berufungspastoral

Samstag, 24. Januar 2009

berufung und arbeit

Wieder ins gleiche Bockshorn blasend, tritt nun, zwölf Jahre nach dem Kirchen-Volksbegehren und nach der Pfarrer-Initiative auch eine Laien-Initiative auf, um die Kirche zu erneuern durch ihre medienwirksam inszenierten Forderungen. Ohne solcherart wiederum die Berufungsfrage an Papst und Kirchenbehörde abzuschieben, wäre es aber höchst angebracht und an der Zeit, sich der Berufungsfrage nicht nur in Pressekonferenzen zu stellen, sondern in pastoraler Arbeit.
Eine Berufungspastoral ohne Brechstange wird ein Puzzle aus Initiativen sein, denn auch der Glaubensschwund hat viele Ursachen. In Gemeinden der Hoffnung werden Menschen den christlichen Glauben nicht nur als überkommene Pflicht erfahren, die niemand überzeugend erklären kann, sondern als frohes, guttuendes Ereignis. Dass eine Gemeinde, in der sich selbstbewusste Menschen mit ihren Fähigkeiten frei einbringen, attraktiv ist und ausstrahlt, haben wir an den überwältigend positiven Reaktionen auf die Radiomesse gesehen, und wir erfahren das Sonntag für Sonntag. Weiters ist daran zu arbeiten, auch eine christliche Jugendkultur zu entwickeln, in der junge, suchende Menschen sich angesprochen und voneinander begleitet finden.
Ein weiterer Bereich ist die öffentliche Meinungsbildung. Hier sollte die vorherrschende Skepsis gegenüber religiösen Themen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Der letzte Kritische Oktober sowie das laufende Veranstaltungsprogramm des Katholischen Akademikerverbands enthält pointierte Statements dazu. Auch in dieser medialen Öffentlichkeit soll durch gelebtes Beispiel und vernünftiges Argument überzeugt werden, und die Chancengleichheit ist unbedingt einzufordern.
Eine der Qualitäten geistlichen Lebens ist aber auch, Fragen ehrlicher und gerechter Lebensführung aufzubringen, und nicht nur bei Jugendlichen. Der Umgang mit den Schätzen der Erde kann nicht bloß wirtschaftlichen und machtpolitischen Einflüssen überlassen bleiben, und politische Parteien und Massenmedien können nicht die einzigen Instanzen der Meinungsbildung sein. Die Begegnung mit den Armen ist nach wie vor ein Grundfaktor christlichen Lebens, an dem wir uns zu bewähren haben.
Wenn Formen religiösen Lebens bei Erwachsenen und Kindern, Zölibatären und Eheleuten, im Privatbereich, in freien Zusammenschlüssen und in der Öffentlichkeit von Dorf und Stadt wieder jung und lebendig werden, dann wird auch wieder neue Strahlkraft von ihnen ausgehen. Dann wird sich auch wieder herausstellen, dass der Priester nicht bloß Servicegehilfe für die eigenen Bedürfnisse des bürgerlichen Lebens ist, sondern ein Gesandter, der zu Umkehr mahnt angesichts des nahen Gottesreiches. Übrigens täte sich der Zölibatäre leichter, wenn die Gesellschaft wieder partnerschaftlicher würde, denn allein gelassen mit ihren Bedürfnissen und Entscheidungen lebt ja die Mehrzahl der Menschen. Und gerade an den Kämpfen der vielen Alleingelassenen und Überforderten – auch der mit dem christlichen Glauben Überforderten – zeigt sich umso mehr der Segen einer geistlichen Lebensform, die Christus zum Thema und Inhalt hat.
Es ist niemand anderer als Gott, der für Berufungen sorgt – aber wir werden initiativ, um die Rufe hörbar zu machen, nicht durch Forderungen an Ohnmächtige, sondern indem wir auf neuen Wegen schreiten, neue Gedanken denken und neue Allianzen schmieden.

Montag, 3. November 2008

1. grunderfahrungen

a.

Erfahrungen wie die, vom Psiloritis-Gipfel in Kreta abzusteigen, immerhin fast 2500 Höhenmeter und, hätte ich nicht im Übermut den Weg verloren beim Abstieg, jeweils sieben Stunden hinauf und dann wieder hinunter zu steigen, so also länger, und daher bei einbrechender Dunkelheit über die letzten Schafweiden und Steinmauern auf das Dorf Kamares zu: und dann nichts mehr gesehen! Im Blendlicht der Straßenlaternen mit den Händen weitergetastet, durch Gestrüpp und über Mäuerchen, ohne die Spur eines gebahnten Weges, bestimmt noch eine Stunde lang, am Dorfrand entlang, jeden einzelnen Schritt sorgfältig gesetzt in der völligen Entzogenheit des Bodens. Nicht zu sehen, wo man steht und wo man hinsteigt, sozusagen in der Unwegsamkeit schwebend, und nach allen Seiten tasten und irren, vor, zurück, seitwärts – und irgendwann doch einen Durchschlupf finden, und endlich befreit hinaustreten auf die Dorfstraße und hinüberschreiten zum Quartier, und dann wieder aufgefangen von der Sorgsamkeit des Wirts, dem guten Essen und dem festen Dach/

Oder voriges Jahr in Neum, der einzigen bosnischen Stadt am Meer, von der Magistrale, die an der Küste entlangführt, wo Urlauber mich mitgenommen haben, nachdem ich schon beinahe im Landesinneren gestrandet wäre an der Weiterfahrt von Medjugorje: und dann hinuntergestiegen die Kurven auf das Meer zu, im Finstern, und noch eine Kurve, nun muß doch schon das Meer sein, und noch eine, und dann der Kiesweg, der Parkplatz, und von drüben laute Musik und grelles Licht, aber kein Meer, kein Spiegel, kein Plätschern, nur schwarz. Langsam, Schritt für Schritt, mit gespitzten Ohren und aufgerissenen Augen: und dann endlich, die Umrisse eines Ruderbootes, das leicht, fast unmerklich schaukelt, da muß das Meer sein.

Und vorhin, beim Laufen, am Kiesweg entlang der Drau, in die Nacht hinein: etwas weniger Tempo, sehr aufmerksam für die Zeichen des Bodens, kleine Unebenheiten, Kies, Erde, Gras, Laub, im Freien, unter Bäumen, der Geruch des Flusses, der Widerschein der Bahnsignale, das Blendlicht eines entgegenkommenden Zuges. Plötzlich fällt der Weg ab, es hebt dir den Boden aus für einen Augenblick, oder an der finstersten Stelle wirst du angesprochen von einer Frau, die ihr Fahrrad schiebt und von einer weißgefleckten Katze umstrichen wird, so daß du ganz aus dem Rhythmus kommst, und beim Zurücklaufen nocheinmal.

Grund zum Gehen, zum Steigen, zum Laufen, zum Stehen – zum Suchen und Finden. Grund, dessen man habhaft zu sein glaubt untertags, und der sich nachts zurückzieht. Grund der Erkenntnis, der Orientierung, der Einsicht. An der Grenze, am Übergang zeigt sich, dass er dich preisgeben könnte, und dann tut er es doch nicht. Aber einen Grund brauchst du. Für alles.


b.

Wenn die Schüler über Franz von Assisi nachdenken sollen, dann wäre es ein schwacher Grund, was sie über ihn bisher gehört haben. Verniedlicht, verkitscht von Volksschulzeit an, zum Tierschützer degradiert. Assisi gesehen und erfahren wäre ein besserer Grund, nach ihm zu fragen. Aber auch da: aus dem Busfenster und Luxusquartier oder mit den Mühen des Fußweges gibt sehr verschiedene Gründe. Der beste Grund wird dann erschlossen sein, wenn, auf ihm stehend, die Gestalt des Heiligen in ihrer Eigentümlichkeit erkennbar wird in ihrer ganzen Fragwürdigkeit, am Sonderweg mit Mensch und Gott, und besonders mit sich selbst. Du kannst den Schüler nicht „motivieren“, den Heiligen verstehen zu wollen oder sich mit ihm zu identifizieren. Du kannst ihn höchstens auf den Boden stellen, von dem aus er den Blick frei hat auf ihn. Und zwar im Zwielicht. Im Scheinwerferlicht erkennt man das Heilige nicht. Auf einen Blick und ohne Anstrengung.
Ich lasse sie seine Charaktereigenschaften raten. Da geraten sie an die Fragwürdigkeit der Berichte, an die Selektion der Überlieferung, und beginnen nachzufragen, wie er wirklich war. Und dann tasten wir nach unseren eigenen Eigenschaften, einzeln und gemeinsam. Auch wir selbst sind nicht eindeutig und geradeheraus. – Und schon ist eine Beziehung da zwischen uns und ihm. Kein ganz Fremder mehr, wir selbst hingegen etwas verfremdet. Und seht ihr: so entsteht ein gemeinsamer Boden. Und dann geht’s zur Sache. Dann kommen die Berufungsstationen, die immer Entfremdung bringen und Grund bieten und entziehen zugleich. Und keine Erfahrung ohne Herausforderung, ohne eigene Stellungnahme, ohne eigene Sinngebung. All das Widerstrebende muß beantwortet werden, das Widersprüchliche ausgehalten. So kommt er Schritt für Schritt weiter, und unter seinen Füßen zeichnet sich ein Boden ab, ein Weg nach und nach. Kaum ist sein Weg benennbar, kaum hat er Gefährten, kaum bekommt er Anerkennung: da ist schon wieder alles gefährdet, da beginnt sich unmerklich unter der Hand, im Weitergehen, der mühsam errungene Weg zum System einzurollen, da möchte man schon wieder alles habhaft haben, eine Gemeinschaft ordnen, Häuser bauen und um Unterstützung werben. Aber Franz gibt das Zwielicht nicht auf. Er bleibt auf dem Boden, der unter seinen Füßen entsteht. Keine asphaltierten Plätze. Ob ich ihnen das zeigen kann.


c.

Schwester Johanna hat lange Jahre quälenden Suchens hinter sich. Eine gute Ausbildung, eine gute Stelle, ein guter Freundeskreis haben ihre Unruhe nicht stillen können. Ein solches bürgerliches Leben ist nicht genug Boden für jemand, dem Gebet bereits Nahrung geworden ist, und wenn zunächst verschiedene Wohngemeinschaften und Arbeitsstellen ein Weg-Tasten waren, so führte die Spur später zu Schwesternhäusern und Ordensgemeinschaften. Diese Art Gehen ist immer mit dem nächsten Schritt beschäftigt, da helfen keine Übersichtskarten und Entfernungsangaben, da gibt es noch keine festen Kriterien. Da hat man nur Zeichen, und die müssen entschlüsselt werden anhand der wogenden und fließenden Innerlichkeit, ohne Vorbild, ohne Ratgeber, ohne Vorwissen. Eigentlich eine unmögliche Aufgabe. Aber der Boden wird unter dem Füßen.

Schwester Johanna lebt schon über zehn Jahre mit der ewigen Profeß, und heute noch können einige ihrer damaligen Freundinnen ihren Weg nicht verstehen. Obwohl sie selbst religiös sind. Aber auch für sie selbst sind noch viele Fragen offen, vielleicht noch mehr als anfangs. Und sie selbst findet sich immer wieder, und immer tiefer in Frage gestellt, sie ringt und kämpft – und löst, oder findet Auseinanderfallendes gelöst in Gott. Vielleicht würde sie zustimmen, dieses Beantwortenlassen des Fraglichen in ihr selbst und überall in Gott für das Geistliche ihres und unseres Weges zu halten/

2. grund in der bibel

a.

Das Gleichnis vom Sämann (Mt 13,1) entfaltet sogleich alle Arten des Grundes: als Weg, als Felsen, als überschattet von Dornen, sowie als Boden - γη. Ihre Differenz liegt darin, wie sie aufnehmen können und festhalten: der Samen muß sich geradezu einwachsen können, also mit dem Grund verbinden und einswerden, dann kann er zu sich kommen und den Halm entspringen lassen, der am Ende Frucht bringt. Die Fruchtbarkeit ist das Kriterium des Gründens – daran ist der Grund erkenntlich.
Als guter Boden wird der Gläubige herausgestellt (13, 23), der Gottes Wort hört und versteht, der also Gottes Sprechen in sich aufnimmt und damit schwanger geht, bis es sich verwirklicht.
Wesentlich ist das Grundsein des Gläubigen: kein Wissen, kein Überblick über den Vorgang, kein Einfluß darauf, kein Zugriff, sondern die Offenheit und Empfänglichkeit, sodaß das ergangene Wort sich einnisten kann im Grunde, ein geheimnisvoller, entzogener Vorgang. Und wenn es soweit ist, läßt der Gläubige das Wachsende entspringen: das ist bereits seine Fruchtbarkeit vom Grunde. Ja, Entspringenlassen braucht Mut und Selbstüberwindung, aber es ist eigentlich ein Gewährenlassen, was sich von selbst Bahn bricht. Zur Frucht am Ende trägt er bei: Festigkeit und Feuchtigkeit – zwei beinahe widerstrebende Dinge, die zueinander in Dynamik stehen. So ist der Gläubige also selbst ein beweglicher, lebendiger Grund seiner Berufung – und keinesfalls ihr Herr.

b.

Das Gleichnis von den Arbeitern am Weinberg (20,1-16) thematisiert weniger den Boden, als den Ertrag. Es muß nicht die Ernte selbst sein, auch das Zurückschneiden der Reben ist Arbeit, die viele Arbeitskräfte braucht. Der Boden ist als fruchtbar vorausgesetzt – das starke Wachstum erzeugt Arbeit. Das Anlegen des Weinbergs, das Aussäen bleiben unerwähnt, im Blick sind die Mühen der Pflege oder Ernte. Hier geht es nicht um die, in denen der Samen der Berufung bereits austreibt, sondern um die Berufungspfleger oder Seelsorger. Ihre Mühen werden problematisiert – von ihnen selbst, während der Gutsbesitzer sich auf diese Problematisierung nicht einläßt. Die Mühe ist nicht das Kriterium, sondern die Verfügungsbereitschaft, um am richtigen Ort eingesetzt zu werden. Jetzt geht es bei ihnen um das Hören auf den Auftrag, und um die elfte Stunde werden einige mit leisem Vorwurf als Schwerhörige oder Abwesende kenntlich. Sie alle aber werden nach und nach zum Grund geschickt, um daran zu arbeiten: so vergeht der Tag.

c.

Das dritte Gleichnis von den bösen Winzern (Mt 21, 33-43) erzählt nun vom Ertrag des Weinbergs. Das Problem ist nun, was mit ihm geschieht: der Gutsbesitzer will den Ertrag abholen, aber die Pächter haben ihn für sich selbst verwendet. Darin offenbart sich ihr Mißverständnis von Erbe: von der Beseitigung des Erben ergeht keineswegs ein Anspruch auf dessen Besitz. Auch hier ist der Boden als fruchtbar vorausgesetzt; er tritt insofern ins Bild, als es um seinen Besitz geht – also wieder um den Verfügungsanspruch. Die Pächter können keineswegs als mit diesem Boden verbunden angesehen werden - ihr Aneignungsversuch setzt sich ja über seine Entstehungsgeschichte und Bedeutung hinweg und tut ihm/dem Besitzer Gewalt an. Die Lösung läge darin, den Grund zu bearbeiten und seine Früchte zu pflegen und zu übergeben/

3. berufungsoffene gemeindebilder

a.

Erste Schlußfolgerungen: Von der Bibel her ist die Fruchtbarkeit des Grundes kaum problematisiert, eher der Umgang mit ihm. Selbst die Einnistung des Wortes, also des Gottesrufes, ist entzogen und geheimnisvoll und ereignet sich, sofern der Grund aufnahmebereit ist. In dieser Offenheit allerdings liegt ein Existenzproblem: die kann verstellt, verhärtet oder bestandslos sein, so daß es zu keiner Befruchtung kommt. Aber das wurde nicht als Schuld herausgestellt!

Die Bereitung des Grundes wird im Demütigwerden zu sehen sein, also im Aufgeben des Zugriffs, im Unruhigsein, im Suchen und Ringen um den eigenen Weg, um die Entschlüsselung des Wortes, um seine vorläufige Identifizierung. Und dann kommt das Entspringenlassen, das Heraustreten aus dem Boden. Das ist grundsätzlich in zweierlei Richtungen zu verfolgen: einerseits, was die individuelle Berufung betrifft, also die persönliche Identität mit dem Wort Gottes, und andererseits als Aufgabe für die ganze Gemeinde.

Eine Gemeinde, die Berufungen fördert, wird viel Gewicht legen auf die individuellen Glaubenswege der Einzelnen. Da wird nicht so sehr die Funktion des Gesamtsystems im Vordergrund stehen, auch nicht unbedingt der Servicebetrieb für alle Bedürfnisse, denen ein überforderter Priester hinterherhetzt. Da wird die Predigt ein offenes Ende haben, statt für jede Lebenslage eindeutige Anweisungen zu geben, da wird Selberdenken gefordert sein, und da werden keine Phrasen wiederholt, sondern unaufhörlich neue Wege beschritten, im Denken und in der Methode. Der Kanon gedenkt fürbittend des Papstes, der Bischöfe, Priester und Diakone – warum nicht auch der Ordensleute, Ehepaare, Eltern, Jugendlichen und Kinder? Und aktuell sollen nicht nur Verstorbene, sondern auch Neugetaufte und Vermählte genannt werden!

Die Pflege der Berufungspflänzchen braucht einen langen Atem. Schnellschößlinge werden wieder zusammenfallen, menschliche Reifung braucht Jahre – aber regelmäßige Zufuhr von Wasser, also ein kontinuierliches kirchliches Gemeindeleben mit vielen Stegen, an denen einer anlegen kann. Zumindest eine Station muß es geben, die ausdrücklich persönliche und Glaubensentwicklung fördert und begleitet. Dort sollen auch Neue auftauchen können und angenommen werden – nicht nur theoretisch, sondern eingeübt. Ein Beispiel: Unsere „prophetische Gruppe“ setzt bei der Salbung in der Taufe zum „Priester, König und Prophet“ an und setzt daher prophetische Berufungen in der Gemeinde voraus. Diese werden gesucht, zu einer Gruppe gesammelt (die notwendig veränderlich ist!) und dann den prophetischen und Berufungstexten der Bibel gegenübergestellt. Und hier soll ein Wiedererkennen stattfinden: dieses Wort, jene Verheißung, diese Erfahrung ist in meinem Leben ja bereits verwirklicht! Die meisten unserer Propheten haben bereits eine richtige Bekehrung erfahren.

Der Zuwachs an berufbaren Personen sollte nicht das Hauptproblem sein. Es gibt Gemeinden mit Dutzenden – 50, 70, 100 Erstkommunionkindern oder Firmkandidaten pro Jahr: aber sie schleusen sie durch eine Schnellabwicklung und trachten, sie loszuwerden, damit sie bald – und irgendwo – gefirmt werden und dann auf Jahre verschwinden. Es gibt Tauffamilien, die mit kaum einer Glaubenserfahrung völlig unbelastet kommen – und dann nur Zurechtweisungen hören. Bei Bebräbnisansprachen wird ja oft den größten Erwartungen zu begegnen sein, aber auch das könnte weniger rituell und dogmatisch und mehr glaubensstärkend und entwicklungsoffen sein: wir sprechen ja nicht für die Toten, sondern die Erben. Ehepaare kommen mit größter Zukunftshoffnung, und sind meist versucht, ihre Liebe abzusichern in privater Subjektivität. Und die Meßbesucher, Sonntag für Sonntag bereit, sich auf ein Geschehen und Wort einzulassen. Viele Menschen also, darunter auch offene, empfängliche. Die Frage ist eher, das richtige Wort zu finden.

Die Mitarbeiter: mit ihnen beschäftigen sich die Gleichnisse am meisten. Wir können sie dazu kommen, selbst zu Berufungspflegern zu werden? Bestimmt durch entschiedenste Beobachtung und Förderung aller Talente gerade bei ihnen selbst. Durch viel Freiraum, sich zu entwickeln, auch wenn nicht immer zum (unmittelbaren) Vorteil der Gemeinde. Das darf nicht mit Laissez-faire verwechselt werden, mit Einfach-laufen-Lassen: Engagierte Menschen sich nur selbst zu überlassen wäre pastoral fahrlässig.

Im Zentrum einer berufungsoffenen Gemeinde wird eine Liturgie stehen, in der alle Gemeindedienste vollständig verwirklicht und gepflegt werden, von den Ministranten bis zum Mesner, den Lektoren, Kantoren, Kommunionsspendern, Wortgottesdienstleitern, Segensfeierbeauftragten, Diakonen, Fürbittenverfassern, Liedplanerstellern, Organisten und anderen Musikern, Chören, Kollektensammlern, Kirchenreinigern und Gärtnern. Auch eine integrative Eucharistiefeier ist zu empfehlen, die immer offen ist für Kinder, Jugendliche, Ehepaare, Kranke, Arme, Taufen, für alle Arten Musik und Kunst. Aber es gibt auch Mitarbeiter-Ausbildung. Manche Hausfrauen haben gedacht, ihr Glaube wäre genug für eine Eucharistiekatechese. Diese Selbstgewißheit mußte ein wenig aufgebrochen werden. Der „Grundkurs Theologie“, den ich eigens für meine in der Verkündigung tätigen Mitarbeiter halte, wirft viele Fragen auf und problematisiert das Vordergründige. Ich verstehe ihn als Entwicklungshilfe für die Wandlung des mitgebrachten Kinderglaubens in einen erwachsenen, der auch vor Kinder- und Jugendfragen standhält und Wegweisung geben kann.

b.

Zweite Reflexionsstufe: Ich will die Grunderfahrung in der Gemeinde – und auch in der Schule! – als das unaufhörliche Kommen von Menschen ansprechen. Auf geheimnisvolle Weise treten Menschen auf, werden sichtbar, entfalten Wirkung und Ansprüche. (Selbst wenn die Kinder schon vorher bekannt waren, selbst wenn man sie von klein auf kennt: als Erstkommunikanten, als Firmkandidaten erscheinen sie neu, in einem neuen Rahmen, und sind/werden neu.) In unserer Pfarre kommen auch immer wieder Urlaubsgäste und auch religiös Suchende zum ersten Mal und neu in den Sonntagsgottesdienst. – Aber dann müssen sie angesprochen werden! Das ist eine Existenzfrage für die Gemeinde, und das nicht nur zur Mitarbeiterrekrutierung. Hier erweist sich, ob die Gläubigen für Berufungen offen sind. Und ob sie den Ruf weitergeben können, den sie selbst empfangen haben. Das entscheidet sich im und nach dem Gottesdienst selbst, das ist aber auch an den Strukturen der Gemeinde ablesbar. Ob immer wieder gleiche Programme abgespult werden, oder ob auch die jeweiligen Menschen – als Gemeindemitglieder oder Mitarbeiter – in ihrer Eigenart zur Geltung kommen.

Nach sieben Jahren in einer Gemeinde mit äußerst schwacher Religiosität und vorerst sehr wenigen, altgedienten Mitarbeitern zeigt sich: der Grund trägt! Immer wieder erscheinen Menschen in der vielfältigen Öffentlichkeit der Gemeinde, interessante Menschen, neugierige, suchende. Nach und nach entschließen sich solche, die bisher nur am Sonntag erschienen sind, zuerst nur in der Messe, später auch im Pfarrcafe, dann auch einmal, in nähere Bekanntschaft zu treten, in der einen oder anderen Gruppe, und dann schließlich einmal, selbst irgendwo Verantwortung zu übernehmen. Beinahe alle jetzigen Mitarbeiter, ehrenamtliche wie hauptamtliche, sind auf solche Weise aus dem Grunde erwachsen.

Zur Pflege dieses Grundes zählt auch die Arbeit an der Öffentlichkeit. Das hat gar nichts damit zu tun, eilfertig es allen recht machen zu wollen, oder bei allen Festen anzutanzen. Mir liegt mehr an der Errichtung einer diskursiven Öffentlichkeit, indem Themen aufgeworfen werden – einerseits mittels der eigenen Medien der „Sonntagsöffentlichkeit“, des Schaukastens, des Pfarrbriefes, der Kirchenzeitung – andererseits aber auch in nichtkirchlichen Medien. Kooperationen mit der Stadtgemeinde, z.B. bei der Errichtung eines Parks um die Kirche, haben solche erweiterte Öffentlichkeit gebracht, Konzerte und andere künstlerische Veranstaltungen, besonders aber auch die Themen (und Vortragenden!), die der „Kritische Oktober“ gesetzt hat. Da haben wir die Fragen gestellt, und Bürgermeister, Chefredakteur, Spitzensportler, Firmenchef haben geantwortet – vor unserer Pfarröffentlichkeit. Und die Themen waren Entwicklungsthemen: „Öffentlichkeit“, „Frau in Kirche“, „Kritischer Konsument“, „Entschiedenheit“, „Die am Rande sind“.

c.

Dritte Reflexionsstufe: Das Entspringenlassen ist der Hauptvorgang einer berufungsoffenen Pastoral. Ich will den springenden Punkt an einem Beispiel verdeutlichen: mit Kunst haben auch andere Gemeinden zu tun. Kirchenchor, Vernissagen, Kirchenführungen. Ich aber verstehe pastorale Kunstförderung nicht als Einladung namhafter, teurer Kunstdarsteller, sondern gerade umgekehrt als Förderung unbekannter, junger, abseitsstehender Künstler, und das nicht mit Geld, sondern mit eben unserer Öffentlichkeit! Wir finanzieren übrigens alle Kunstveranstaltungen über Subventionen. Aber auch unsere eigenen Vollzüge wachsen an der Kunst: ich denke an den jährlichen Kompositionsauftrag zu Christi Himmelfahrt, der unser liturgisches Feiern jedesmal neu herausfordert. – Mehr noch lassen wir uns herausfordern von den jährlich neu erscheinenden Kindern (und ihren Eltern), die sich auf die Eucharistie vorbereiten. Um die 50 Kinder sind ab Advent in der Sonntagsmesse und finden dort jedesmal, bis zum Frühjahr, eine auf sie abgestimmte Gestaltung. Manchmal ein Lied, manchmal ein Umzug, manchmal eine Dialogpredigt. Und immer ist die ganze Gemeinde dabei: so ist Entspringen-Lassen aus der Mitte der Gemeinde.

Das bringt mich auf die Widerstände. Unsere Sonntagsgemeinde lernt in kleinen Schritten, dass die Aufnahmefähigkeit des Bodens auch eine Belastung ist. Man braucht Geduld, guten Willen, Überwindung, auch eine neue Sprache, ein neues, ursprünglicheres Denken zu lernen. Kinder sprechen Dinge geradeheraus an. Wenn zwischen den Ansprüchen altgedienter Gemeindemitglieder oder denjenigen von Kindern oder neu Dazugekommenen zu entscheiden ist, bevorzuge ich eher die Neuen. Wenn ein Thema Staub aufwirbelt und auf Widerstände stößt, hält mich das nicht im geringsten ab. Das bedeutet, dass pastorale Entscheidungen ein gewisses Risiko eingehen. Eine solche Gemeindeentwicklung fördert daher viel weniger die Systementwicklung und –verhärtung, sondern die Elastizität. Es gibt Dinge, die scheitern, und das braucht nicht verschwiegen zu werden. Als diesen Sommer keine Jugendreise zustande kam, hab ich das jene Eltern merken lassen, die ihre Kinder woandershin schickten. Die Widerstände zeigen die Festigkeit des Grundes, das Risiko den Willen zum Entspringenlassen.

Der wesentliche Vorgang in einer berufungsoffenen Gemeinde (analog auch: Religionspädagogik) als Dialog, als Ansprechen des Grundes besteht also einerseits in gestalterischen Initiativen, und andererseits in der antwortenden Pflege dessen, was diesem Grund entspringt: nach und nach mit dem auf uns Zukommenden etwas anfangen können!

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