Freitag, 19. August 2016

Was bleibt

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Im Suq der Medina von Kairouan.
Ein sehr stimmungsvoller Ort.
Die Hitze ist gedämpft durch den Häuserschatten und das Dach.
Man breitet aus, was man anzubieten hat.
Offen und ehrlich.
Die Händler warten still, wo es Töpferwaren oder Kupfergeschirr sind. Alles handgemacht.
Trachten und Schürzen. Teppiche.
Aber dort, wo sich die Tische biegen unter den Bergen von Leibchen und Jeans, Unterhosen und Socken, am Tauschmarkt, an den Gebrauchtständen, und das ist die überwiegende Mehrheit der Stände, von der Stadtmitte bis vor die Tore der Medina, dort wird geschrien, dort herrscht Hektik und Gedränge.

Ein Bub steht vor mir und wickelt etwas verträumt seine Schokolade aus. Er zerreißt das Papier und wirft es vor sich auf den Boden. Vor die Verkaufstische. Man sieht keinen Vater, der sich zuständig fühlt. Aber das würde nichts ändern. Der Bub ist frisiert und schön angezogen.

Ich sitze im Cafe, an einem weißen Plastiktisch am Gehsteig, eigentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Cafe. Sie haben die Plastikstühle überall hingestellt, wo noch Platz ist. Die ganze männliche Bevölkerung würde tagsüber da sitzen, wenn genug Platz wäre. Viele Männer fahren mit dem Fahrrad hier – die Buben mit dem Mofa. Immer wieder erhebt sich eine ganze Tischrunde, nachdem der Kaffee ausgetrunken ist oder das Kartenspiel beendet. (Ja, man trinkt hier Kaffee. Das habe ich noch in keinem arabischen Land gesehen, dass man Kaffee trinkt. Nicht türkischen Kaffee, keinen Nescafe im Hotelrestaurant, sondern Cappucino, Cafe latte und Espresso. Das haben sie von den Franzosen.) Gehen zum Fahrrad, öffnen das Kettenschloss, steigen auf und fahren ab. Es sind alte und neue Räder, nicht gerade Mountainbikes mit Gabelfederung und Scheibenbremsen.
Da kommt ein dicker Mann mit einem tuckernden Moped, sieht einen Bekannten, fährt über den Randstein direkt auf den Gehsteig.
Sie unterhalten sich im Schreiton.
das Moped tackert.
Das Moped steht zwischen meinem Tisch und dem Nachbartisch.
Der Lenker sieht zu seinem Bekannten, der Auspuff sieht zu mir.
Aus dem Auspuff kommt blauer Rauch.
Vorher hat es leicht faulig gestunken aus dem Kanal.
Jetzt stinkt es nach Moped.
Der Dicke holt eine Packung Zigaretten aus der Tasche, reißt die Hülle auf, zieht sie ab und wirft sie weg.
Dann zieht er das Aromapapier herunter und wirft es weg.
Es ist wie ein Handgriff.
Er steckt sich eine Zigarette in den Mund, zündet sie an, steckt die Packung ein und beginnt, das Moped zurückzuschieben.
Er hat einen dicken Kopf, kurz geschorene Haare, und zwischen den Lippen steckt die Zigarette.
Mit den nackten Füßen in den Plastiksandalen schiebt er das Moped zurück, während er immer noch mit seinem Bekannten redet und das Moped tackert.
Dann läutet sein Handy.
Er nimmt es heraus, hält es ans Ohr, fragt, spricht, hört, raucht,
das Moped tackert und stinkt.
Während er telefoniert – den Bekannten hat er jetzt vergessen, schiebt er weiter rückwärts.
Es ist ein kurzes Telefonat.
Es endet wie alle hier ohne Verabschiedung.
Man hört in der Sprachmelodie keinen Abschied.
Ganz anders als in Kärnten. Da wird der Abschied zwei oder dreimal wiederholt, und er wird gesungen.
Und immer wird noch etwas nachgereicht.
Bis bald,
Und einen schönen Tag noch,
Und Grüße an die Frau,
und was man dem Gesprächspartner noch alles nachwirft, bis man ihn endlich wirklich verlässt. Während man an der Kassa steht und die ganze Schlange dahinter.
Der Dicke steckt das Handy ein und schiebt noch einen Schritt zurück und gibt ein paarmal Gas.
Das Moped steht fast unter meinem Tisch.
Mein Schienbein spürt die Hitze des Auspuffs.
Er gibt Gas und fährt laut und stinkend vom Gehsteig auf die Straße und zieht ab.

Die Straße führt aus der Stadt heraus, entlang von Gärten, dann durch Felder.
Am Randstein hängen blaue und weiße Plastiksäckchen, Kartonstreifen, Blätter, Gras und vieles andere. Am Gartenzaun in größerer Höhe hängen vor allem Plastiksäckchen, blau, grau und weiß. Die Felder sind oft von Kaktusfeigen eingerahmt. Diese sind gespickt mit Plastiksäckchen in allen Farben. Die meisten Felder sind Plantagen von Olivenbäumen. Die Kaktusfeigen sind gelb und grün, die Olivenbäume haben niedrige Kronen, die Stämme graubraun, die Blätter auf der Oberseite olivgrün, unten weiß. Die Plastiksäcke, die man in den Olivenbäumen am besten und weitesten sieht, sind blau. Gärten ohne Zaun oder Kaktushecke haben Plastiksäcke nicht nur in den Baumkronen, sondern über den ganzen Boden verteilt. Einen Teppich aus Plastiksäcken. Den trockenen harten Boden sieht man nicht. Der Plastikteppich ist grau, weil sich in den Säckchen auch der Staub gefangen hat. Es geht ja ständig Wind in der Steppe von Kairouan.

Als ich im Supermarkt Obst gekauft habe, hat der Mann an der Waage die Pfirsiche gewogen, aus dem Sackerl mit den roten Weintrauben herausgenommen und in ein zweites gesteckt. Die beiden Preiszettel hat er auf den Pfirsichsack geklebt und den Weintraubensack dort hineingesteckt und zugeknüpft. Ich hatte noch ein Yoghort. Die Dame an der Kassa steckte das Yoghort in einen dritten Plastiksack und die beiden anderen dort hinein.

In Tunis stieg ich nach erstaunlich kurzer Fahrt mit der Metro Linie Eins gutgelaunt an der Place de Barcelona aus. Ich war neben einer Familie mit kleinen Mädchen gestanden. Der Vater, neben mit stehend, hatte das auf der Bank sitzende Töchterchen an den Haaren gezupft. Sie hatte eine kunstvoll geflochtene Frisur mit vielen rosa Maschen und Spangen. Das Mädchen war empört und sah zum Vater. Der stritt es ab und schüttelte den Kopf. Da drehte sich das Kind zu mir, und ich rollte mit den Augen und zog den Kopf ein. Lächelnd folgte ich nun den Passanten über den Bahnsteig und dann die Gleise entlang. Die Gleise sind links und rechts von Gittern gesäumt. Vor mir geht ein Mann am Gleis und trägt ein kleines Kind. Auch das nächste Gleis ist eingezäunt, auch dort strömt eine Menge zwischen Gittern auf dem Straßenbahngleis gegen die vermutliche Fahrtrichtung. Ich verlasse den Bereich der Metro und quere die Plätze mit den Kleiderbergen. Es ist Abend, das meiste ist vorbei. Ich balanciere zwischen den auf Plastikdecken aufgehäuften Kleiderbergen, dann vom Randstein über die stinkende Kloake darunter auf die Fahrbahn. Ein paar Entgegenkommende erwidern mein Lächeln. Ich überlege, ob es ein Heimkommen ist, wenn man nach einigen Wochen wieder ins gleiche Hotel kommt. Ein Moped fährt tuckernd knapp an mir vorbei. Ich höre von hinten ein Auto kommen und wechsle auf den Gehsteig. Dort steht in der Mitte ein Verkaufstisch. Eine Familie kommt dort entgegen. Ich gehe rechts am Tisch entlang. Ein Mann tritt vor mir aus dem Geschäft und geht einen Schritt vor mir in derselben Richtung. Geräuschvoll spuckt er vor mir auf den Gehsteig, mehrmals. Genüsslich. Ich wechsle die Seite und protestiere. Er lacht. Ich gehe weiter.
Ich umgehe die Straßen und Plätze, wo tagsüber am Boden gehandelt wurde. Dort muss man über Müllberge steigen. Als ich in die Straße meines Hotels einbiegen will, schiebt ein Lieferwagen zurück. Er fährt über mehrere Kartons, die laut platzen. In einigen war Obst, das nun seitlich herausquillt. Der Wagen hinterlässt eine breite Saftspur, die bis zur Kloake am Fahrbahnrand reicht. Ich schreite über die staubige Gasse zwischen den fensterlosen Mauern. Mit einem Knall fällt auf das abgestellte Auto neben mir ein Plastiksack mit Obst und zerplatzt dort.

Ich überquere Plätze, die kniehoch mit Müll bedeckt sind. Im Stadtzentrum. Ein Bub schiebt einen Karren, auf den Karton geladen wird. Am Fahrbahnrand liegen Plastiksäcke, am Gehsteig Karton. Es ist so in der ganzen Innenstadt. Um Mitternacht werden dann die anderen Kinder kommen mit ihren Karren und Kinderwägelchen, und Brauchbares herausklauben auf den Straßen. Tunesien ist ein freies Land seit der Revolution 2011.

Am Gehsteig steht ein Karren. Ein Mann verkauft Sandwich. Ich kaufe einen und sehe zu, wie er Würstchen auf den Rost legt über der kleinen Feuerstelle. Er nimmt einen kleinen Brotfladen, schneidet ihn auf und füllt zuerst Chillisauce, dann Salat, Zwiebel und Oliven hinein, alles mit den Fingern. Zuletzt zupft er mit den Fingern die Würstchen vom Grill und stopft sie dazu. Er schlägt den Sandwich in Papier ein und drückt ihn mir in die Hand.

Ich trinke ein Bier. Das gibt es im Hotel el Medina. Ich setze mich in den Gastgarten. Der Kellner bringt das Bier, und auf meine Aufforderung hin wischt er einmal mit dem Tuch über das runde Tischchen. Trotzdem bleibt mein Schreibbuch darauf kleben, sobald es trocken ist. Vor mir ist ein Kanalgitter, das in der Mitte nach unten gewölbt ist, so wie die anderen, die alle in einer Reihe ausgebreitet sind. Deshalb sammeln sich dort Plastikflaschen, Papier, Speisereste und Plastikbecher. An einem anderen Kanalgitter sehe ich eine junge Katze bei der Jagd. Ich beobachte sie, ob sie etwas fängt. Das Kätzchen lauert, springt, setzt nach, wartet, springt wieder, blickt sich um. Ich kann keine Beute erkennen. Das Kind vom Nachbartisch läuft hin und vertreibt die Katze.

Ich erinnere mich an eine tote Ratte. Sie lag mitten am Abfahrplatz am Busbahnhof von Sousse. Es war eine große graue Ratte. Sie war völlig flach, aber man konnte das ganze Tier erkennen, den Kopf, die Beine, den Schwanz. Sie lag auf der Seite, und alle Innereien lagen herausgequetscht als rosa Häufchen hinter ihr. Die Eingeweide war grünlich, die Augen silbrig und trocken, und von eingetrockneten Blutfleck zogen sich Spuren entlang der Fahrbahn.

Der Wind streicht über das Kanalgitter vor meinen Füßen. Etwas hat sich bewegt. Ich sehe genau hin. Zwischen den aus dem Gitter ragenden Grashalmen und den Zigarettenkippen bewegt sich etwas.
Ich sehe lange Fühler.
Sie kommen tastend aus der Gitteröffnung.
Vor und Zurück.
Hinter den Fühlern sehe ich ein Tier.
Eine Schabe.
Ich sehe den Kopf.
Ich warte, bis sie ganz herauskommt, damit ich die Größe sehen kann.
Da kommt ein Mann durch die Tische gegangen und trampelt auf das Kanalgitter. Die Schabe ist weg.

Wenn ich das nächste Mal nach Tunesien komme, wird der Müll bis zur ersten Fensterreihe gehen. Man wird die Fester im Erdgeschoß noch öffnen können, wenn kein Wind geht. Aber nicht die Tür.
Der deutsche Attaché hat schon voriges Jahr im tunesischen Fernsehen gesagt, die deutschen Touristen bleiben nicht aus wegen der Terrorangst. Sondern wegen dem Dreck. Hat mir Mustafa erzählt, als ich ihm Kaktusseife abgekauft habe. Als einziger Tourist an der antiken Zisterne von Kairouan, die wie eine Kläranlage aussieht.

Die Katze ist wieder zurückgekommen.

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