öffentlichkeit in der mediengesellschaft

Wo findet Ihrer Meinung nach Öffentlichkeit überhaupt statt? Im Fernsehen, das über Vorgänge in der Welt „draußen“ berichtet? Aber ferngesehen wird im Wohnzimmer, und Massenmedien zementieren geradezu eine Privatwelt und schaffen Öffentlichkeit ab, um sie durch ein medial konstruiertes Bild von Wirklichkeit zu ersetzen. Family-Sitcoms und Talk-Shows suggerieren eine Versammlung von Menschen, die in Wirklichkeit privat und einzeln sind. Die Masse der privaten Wirklichkeitskonsumenten sind zum stärksten wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden, ohne sich jemals zu versammeln – vielleicht auch gerade deswegen.
Wo aber sammeln sich Menschen? Im Supermarkt und im Restaurant. Beide Male geht es um Konsum, beim abendlichen Ausgehen wenigstens nicht einzeln, aber größere Runden und ernste und engagierte Diskussionen sind eher die Ausnahme. Im Ganzen dienen unsere Dörfer und Städte eigentlich der Vermeidung von Öffentlichkeit: Häuschen mit hohem Gartenzaun, Wohnanlagen mit abgezählten Parkplätzen, wo Besucher nicht vorgesehen sind, Einkaufswege, die nicht begehbar, nur befahrbar sind, genauso wie die Schulwege. Öffentliche Verkehrsmittel werden durch Privatautos ersetzt, jeder für sich allein. Die Zentren unserer Städte mit ihren Plätzen entleeren sich, statt sich dort zu versammeln, passiert man sie, als Einkäufer, als Tourist.
Wie bilden Menschen ihre Meinung? Durch privaten Konsum von Massenmedien. Die freie moderne Massengesellschaft hat erreicht, was keine Diktatur zustande brachte: freiwillige Unterwerfung von Menschenmassen dem Diktat der Meinungen. Allerdings muß dazugesagt werden: nur äußerlich. Man glaubt es nicht wirklich, was man medial vermittelt bekommt. Denn eine Woche später steht das Gegenteil in der Zeitung, und es wird auch geglaubt, äußerlich. Es scheint sich ein neues Korrektiv gebildet zu haben: Demonstrationen für oder gegen gesellschaftliche Vorgänge haben ausgedient, Diskussionen sind anstrengend, die innere Reserve aber kostet nichts. Wir machen überall brav mit, was von Mehrheiten getragen wird, aber wir glauben es nicht und sind auch jederzeit bereit, es zu verwerfen, wenn die Mehrheit wankt.
Ich meine, daß Christen diese Vorgänge besorgt beobachten und über Alternativen nachdenken sollen. Innovative Pastoral stellt sich der Privatisierung von Öffentlichkeit entgegen und entwickelt ein korrektives Gemeindebild.
Wichtigstes Element ist die öffentliche Versammlung, die Bewußtsein und Wahrnehmung schärft und nicht selbst wiederum konsumistisch ist: Ich denke an den Sonntagsgottesdienst. Wenn Christen diese Versammlung nicht mehr zustande bringen, wird der arbeitsfreie Sonntag nicht mehr zu halten sein – ich wüßte auch nicht, wozu. Diese Versammlung braucht eine kommunikative Organisation. Wir lernen miteinander umgehen. Und wenn wir Interesse aneinander gefunden haben, wenn wir bereit geworden sind, uns auf einander einzulassen, wenn wir anfangen können, miteinander zu arbeiten aus freier Entscheidung und Überzeugung, und nicht gegen Geld und Belohnung, kurzum: wenn Öffentlichkeit eigenständig wird, dann können wir einen anderen, eigenen Kurs steuern, notfalls auch gegen die Strömung.

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