diakone – warum nicht auch der Ordensleute, Ehepaare, Eltern, Jugendlichen und Kinder? Und aktuell sollen nicht nur Verstorbene, sondern auch Neugetaufte und Vermählte genannt werden!

Die Pflege der Berufungspflänzchen braucht einen langen Atem. Schnellschößlinge werden wieder zusammenfallen, menschliche Reifung braucht Jahre – aber regelmäßige Zufuhr von Wasser, also ein kontinuierliches kirchliches Gemeindeleben mit vielen Stegen, an denen einer anlegen kann. Zumindest eine Station muß es geben, die ausdrücklich persönliche und Glaubensentwicklung fördert und begleitet. Dort sollen auch Neue auftauchen können und angenommen werden – nicht nur theoretisch, sondern eingeübt. Ein Beispiel: Unsere „prophetische Gruppe“ setzt bei der Salbung in der Taufe zum „Priester, König und Prophet“ an und setzt daher prophetische Berufungen in der Gemeinde voraus. Diese werden gesucht, zu einer Gruppe gesammelt (die notwendig veränderlich ist!) und dann den prophetischen und Berufungstexten der Bibel gegenübergestellt. Und hier soll ein Wiedererkennen stattfinden: dieses Wort, jene Verheißung, diese Erfahrung ist in meinem Leben ja bereits verwirklicht! Die meisten unserer Propheten haben bereits eine richtige Bekehrung erfahren.

Der Zuwachs an berufbaren Personen sollte nicht das Hauptproblem sein. Es gibt Gemeinden mit Dutzenden – 50, 70, 100 Erstkommunionkindern oder Firmkandidaten pro Jahr: aber sie schleusen sie durch eine Schnellabwicklung und trachten, sie loszuwerden, damit sie bald – und irgendwo – gefirmt werden und dann auf Jahre verschwinden. Es gibt Tauffamilien, die mit kaum einer Glaubenserfahrung völlig unbelastet kommen – und dann nur Zurechtweisungen hören. Bei Bebräbnisansprachen wird ja oft den größten Erwartungen zu begegnen sein, aber auch das könnte weniger rituell und dogmatisch und mehr glaubensstärkend und entwicklungsoffen sein: wir sprechen ja nicht für die Toten, sondern die Erben. Ehepaare kommen mit größter Zukunftshoffnung, und sind meist versucht, ihre Liebe abzusichern in privater Subjektivität. Und die Meßbesucher, Sonntag für Sonntag bereit, sich auf ein Geschehen und Wort einzulassen. Viele Menschen also, darunter auch offene, empfängliche. Die Frage ist eher, das richtige Wort zu finden.

Die Mitarbeiter: mit ihnen beschäftigen sich die Gleichnisse am meisten. Wir können sie dazu kommen, selbst zu Berufungspflegern zu werden? Bestimmt durch entschiedenste Beobachtung und Förderung aller Talente gerade bei ihnen selbst. Durch viel Freiraum, sich zu entwickeln, auch wenn nicht immer zum (unmittelbaren) Vorteil der Gemeinde. Das darf nicht mit Laissez-faire verwechselt werden, mit Einfach-laufen-Lassen: Engagierte Menschen sich nur selbst zu überlassen wäre pastoral fahrlässig.

Im Zentrum einer berufungsoffenen Gemeinde wird eine Liturgie stehen, in der alle Gemeindedienste vollständig verwirklicht und gepflegt werden, von den Ministranten bis zum Mesner, den Lektoren, Kantoren, Kommunionsspendern, Wortgottesdienstleitern, Segensfeierbeauftragten, Diakonen, Fürbittenverfassern, Liedplanerstellern, Organisten und anderen Musikern, Chören, Kollektensammlern, Kirchenreinigern und Gärtnern. Auch eine integrative Eucharistiefeier ist zu empfehlen, die immer offen ist für Kinder, Jugendliche, Ehepaare, Kranke, Arme, Taufen, für alle Arten Musik und Kunst. Aber es gibt auch Mitarbeiter-Ausbildung. Manche Hausfrauen haben gedacht, ihr Glaube wäre genug für eine Eucharistiekatechese. Diese Selbstgewißheit mußte ein wenig aufgebrochen werden. Der „Grundkurs Theologie“, den ich eigens für meine in der Verkündigung tätigen Mitarbeiter halte, wirft viele Fragen auf und problematisiert das Vordergründige. Ich verstehe ihn als Entwicklungshilfe für die Wandlung des mitgebrachten Kinderglaubens in einen erwachsenen, der auch vor Kinder- und Jugendfragen standhält und Wegweisung geben kann.

b.

Zweite Reflexionsstufe: Ich will die Grunderfahrung in der Gemeinde – und auch in der Schule! – als das unaufhörliche Kommen von Menschen ansprechen. Auf geheimnisvolle Weise treten Menschen auf, werden sichtbar, entfalten Wirkung und Ansprüche. (Selbst wenn die Kinder schon vorher bekannt waren, selbst wenn man sie von klein auf kennt: als Erstkommunikanten, als Firmkandidaten erscheinen sie neu, in einem neuen Rahmen, und sind/werden neu.) In unserer Pfarre kommen auch immer wieder Urlaubsgäste und auch religiös Suchende zum ersten Mal und neu in den Sonntagsgottesdienst. – Aber dann müssen sie angesprochen werden! Das ist eine Existenzfrage für die Gemeinde, und das nicht nur zur Mitarbeiterrekrutierung. Hier erweist sich, ob die Gläubigen für Berufungen offen sind. Und ob sie den Ruf weitergeben können, den sie selbst empfangen haben. Das entscheidet sich im und nach dem Gottesdienst selbst, das ist aber auch an den Strukturen der Gemeinde ablesbar. Ob immer wieder gleiche Programme abgespult werden, oder ob auch die jeweiligen Menschen – als Gemeindemitglieder oder Mitarbeiter – in ihrer Eigenart zur Geltung kommen.

Nach sieben Jahren in einer Gemeinde mit äußerst schwacher Religiosität und vorerst sehr wenigen, altgedienten Mitarbeitern zeigt sich: der Grund trägt! Immer wieder erscheinen Menschen in der vielfältigen Öffentlichkeit der Gemeinde, interessante Menschen, neugierige, suchende. Nach und nach entschließen sich solche, die bisher nur am Sonntag erschienen sind, zuerst nur in der Messe, später auch im Pfarrcafe, dann auch einmal, in nähere Bekanntschaft zu treten, in der einen oder anderen Gruppe, und dann schließlich einmal, selbst irgendwo Verantwortung zu übernehmen. Beinahe alle jetzigen Mitarbeiter, ehrenamtliche wie hauptamtliche, sind auf solche Weise aus dem Grunde erwachsen.

Zur Pflege dieses Grundes zählt auch die Arbeit an der Öffentlichkeit. Das hat gar nichts damit zu tun, eilfertig es allen recht machen zu wollen, oder bei allen Festen anzutanzen. Mir liegt mehr an der Errichtung einer diskursiven Öffentlichkeit, indem Themen aufgeworfen werden – einerseits mittels der eigenen Medien der „Sonntagsöffentlichkeit“, des Schaukastens, des Pfarrbriefes, der Kirchenzeitung – andererseits aber auch in nichtkirchlichen Medien. Kooperationen mit der Stadtgemeinde, z.B. bei der Errichtung eines Parks um die Kirche, haben solche erweiterte Öffentlichkeit gebracht, Konzerte und andere künstlerische Veranstaltungen, besonders aber auch die Themen (und Vortragenden!), die der „Kritische Oktober“ gesetzt hat. Da haben wir die Fragen gestellt, und Bürgermeister, Chefredakteur, Spitzensportler, Firmenchef haben geantwortet – vor unserer Pfarröffentlichkeit. Und die Themen waren Entwicklungsthemen: „Öffentlichkeit“, „Frau in Kirche“, „Kritischer Konsument“, „Entschiedenheit“, „Die am Rande sind“.

c.

Dritte Reflexionsstufe: Das Entspringenlassen ist der Hauptvorgang einer berufungsoffenen Pastoral. Ich will den springenden Punkt an einem Beispiel verdeutlichen: mit Kunst haben auch andere Gemeinden zu tun. Kirchenchor, Vernissagen, Kirchenführungen. Ich aber verstehe pastorale Kunstförderung nicht als Einladung namhafter, teurer Kunstdarsteller, sondern gerade umgekehrt als Förderung unbekannter, junger, abseitsstehender Künstler, und das nicht mit Geld, sondern mit eben unserer Öffentlichkeit! Wir finanzieren übrigens alle Kunstveranstaltungen über Subventionen. Aber auch unsere eigenen Vollzüge wachsen an der Kunst: ich denke an den jährlichen Kompositionsauftrag zu Christi Himmelfahrt, der unser liturgisches Feiern jedesmal neu herausfordert. – Mehr noch lassen wir uns herausfordern von den jährlich neu erscheinenden Kindern (und ihren Eltern), die sich auf die Eucharistie vorbereiten. Um die 50 Kinder sind ab Advent in der Sonntagsmesse und finden dort jedesmal, bis zum Frühjahr, eine auf sie abgestimmte Gestaltung. Manchmal ein Lied, manchmal ein Umzug, manchmal eine Dialogpredigt. Und immer ist die ganze Gemeinde dabei: so ist Entspringen-Lassen aus der Mitte der Gemeinde.

Das bringt mich auf die Widerstände. Unsere Sonntagsgemeinde lernt in kleinen Schritten, dass die Aufnahmefähigkeit des Bodens auch eine Belastung ist. Man braucht Geduld, guten Willen, Überwindung, auch eine neue Sprache, ein neues, ursprünglicheres Denken zu lernen. Kinder sprechen Dinge geradeheraus an. Wenn zwischen den Ansprüchen altgedienter Gemeindemitglieder oder denjenigen von Kindern oder neu Dazugekommenen zu entscheiden ist, bevorzuge ich eher die Neuen. Wenn ein Thema Staub aufwirbelt und auf Widerstände stößt, hält mich das nicht im geringsten ab. Das bedeutet, dass pastorale Entscheidungen ein gewisses Risiko eingehen. Eine solche Gemeindeentwicklung fördert daher viel weniger die Systementwicklung und –verhärtung, sondern die Elastizität. Es gibt Dinge, die scheitern, und das braucht nicht verschwiegen zu werden. Als diesen Sommer keine Jugendreise zustande kam, hab ich das jene Eltern merken lassen, die ihre Kinder woandershin schickten. Die Widerstände zeigen die Festigkeit des Grundes, das Risiko den Willen zum Entspringenlassen.

Der wesentliche Vorgang in einer berufungsoffenen Gemeinde (analog auch: Religionspädagogik) als Dialog, als Ansprechen des Grundes besteht also einerseits in gestalterischen Initiativen, und andererseits in der antwortenden Pflege dessen, was diesem Grund entspringt: nach und nach mit dem auf uns Zukommenden etwas anfangen können!

Dienstag, 19. August 2008

In seinem Element

Vielleicht koennte das ein Schluessel sein zu dem, was ein "geistlicher Beruf" bedeutet: Dieses Schweben zwischen Himmel und Erde wie im Netz, in dem man hunderte Meter entlang des Felsens hochgezogen wird zu den Meteora-Kloestern. Oder das Bewusstsein, dass Wasser traegt und begehbar ist, sodass man das Boot zu verlassen bereit ist.
Aber das alles ist nicht bloss ein Entschluss, der Beschluss, ein Wagnis einzugehen. Ganz deutlich ist in beiden Bildern die Gegenkraft, von der einer entgegen aller Erfahrung erfasst wird. Und beide Male ist es ein Vektor, der nach oben weist.

Natuerlich besteht der Stoff eines Priesterlebens in der Liebe zur Eucharistie, im Umgang mit den Menschen, in der Treue zum Gebet oder in organisatorischen Faehigkeiten, verbunden mit innerer Festigkeit und der Hinordnung auf das Kirchenganze. Aber sind das nicht die Eigenschaften innerhalb des Bootes? Seemaennische Faehigkeiten. Das Geistliche aber ist das Hinausgehen aufs Wasser, auf den Zuruf hin.

Vielleicht erklaert sich so, warum der Anteil von Reflexionsverweigerern, Unangepassten oder Gottesnarren seit Jahren immer groesser wird. Unter den Kandidaten immer mehr solche sind, die lange Zickzackwege hinter sich haben, auch manche Scheitergeschichte. Natuerlich muss geprueft werden, ob nicht gerade noch die buergerlichen Sicherheiten des Berufs wie eine Planke sind, nach der der Ertrinkende greift. Ob nicht vielleicht auch die Amtierenden sich zu sehr von diesen Sicherheiten bestimmen lassen und dadurch den Gemeinden ein entsprechendes Bild von Amt einpraegen. Denn der Schwankende, Irrende und Wagende kann gerade das gelernt haben, sich schnellstens vor dem naechsten Wellengang ein festes Stueck zu ergreifen und sich daran festzuklammern: ein fester Gebetsrhythmus oder die Zuneigung von Menschen -- oder aber er hat das Element selbst kennen gelernt, auf dem das Boot schaukelt, und geht zuweilen darauf ein paar Schritte.

Um dem Bild einen Rahmen zu geben, ist zu sagen, dass dieses elementar Geistliche natuerlich keineswegs auf ein bestimmtes Amt beschraenkt ist. Schon die Verheissung, die Brautleute einander sind, verweist sie auf das Wasser hinaus, auch der Mut, Kindern Leben zu schenken, auch andere verantwortliche gesellschaftliche Aufgaben. All das steht ja dem extremen Individualimus entgegen, mit dem unsere Zeit dem Menschen eine Palette von Wahlmoeglichkeiten aller Eventualitaeten bereitstellt und damit das Boot mit Decks und Aufgaengen vollraeumt, bis jeder seine eigene Abteilung hat. Aber vom Walten des Elements ist das alles gleich nahe oder gleich weit entfernt.

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