Samstag, 15. Oktober 2011

Eine Entgegnung zu Rohrers „Ende des Gehorsams“

Am Stefanitag des Jahres 2010 hat Anneliese Rohrer versucht, den in Deutschland geborenen „Wutbürger“ mittels eines „Quergeschrieben“-Artikels in der PRESSE in Österreich heimisch zu machen. Die Reaktionen darauf waren verhalten, sie selbst klagt über Missverständnisse, als sie vom einberufenen Stammtisch in eine politische Leitungsrolle gedrängt wurde. Inzwischen hat sie ein Buch nachgereicht, das sie landauf landab vor kritischem und politikenttäuschtem Publikum präsentiert. Darin erregt sie sich über Politiker, die sich über Gesetze hinwegsetzen, und noch mehr über Bürger, die das nicht stört. Ihr Buch ist eine Kampfschrift, die zum Widerstand aufruft, und sie nennt als Inspiration die Revolutionen in arabischen Ländern. Die Methoden, die sie vorschlägt, sind Verfassung von Leserbriefen, Protestmails, mündlich geäußerte Kritik an Politikern und Ablehnung von Wahlzuckerln und Vergünstigungen, die von Politikern angeboten werden. Ich halte ihre Vorschläge für naiv, ihre zugrundeliegenden Analysen für falsch und vermute überdies eine Meinungskampagne des Blattes, für das sie arbeitet.

Rohrer sorgt sich um demokratische Einrichtungen in Österreich, die parteipolitisch missbraucht werden, und malt den Teufel an die Wand in der Form der hierzulande aus der Geschichte bekannten Ausschaltung des Parlaments durch autoritäre Politiker. Wie die Ökologiebewegung droht sie mit Untergangsszenarien, um Bürger zu demokratischer Wachsamkeit aufzurütteln. Aber ihr Demokratieverständnis ist zu formal. Wahlrecht, Bürgerbeteiligung und Gesetzestreue sind juristische Kategorien und entsprechen von Alters her dem lateinischen Diskurs im Dienst bürgerlicher Interessen der Erhaltung des Status Quo. Dagegen bedeutet Demokratie in der westlichen sowie allmählich auch in der arabischen Gesellschaft den Anspruch, frei über Lebenschancen, Sozialleistungen und vor allem über Konsumgüter verfügen zu können. Die bürgerliche Gesellschaft hat durch wirtschaftliche Prosperität und wissenschaftliche Forschung, Individualismus und Massenproduktion von Konsumgütern einen Hedonismus hervorgebracht, der längst nicht mehr ein Markenzeichen bloß der jüngeren Generation ist, sondern quer durch die Gesellschaft in allen Alters- und Berufsgruppen dominant ist. Die von Rohrer beklagte Lethargie ist ein Zustand der Sättigung, und ihr Versuch, die Satten an ihre Unzufriedenheit zu erinnern und zu „Wutbürgern“ zu emotionalisieren, wurde bereits früher von H.P.Martin, H.Schüller, J.Haider, H.C. Strache, F.Voves, R.Palfrader oder R.Düringer betrieben.

Ich selbst kämpfe hingegen darum, dass heutige Gläubige jeglicher Generation eine zeitgemäße christliche Identität entwickeln und stärken, die über den privaten Eigennutz hinausreicht. Dazu gehört die Stärkung der Gemeinde und ihrer Dienste, ganz besonders in der sonntäglichen Eucharistiefeier. Die von Rohrer beklagte Passivität und Konsummentalität muss auch hier überwunden werden, in Landgemeinden ebenso wie in städtischen, und in den älteren, bürgerlichen Generationen ist das noch schwieriger wie bei den Jungen. Am allgemeinen Desinteresse am öffentlichen Raum sind ja gerade die Massenmedien selbst sehr beteiligt, die das Öffentliche kolonisiert haben, sodass man zu Hause fernsieht oder Zeitung liest, wenn man sich informieren will, und nicht etwa ins Kaffeehaus geht oder auf den Markt. Für eine eucharistische Gemeinde muss hingegen der öffentliche Raum zurückerobert werden, und er ist mit Interesse am anderen sowie mit Inspiration durch das Evangelium zu füllen, und bitte nicht mit neuerlichen Konsumveranstaltungen aus der Brauchtums- oder Wohlfühlecke. Vorbilder für moderne Christen sind schwerlich in braven, angepassten Bürgerkreisen zu finden. Eher blicke ich auf Künstler und andere Wagemutige, und würde den Mut zu Risiko und Neuerung als spirituelles Ereignis betrachten. Vielleicht fällt der Übergang zu einem messianischen Christsein leichter, wenn man sich klar ist, dass eine moderne Kirche individuell sein muss und keine Massen erwarten kann. Aber an ihrer Lebendigkeit und Entschiedenheit wird sie zu erkennen sein – und das wird schwerlich von Provokationen zu Ungehorsam ausgelöst, gleich von welcher Seite.

Josef Mitterers neues Denken und unser alter Glaube

Nun sind endlich, nach zwei Jahrzehnten, seine beiden wichtigsten Bücher neu erschienen, und nach einigen Zufälligkeiten, dass dieser und jener Journalist in dieser und jener Zeitung sich entschied, darüber zu berichten (wie er selbst sagt), wird sein Denken auch von der philosophischen Kollegenschaft wahrgenommen. Es sind verhältnismäßig schmale Bände, „Das Jenseits der Philosophie“ und „Die Flucht aus der Beliebigkeit“, und sie benötigen kaum Fremdworte oder Fachvokabular, um ihre sehr radikalen Thesen darzustellen.
Die abendländische Philosophie, und im Anschluss erst recht die moderne Naturwissenschaft, würde immer von einem Gegensatz zwischen Denken und Sein ausgehen. Hier der menschliche Geist, dort die Natur, die er zu erkennen versuche. Aber diesen Gegensatz, den Mitterer als dualistisches Denken bezeichnet, macht das Denken. Es gibt keine Welt der Dinge, und daneben eine Welt ihrer Beschreibungen. Josef Mitterer, Philosoph an der Universität Klagenfurt, schlägt eine andere Art des Sprechens und Erkennens vor: das nondualistische Denken. Hier nimmt man den Gegenstand, über den man etwas sagen möchte, als bisherige Beschreibung, z. B. einen noch unbekannten Berg. Aber das Unbekannte wird bereits als ein Berg beschrieben, mit einer bestimmten Umgebung usw. Die Untersuchung soll nun diesen Berg erkunden, seine Höhe, seine Zusammensetzung und Geschichte. Der bisherigen Beschreibung wird somit eine weitere, spätere hinzugefügt. Nun hat der Berg einen Namen und gilt als bekannt und erschlossen. Die Erkenntnis findet zugleich in der Sprache (Beschreibung) und am Berg statt. Beides zusammen ist die Wirklichkeit. Es gibt keine Trennung zwischen Sprache und Wirklichkeit. Was hat das alles mit Religion zu tun?

Vor fast tausend Jahren hat der Benediktinermönch Anselm von Canterbury über Gottes Größe betend meditiert. Gott sei so groß, dass seine Nichtexistenz undenkbar wäre. Ein monotheistisches Gottesbild ist universal und transzendent. Die Grenzen unseres Denkens sind Gott nicht angemessen, zwischen hier und dort, zwischen früher und später, auch nicht die Grenze zwischen Gott bloß denken und Gottes wirklicher Existenz. Mit Josef Mitterer sage ich: Der Gläubige, der Gott begegnet, fügt den bisherigen Beschreibungen (Zeugnissen) eine hinzu: Dieser Gott, den die Väter bezeugen und zu dem Jesus betet, erweist sich auch in meinem Leben als liebender und lebendigmachender Gott. (Betende) Sprache und Wirklichkeit sind nicht zu trennen.

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