Dienstag, 9. August 2016

Dougga

Die Roemer machten Druck auf Karthago. Bei ihrem letzten Sieg hatten sie einen Nichtangriffspakt fuer Numidien vereinbart. Die Numider aber provozierten Karthago, bis Hanubal sie zurueckwirft und damit den dritten Krieg der Roemer gegen Karthago ausloest. Eine der numidischen Staedte war Tukka, von wo aus Massinissa im 2. Jht v.Chr. gegen Karthago stichelte. Von seiner Stadtmauer steht noch etwas, ebenso wie ein grosses punisches Grabmonument. Am meisten ist jedoch erhalten von der bluehenden Stadt, welche die Roemer schliesslich errichtet hatten - ein praechtiges Amphitheater, das Forum, Wohnhaeuser, Tempel, Stadttore sowie auch eine Kirche, welche einer unter dem Altar beigesetzten Viktoria geweiht ist.

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Es war auch beinahe eine militaerische Unternehmung, nach Tukka vorzustossen. Zuerst lange und schweisstreibende Fahrten von Biserte nach Tunis, dann nach Teboursouk. Dort im Dorfzentrum ausgestiegen und mich durchgefragt zum Hotel Thugga, ueber einen sandigen Fussweg zwischen Gaerten und Feldern hinunter. Schnell eingechackt, umgezogen, und wieder los. Das Hotel ist eine grosse Anlage, flach um zwei Hoefe herum, mit orientalischem Palmengarten, grossem Speisesaal und langen Gaengen mit glatten, spiegelnden Fliesen. Aber bereits beim ersten Schritt ueber die glatten Stufen hatte ich den Eindruck, der einzige Gast zu sein. Der Garten duerr und staubig. In den Gaengen Moebel zur Reparatur geschlichtet. Boehrgeraeusche, immer wieder Arbeiter zur Besprechung.
Der Rezeptionist, der zugleich Kelllner, Manager und Bauleiter zu sein schien, war von spindelduerrer Gestalt, und seine schwarzen Hosen schienen unterm weissen Hemd von selbst zu gehen, als waehren sie hohl. Er war ueberaus freundlich und zuvorkommend. Als ich nach dem Abendessen, allein ungefaehr in der Mitte des grossen Speisesaals sitzend, schliesslich muede vom langen und heissen Tag endlich in meinem schoenen und sauberen Zimmer war und ueber dem Buch etwas eingenickt war, da troeteten ploetzlich unsagbare Geraeusche vor meinem Fenster. Nackt sprang ich auf, riss Fenster und Laden auf und sah einen Mann stehen, der sich als Braeutigam bezeichnete und eben jetzt geheiratet hatte. Zur Bekraeftigung seiner Worte fegte das orientalische Orchester eine Lautfolge durch die Nacht, und ein Gejohle aus hunderten Kehlen setzte ein. Ich schloss das Fenster, zog etwas an und tappte zur Rezeption, vor der Braut, die im Eingang stand in ihrem prachtvollen Kleid, von allen Seiten beknippst wurde und geradewegs auf mich blickte, als wollte sie die Wahrheit der Nachricht beweisen. Ohne den geringsten Zweifel zu haben, eroerterte ich dem Rezeptionisten meine Situation, und er gab mir augenblicklich ein anderes Zimmer. Es koennte sein, dass mich einige Hochzeitsgaeste beobachtet haben, wie ich Zahnputzzeug und Waesche durch den Gang schleppte, und am naechsten Tag brauchte ich eine Weile, bis ich mich im Zimmer zurechtfand. Aber beim Fruehstueck im Speisesaal war ich wieder der einzige, als waere das naechtliche Ereignis ein Spuk gewesen

Bashir

Ich war schon fertig zur Abreise am Sonntag. Da sprach mich Bashir an auf der Strasse. Er hatte mich schon frueher gesehen, damals, als ich im Cafe gesessen bin mit meinen Buechern und Notizen. Damals war mir aufgefallen, wie die Menschen einander kannten in der Nachbarschaft. Im Cafe wird man gegruesst von Passanten. Ein Auto bleibt stehen, das Fester wird heruntergekurbelt, und man ruft einander etwas zu. So war es auch mit Bashir. Mein Sitznachbar hatte ihn angesprochen, dann waren sie um den Tisch gesessen.

Bashir stellt sich vor als Finanzmanager, der zehn Jahre in USA gearbeitet hat und mehrere Jahre in England. Wir gehen in ein Cafe, spaeter laedt er mich nach Hause ein. Ohne etwas von mir zu wissen, stellt er sich als "sozusagen christlich" vor, das heisst interessiert und bibellesend, aber ungetauft. Und nun kommt seine Leidensgeschichte. Sie scheint damit zu tun zu haben, dass man in Tunesien Heimkehrern misstraut, und dass seit der Revolution 2011 das Land zwar frei vom Diktator, aber noch nicht frei von Korruption ist.
Bashir ist ein grosser Mann Ende Dreissig, er spricht sehr konzentriert und ist sehr ernst. Er ist nicht verheiratet und lebt nun im Elternhaus, wo ich am Nachmittag seine Mutter, zwei Schwestern und den franzoesischen Schwager mit den beiden Toechterchen kennenlerne. Auch mit ihm verstehe ich mich gut, wir reden ueber Tunesien, den Islam, ueber franzoesische und ueber Kirchengeschichte.

Schliesslich mache ich auf Bashirs Bitte eine Daemonenaustreibung, und dann gehen wir schwimmen am Strand der Corniche. Das Meer ist ungewoehnlich aufgewuehlt, Seegras treibt wie Wolken, und meterhohe Wogen donnern an den Strand und die spitzigen Felsen dort. Ich arbeite mich den Wogen entgegen. Wenn du einer standgehalten hast, dann zieht dich das zurueckfliessende Wasser mit grosser Gewalt an den Fuessen hinaus, und sogleich stuerzt dir die naechste Welle ueber den Kopf. Einmal verliere ich den Boden, und es wirbelt mich herum im Innern der Welle, sodass ich einen Purzelbaum schlage. Ich spuere wieder Boden unter den Fuessen und komme an die Luft. Ich schwimme weiter hinaus, auch andere sind da, junge Maenner, die lachen und schwimmen, auch Bashir ist gekommen. Dann stecken wir im Seegras fest, jede Woge wirbelt das Gras herum, es ist ueberall, im Haar, in der Badehose, es windet sich um Arme und Beine und wickelt mich ein, sodass ich mich anstrengen muss, um weiterzukommen. Schliesslich kehren wir erschoepft zurueck und lassen uns an den Strand werfen und stapfen mit wackligen Knien und ausser Atem zu unserem Handtuch zurueck, und Bashir zeigt mir, in welcher Richtung Sizilien liegt in 150 km, und in der Haelfte der Entfernung ist Lampedusa.

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